Gedenkort für Mehmet Turgut - Rostock

Leise Töne in Beton

Als letzte von sieben Städten eröffnet Rostock im Februar einen Ort zum Gedenken an die Morde der NSU. Hierfür hatte sie eigens einen Wettbewerb ausgeschrieben, den zwei der teilnehmenden Künstler nun empört kritisieren. Kommentar und Analyse von Nora Gohlke

"Wir haben an einem gut gemeinten Wettbewerb teilgenommen. Es ging um einen Gedenkort für das NSU-Opfer Mehmet Turgut. Das Ergebnis ist ein deprimierender Verweis auf das Wesen deutscher Gedenkkultur."

Mit deutlichen Worten bekunden die Künstler Boran Burchhardt und Susan Donath ihren Unmut über den Verlauf und Ausgang eines Wettbewerbs der Stadt Rostock, an dem sie zusammen mit drei weiteren Künstlern teilgenommen hatten. Nach langen Debatten um einen angemessenen "Gedenkort" für das fünfte NSU-Opfer, Mehmet Turgut, ist die Ausschreibung bis Ende 2013 durchgeführt worden. Zum zehnten Jahrestag der Ermordung Turguts am 25. Februar 2004 soll das Denkmal am Tatort im Ortsteil Toitenwinkel eröffnet werden.

So explizit sich die beiden Künstler in ihrer Pressemitteilung zu Wort melden, so "laut" sind auch ihre Entwürfe, insbesondere Burchhardts: In seinem Beitrag wirft das Wort "Mord", in unschuldiger Schreibschrift über einem Fahnenmast, seinen Schatten auf die darunterliegende Wiese. Gewonnen hat jedoch der "leise" Entwurf des Künstlers Tobias-David Albert: Zwei aus Beton gegossene Bänke, die sich parallel versetzt gegenüberstehen. Mit ihrer Pressemitteilung führen die beiden protestierenden Künstler nun die Debatte fort, die für die Stadt mit der Denkmalsetzung doch eigentlich ein Ende hätte finden sollen: Welche Form ist an diesem Ort die angemessene, um des Mordes an Mehmet Turgut zu gedenken? Donath und Burchhardt denken, dass die beiden Bänke eine zementierte Antwort sein werden "auf unseren Umgang mit den Ereignissen. Die Bänke werden als betonierte Hilflosigkeit und Überforderung der politischen Kräfte Rostocks weiterwirken."

Rostock ist die letzte der sieben Städte, die ihrem Opfer des NSU ein Denkmal setzen. Bereits im April 2012 geben die Städte, in denen die Terrorgruppe mutmaßlich gemordet hat, eine Erklärung heraus: "Neo-nazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!"

Während Dortmund, Heilbronn, Kassel und Hamburg noch 2012 Gedenktafeln mit diesem Text anbringen, geschieht in Rostock nach außen hin erst einmal gar nichts. Fatal in einer Stadt, die seit 1992 als der Ort gebrandmarkt ist, an dem drei Tage und drei Nächte lang teils rechtsextreme Randalierer ein Flüchtlingsheim ungehindert angreifen und in Brand setzten konnten. "Das ist so klassisch: Aus Angst, etwas Falsches zu tun, tut man lange nichts und damit automatisch das Falsche", sagt die Leiterin der Arbeitsstelle für Politische Bildung an der Universität Rostock, Gudrun Heinrich. "Nein, es ging nicht um das Abhaken einer Pflicht, sondern um das 'Mitnehmen' der unterschiedlichen Gruppierungen und Interessenvertretungen", entgegnet heute Rostocks Pressesprecher Ulrich Kunze.

Hinter den Kulissen passiert seit dem Beschluss über die Erklärung der Städte eigentlich recht viel. Leider nicht nur Positives: Den Vorschlag, den Weg am Tatort in Mehmet-Turgut-Weg umzubenennen, lehnen die zuständigen Bürgervertretungen der Ortsteile ab. Dennoch muss und will man einen Ausdruck zur Erinnerung und Mahnung finden. Die Rostocker Bürgerschaft beschließt, eine Arbeitsgruppe "Gedenken" zu gründen. Vertreter der demokratischen Fraktionen sowie zivilgesellschaftlicher Vereinigungen unter der Leitung der Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens nehmen teil.

Die Arbeitsgruppe diskutiert die von den sieben Städten herausgegebene Erklärung und setzt einen eigenen Text auf: den ersten Artikel der Erklärung der Menschenrechte sowie "im Gedenken an Mehment Turgut, der hier am 25. Feburar 2004 dem menschenverachtenden, rassistisch motivierten Terror einer bundesweiten Mordserie zum Opfer fiel". Den Wettbewerb für den Gedenkort lobt die Stadt schließlich im September 2013 aus. Politisch gesehen habe man mit dem Wettbewerb in letzter Minute alles richtig gemacht, so Burchhardt und Donath. Sie vergleichen Rostocks Wettbewerb mit den anderen Städten, die nur Gedenktafeln anbrachten: "Junge Künstler wurden angefragt. Der Anspruch wurde formuliert, dass eine wirkliche Auseinandersetzung gewünscht sei."

