Kulturkanal - Wilhelmsburg

Es ist doch alles schon da!

Es ist nicht immer leicht für die Bewohner des größten Hamburger Stadtteils. Wilhelmsburg wird im Volksmund schon mal "Klein-Istanbul" genannt, und auch die Lage südlich der Elbe spricht quasi schon für sich. Dabei tut sich hier gerade ganz viel, besonders kulturell und künstlerisch.
Kunstkonflikt:Gefahr für Idee des Wilhelmsburger Kulturkanals

Die Soul Kitchen Halle, Schauplatz für Fatih Akins gleichnamigen Film, würde ebenfalls zu einem möglichen Kulturkanal in Wilhelmsburg gehören. Filmstill aus "Die Wilde 13" von Produzent Marco Antonio Reyes Loredo

Die Atmosphäre ist angespannt. Aufgeregt wie an Weihnachten, kurz bevor es in das Bescherungszimmer geht. Jeder hier in den Zinnwerken merkt, dass heute etwas anders ist.

Dementsprechend aufwändig ist auch die Dekoration, die aus den alten Fabrikhallen einen Kinosaal mit Foyer, Bar und Tanzfläche macht. Alles für die Teampremiere des Dokumentarfilms "Die Wilde 13".

Marco Antonio Reyes Loredo ist Wilhelmsburger. Nicht gebürtig, aber er fühlt sich hier wohl. Und er ist einer, der für Wilhelmsburgs Kultur kämpft, der will, dass etwas passiert. Mit seiner Produktionsfirma Hirn und Wanst dokumentiert er nun das Leben auf der Insel in einem Film. "Die Wilde 13" heißt der, angelehnt an die Buslinie 13, die "in Wilhelmsburg jeder schon mal gefahren ist", wie Marco sagt. Die Insassen der Linie 13 sind dabei so unterschiedlich wie die Facetten des Stadtteils selbst. Verschiedene Hauptdarsteller führen durch Wilhelmsburg, zeigen, wie es sich hier lebt, wer sie sind und wie ihr Viertel aussieht. Sie alle überzeugen durch Authentizität und auch durch Nähe.

Obwohl viel gelacht wird im Saal, wenn zum Beispiel Urgestein Peter nicht gleich merkt, dass er gerade gefilmt wird, und ihm ein "Scheiße!" entfährt, gibt es auch traurige Stellen. Der Zuschauer lernt im Bus zum Beispiel Mathias Lintl kennen. Der sorgte noch bis vor kurzem für Action in der Soul Kitchen Halle am Wilhelmsburger Veringkanal. Die durch Regisseur Fatih Akin berühmt gewordene Industriehalle bot Raum für Konzerte, Partys und kulturellen Austausch, doch aufgrund eines Baugutachtens musste sie geschlossen werden. Lintl und Helfer müssen im Film ganz schön rödeln, um Ordnung in die Bude zu bringen. Dann folgt eine Versteigerung des Inventars; Ein junger Mann kauft einen Briefkasten für zwei Euro, neben einem Mädchen steht ein gelblicher Heizkörper. Wenn man Mathias Lintl so zuhört, muss man schon schlucken. Er hängt an seiner Soul Kitchen Halle, das merkt man, ihre Schließung tut ihm weh.

Nirgendwo in Hamburg scheint wirklich Platz zu sein, für Kunst und Kultur. Dabei wäre das Ufer des Veringkanals der ideale Ort dafür. "Hier ist doch alles schon da", sagt Marco mit einer ausladenden Handbewegung auf Soul Kitchen, Honigfabrik, Tonne und Zinnwerke, "es muss nur noch erhalten werden". Und den Anstoß dazu hat Bezirksbürgermeister Andy Grothe auch bereits gegeben. "Er hat als Erster von einem 'Kulturkanal' gesprochen. Nun will das allerdings keiner in die Hand nehmen." Marco wirkt nicht verbittert, während er das sagt. Obwohl er gerade erst einen Kampf gegen Stadt und Behörden hinter sich hat, sprüht er nur so vor Motivation. Vielleicht auch gerade deswegen, denn den Kampf um die Heimat seiner Produktionsfirma, die Zinnwerke, hat er gewonnen. Hier, ebenfalls am Veringkanal, sollten die alten Fabrikhallen durch neue Hochregallager für den Opernfundus ersetzt werden. "Wir hatten aber so viele Unterstützer, auch Prominente wie Deichkind und Kampnagel, dass wir es geschafft haben", erklärt Marco nicht ohne Stolz.

Nun aber gleich der nächste Kampf. Gegen die Schließung der Soul Kitchen Halle, für die Anerkennung von Kunst und Kultur in Wilhelmsburg. "Im letzten Jahr hat sich hier so viel verändert", sagt Marcos Partnerin Kerstin Schaefer, Regisseurin von "Die Wilde 13". Das liegt sicher auch an den internationalen Ausstellungen IBA und IGS, aber auch daran, dass die Insulaner keine Gentrifizierung wollen. Die Angst vor steigenden Mieten sorge für eine "fiebrige Vorabendstimmung", erklärt Kerstin. So heterogen die Wilhelmsburger sind, so einig sind sie sich in der Liebe zu ihrem Stadtteil. Der Film zeigt: Sie haben nichts gegen Zuziehende, gegen Touristen oder Neueröffnungen, wollen aber ernstgenommen werden und vor allem bleiben dürfen. Solange ein Kulturkanal nicht für steigende Mieten sorgt, finden sich auch Befürworter. Das weiß auch der SPD-Abgeordnete Metin Hakverdi. "Wir haben großes Interesse an einem Kulturkanal", sagt er, "aber der Ein oder Andere ist da vielleicht skeptisch, darauf sollten wir zunächst Rücksicht nehmen".

Marco steht auf jeden Fall bereit. Auch wenn er bei der Teampremiere von "Die Wilde 13" erklärt, er sei entgegen aller Gerüchte nicht der "Besitzer des Kulturkanals", so hat er doch schon einige Fäden gezogen. "Die Leute kommen hier bei Hirn und Wanst vorbei, reden mit mir über den Kanal und die Projekte", erzählt er. Selbst Geldgeber seien dabei; potenzielle Investoren. "Aber die Politik ist wie ein Tanker mit mehreren Kapitänen – schwierig, auf Kurs zu bringen." Marco hofft auf die positive Energie, die bei der Rettung der Zinnwerke freigesetzt wurde. Nun muss nur noch die Politik erkennen, dass Hamburgs Kulturszene ohne Nährboden ganz schnell stirbt. Und Nährboden böte der Veringkanal in großer Menge.

Der Trailer zum Film "Die Wilde 13"

Die Wilde 13

Der Dokumentarfilm "Die Wilde 13" läuft zum ersten Mal beim Hamburger Filmfest am 3. Oktober im Hamburger Passage Kino.

Der NDR strahlt den Film sowohl am 13. als auch am 17. Oktober aus.
http://www.die-wilde-13.de/