Philippe Vergne - Los Angeles

Der neue Mann in L.A.

Philippe Vergne, der Leiter der New Yorker DIA-Stiftung, wird der neue Direktor des von Sorgen geplagten Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles – und ersetzt den glücklosen, ehemaligen New Yorker Kunsthändler Jeffrey Deitch, der im Sommer seinen Posten geräumt hat.

Wieder übernimmt ein New Yorker einen großen Führungsposten an der Westküste. Philippe Vergne folgt nicht nur den Spuren seines Vorgängers Jeffrey Deitch am MOCA. Er trifft in Los Angeles auch auch den charismatischen Michael Govan. Er war wie Vergne Präsident und Direktor der DIA-Foundation, bevor er nach Los Angeles wechselte. Jetzt leitet er dort das größte Kunstmuseum der Westküste, das Los Angeles County Museum of Art. LACMA und MOCA sind die zwei Big Player in L.A. – das MOCA ist allerdings deutlich kleiner.

Philippe Vergne hat dennoch große Namen aus dem Rennen geworfen. Die anderen prominenten Kandidaten, die Gerüchten zufolge für den MOCA-Posten gehandelt wurden, waren unter anderem die in L.A. geborene Ann Goldstein, die im vergangenen Jahr als Direktorin des Stedelijk Museum in Amsterdam zurückgetreten war und einen Großteil ihrer Karriere als Kuratorin am MOCA verbracht hatte, Lisa Phillips, die seit 1999 mit Erfolg das New Museum in New York leitet, sowie der Schweizer Philipp Kaiser, der 2013 nach nur einem Jahr seinen Job als Direktor des Kölner Museum Ludwig aufgegeben hatte und als leitender Kurator am MOCA tätig war. Oder der frühere King of Miami, der ehemalige Art-Basel-Direktor Sam Keller, der nach seiner Karriere als Messemacher die Stiftung Beyeler übernahm.

Mit dem Franzosen Vergne entschied sich der MOCA-Vorstand für einen charmanten, wendigen Museumschef, der mit seiner exzentrischen Art im Vergleich zu dem glatten Michael Govan wie ein bunter Vogel wirkt. Unter Vergne, der seit 2008 die DIA-Stiftung leitete, sollte das DIA-Museum zurück zu seinen Wurzeln kehren und nach Chelsea ziehen. Aber der Museumsneubau auf der 22nd Street schleppt sich dahin. Vor drei Jahren wurden die ehrgeizigen Pläne verkündet – seitdem wurde noch nicht einmal die Baugrube auf dem Grundstück ausgehoben. Wieweit Vergne ein geschickter Spendensammler ist – und das ist es, was in den USA neben anderen Qualitäten einen guten Museumsdirektor ausmacht und woran schon Jeffrey Deitch scheiterte –, ist unklar. 2013 entschied sich Vergne dazu, einige wichtige Werke aus der DIA-Sammlung von Künstlern wie John Chamberlain, Barnett Newman und Cy Twombly zu verkaufen, um den DIA-Neubau zu finanzieren. Für den Verkauf wurde er stark kritisiert. 38,4 Millionen Dollar brachte die Aktion bei der Versteigerung bei Sotheby’s ein. Doch ein Großteil der Einnahmen flossen nicht in den Neubau, sondern in die laufenden Kosten der DIA-Filiale in Beacon, New York. Es wird sich also zeigen, ob Vergne mit seinem französischen Charme Hollywood einwickeln kann und den vermögenden Sammlern und Patronen der Stadt das Geld aus der Tasche ziehen wird und wieweit er sich als Europäer in der Westküsten-Welt integrieren kann.

Der 47-jährige Vergne ist in Troyes im Nordosten Frankreichs geboren. Als Kurator arbeitete er sowohl in Europa als auch in den USA. Von 1994 bis 1997 leitete er das Musée d’Art Contemporain in Marseille, bevor er als leitender Kurator zum Walker Art Center in Minneapolis wechselte und seine US-Karriere begann. Er zog kurzfristig wieder nach Europa, um die private Stiftung des Mega-Sammlers François Pinault zu leiten. Aber kehrte schon bald zum Walker Art Center nach Minnesota zurück, um dort 2005 als stellvertretender Direktor und leitender Kurator tätig zu sein. In 2006 kuratierte er die Whitney-Biennale in New York. Seinen Posten bei der DIA-Stiftung trat er 2008 an. Lange hat es Vergne nie an einem Posten gehalten.

Seine Ernennung findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem der Vorstand des MOCA mit neuen Leuten besetzt wird. Das mit finanziellen Engpässen kämpfende Museum hatte gerade erst verkündet, dass es sein Ziel, 100 Millionen Dollar einzusammeln, erreicht hat. Zum Komitee zur Besetzung des Chefpostens gehörten neben dem Vorstand vier prominente L.A.-Künstler: John Baldessari, Catherine Opie, Barbara Kruger und Ed Ruscha. Alle vier Künstler hatten den MOCA-Vorstand unter der Führung von Jeffrey Deitch verlassen, weil sie mit den luftigen Ausstellungskonzepten des New Yorkers unzufrieden waren und weil unter Deitch der angesehene Chefkurator des MOCA, Paul Schimmel, zurückgetreten war. Vergne tritt also ein äußerst schwieriges Erbe an: Das MOCA leidet nicht nur unter chronischen Geldsorgen, sondern braucht ein neues Ausstellungsprogramm sowie ein neues Konzept für die Zukunft. Außerdem wird das Museum kritisch von den heimischen Künstlern beäugt. Das Letzte, was das MOCA braucht, ist ein weiterer arrogant daherkommender New Yorker, der in L.A. einreitet. Es wird sich zeigen, ob Vergne das Herz der L.A.-Kunstgemeinde zurückgewinnen wird.

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