Was nach außen wie Passivität wirkt, ist also tatsächlich ein langwieriger demokratischer Prozess. Problematisch an der von Boran Burchard und Susan Donath jetzt geäußerten Kritik ist, dass sie ihre ästhetische Kritik am Ergebnis mit einer Geringschätzung des Entscheidungsprozesses vermischen. Sie bezeichnen den Prozess als "demokratische Endlosschleife": "Was nützt die ganze demokratische Legitimation, wenn das Ergebnis in keinem Verhältnis zu der Tragweite des Ereignisses steht?" Damit entwerten sie gerade das, was sie stärken wollen: demokratischen Respekt vor Menschenrechten.

Doch ihre Kritik bringt den Wettbewerb ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit – und macht damit auf spannende Art die wichtige Frage sichtbar: Ist lautes oder leises Gedenken angemessener? Die Rostocker haben sich klar für leise entschieden: Das Ergebnis sind die Bänke des Leipziger Designers und Schriftkünstlers Tobias-David Albert. Der Gedenktext ist hier auf jeder Seite auf Deutsch und Türkisch in Stahlplatten eingraviert. Die Bänke sind so ausgerichtet, dass das Sonnenlicht der Winterzeit um 10:20 Uhr, zur Tatzeit des Mordes, parallel zu ihnen verläuft.

Laut oder leise, falsch oder richtig – diese Frage ist nicht zu entscheiden. Der Streit darüber ist dennoch wichtig. Wenn man die anderen Entwürfe betrachtet, merkt man schnell, wie groß das Spektrum an Möglichkeiten ist: Der Entwurf des türkischstämmigen Künstlerpaares Özlem Günyol und Mustafa Kunt erhielt den zweiten Platz. Die beiden stellen den Mord an Turgut formal in den Zusammenhang mit den anderen Opfern: In einen kreisrund gepflasterten Platz sind nach geografischen Positionen der Städte Messingschilder mit den Namen und Todesdaten der anderen Mordopfer eingelassen. Auf zwei Tafeln stehen sowohl der Gedenktext als auch die gemeinsame Erklärung der Städte. In der Mitte zerfließt ein geschmolzener Fahnenmast. Das rassistische Motiv wiege so schwer, dass sich die Wahrnehmung der Schwerkraft an Ort verändere. Als könne diese einen Fahnenmast zu Boden bringen, so die Intention der Künstler. Auch Susan Donath befasst sich mit der Fahne als politischem Statement. Susan Donath, die ihre Ausbildung an der Hochschule für bildende Künste absolvierte und schon einige Arbeiten zum Gedenken im öffentlichen Raum vorweisen kann, setzt mit einem Mast mit grüner Fahne neben einer schwarzen Tafel ein eher plakatives Zeichen am Gedenkort.

Am lautesten ist der Entwurf von Burchardt: Er setzt das Wort "Mord" offensiv in Szene. Der 1973 geborene Boran Burchhardt hat an der HfbK unter anderen bei Werner Büttner studiert. Bei ihm wehen Fahnen von Deutschland, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock und einer weiteren mit dem Gedenktext am Mast unter dem Schriftzug "Mord" in Schreibschrift. Die drei Hoheitssymbole haben einen bedeutungsvolle Wirkung, falls das Denkmal in Zukunft geschändet werden sollte: Denn wer hoheitliche Zeichen schändet, wird strafrechtlich verfolgt, ohne dass Anzeige erstattet werden muss. Eine Kamera gegenüber nimmt den Gedenkort auf.

Die Jury bestand aus Fachpreisrichtern mit künstlerischem Hintergrund und Sachpreisrichtern, unter anderen aus der Arbeitsgruppe "Gedenken" und der Bürgervertretung des Ortsteils Dierkow begründet ihre Entscheidung für den Siegerentwurf damit, dass die Bänke auf Dialog statt auf Konfrontation setzen. Sie zum Verweilen einladen und eine Möglichkeit zur Kommunikation schaffen. "Der minimalistische Entwurf zielt auf eine leise und dialogische Form des Gedenkens an Mehmet Turgut", begründet Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens. In ihrer Pressmitteilung zitieren Burchardt und Donath aus dem Protokoll der Juryentscheidung. Sie haben ein vermeintlich entlarvendes Zitat über Burchardts Entwurf gefunden: Ihm lägen "zu viele negativ wirkende Aspekte, zum Beispiel das Wort 'Mord'" zugrunde. Warum der "Aspekt Mord" im Zusammenhang mit einem Attentat als negativ betrachtet wird, ist nicht begründet. Natürlich lässt das tief blicken. Aber so sind demokratische Jury-Diskussionen nun mal: Einerseits diskutiert man ästhetisch, aber dabei schwingen alle Meinungen, Urteile und Vorurteile mit, die Menschen so haben. Und am Ende muss ein Gewinner stehen. Rostock hat da entschieden: Leises Gedenken, kein lautes. Sie kennen ihre eigene Stadt: Die Anforderung an die Künstler, "die Möglichkeit einer Schändung des Gedenkortes" mitzudenken, ist nicht unbegründet. Schon im Oktober 2013 findet man an der Straßenbahnhaltestelle "Hafenallee", weniger als zwei Kilometer vom geplanten Gedenkort entfernt, drei Fahnen mit Hakenkreuz und SS-Runen.