Capitain Petzel - Kunst im Heim

Mehr Platz für junge Künstler

Die Galeristen Gisela Capitain und Friedrich Petzel fusionieren in Berlin. Der neue Ausstellungsraum eröffnete am Wochenende in einem modernistischen Glaskubus aus DDR-Zeiten an der Berliner Karl-Marx-Allee.
Mehr Platz für junge Künstler:die neue Berliner Galerie von Capitain Petzel

Blick in die Ausstellung "Kunst im Heim". Im Vordergrund: Joyce Pensato, "Loudmouth, Bart, Dark Side of Barney, Waldo, Friend of Waldo", 2008

Gelbe Riffelkacheln an den Seitenwänden, poolblaue Stäbchenfliesen an der Fassade und dazwischen riesige Panoramascheiben: Der Glaspavillon an der Karl-Marx-Allee 45, dekoriert mit den schaurig-schönen Architekturelementen der sozialistischen Ära, erlebt als lichtdurchflutete Galerie ein Comeback.

In diesem 1300 Quadratmeter großen Bau mit drei Ebenen, den die Architekten Josef Kaiser and Walter Franek 1964 vor die beigegrauen Wohnblocks, die "Arbeiterpaläste", setzten, eröffnen Gisela Capitain und Friedrich Petzel am 31. Oktober 2008 ihre gemeinsame Dependance "Capitain Petzel". Bevor sie das denkmalgeschützte Gebäude von dem Berliner Architekten Thomas Dietzsch galerietauglich umgestalten ließen, diente es als BMW-Showroom und Disco "Ibiza". In den sechziger Jahren nannte man das Gebäude "Kunst im Heim", weil in den Vitrinen Gemälde, Skulpturen, Keramiken und Kunsthandwerk der renommiertesten Manufakturen des Ostblocks gezeigt wurden.

"Kunst im Heim" heißt auch die erste Ausstellung von Capitain Petzel. Für die Debütshow haben die Galeristen Werke der Künstler beider Galerien kombiniert, darunter Cosima von Bonin, Troy Brauntuch, Margarete Jakschik, Martin Kippenberger, Maria Lassnig, Zoe Leonard, Sam Samore, Dirk Skreber, Monika Sosnowska, Christopher Williams und Christopher Wool. Viele von Ihnen haben mit Hilfe von Archivmaterial und Architekturdokumenten neue Arbeiten gefertigt, die auf die Geschichte der Galerie und dessen Umgebung Bezug nehmen. Auch die DDR-Vitrinen kommen wieder zum Einsatz, von einem Tischler originalgetreu nachgebaut.

Logische Folge einer langjährigen Kooperation

Dirk Skreber installiert dicht hinter dem Panoramaglas, vor dem sich der ehemalige Prachtboulevard der DDR schnurgerade vom Alexanderplatz in Richtung Moskau erstreckt, eine monumentale Skulptur auf einem Block aus gepresstem Schlamm. Oben auf der Empore verteilt Christopher Williams seine politische Inszenierung "Bologna Rossa" über die linke Partei der Stadt, die bis 1999 regierte, auf mehrere Schaukästen. Monika Sosnowska entdeckte in der Umbauphase ein Loch im Galerieboden und bat darum, es offen zu lassen. Sie fädelte ein Tau hindurch und ließ daran Zement ins ebenso geräumige Untergeschoss tropfen, wo es als breite Pfütze erstarrt.

Für Friedrich Petzel, der seit 1993 eine Galerie in Chelsea führt, und Gisela Capitain, die seit 1986 erfolgreiche Galeriearbeit in Köln leistet, ist die gemeinsame Galerie "eine logische Folge ihrer langjährigen Kooperation", so Dan Gunn, der neue Direktor der Galerie, der in London bei Maureen Paley und bei der Lisson Gallery gearbeitet hat. Auf der Art Basel Miami Beach teilen sie sich seit der Gründung der Messe eine Koje. Friedrich Petzel ist ein ehemaliger Mitarbeiter von Gisela Capitain, die exklusiv den Nachlass Kippenbergers verwaltet und mit dem Künstler in Berlin 1978 das "Büro Kippenberger" gründete. "Friedrich und Gisela schauen abwechselnd ein paar Mal im Monat vorbei", erklärt Dan Gunn.

"Köln bleibt ebenso wichtig wie Berlin"

"Beide haben schon seit Jahren mit dem Gedanken gespielt, einen Standort in Berlin zu eröffnen", sagt er. "Schließlich arbeiten wir mit den großen Berliner Sammlern zusammen". Was die Galeristen reizt, ist die unmittelbare Nähe zum Kunstgeschehen. Sie sind fasziniert von der Berliner Kunstszene und den vielen Künstlern, die hier leben und arbeiten. "Wir werden uns auch auf Künstler konzentrieren, die in Berlin noch nicht gezeigt worden sind. Und wir werden neue, junge Künstler mit ins Programm nehmen", sagt Dan Gunn. "Natürlich begeistert die Galeristen auch der Platz, den man hier zur Verfügung hat", ergänzt er. "Ihre Galerien in New York und Köln werden aber beide behalten. Für Gisela Capitain bleibt Köln ebenso wichtig wie Berlin, sie fühlt sich der Stadt sehr verbunden."

Die zweite Ausstellung, die am 12. Dezember eröffnet wird, widmet die Galerie der Künstlerin Charline von Heyl. Für das Frühjahr 2009 sind Soloausstellungen von Christopher Williams, Monika Sosnowska und Kelley Walker in Planung, der amerikanischen Künstlerin, deren Werk sich um die Virtualisierung der Wirklichkeit, um Werbung und um Medienkonsum dreht.

Rund zehn Galerien, darunter Galerie Wagner und Partner in der Hausnummer 87, und Stephan Adamski aus Aachen am Strausberger Platz, nutzen die großzügigen Räume an der Karl-Marx-Allee. Auch Axel Haubrok residiert mit seiner Sammlung in der Nähe, im ehemaligen Haus des Kindes, von wo aus man den ehemaligen Paradeboulevard hinunter in Richtung Osten blicken kann. In Zukunft, so die Immobilienfirma Aktiva, die sich auf die Gegend spezialisiert hat, soll auch auf den Flachdächern der Wohnblocks und auf dem extrabreiten Mittelstreifen Kunst präsentiert werden.

Lesen Sie in der aktuellen art-Ausgabe 11/2008 mehr über den Galerienboom in Deutschlands Kunsthauptstadt Berlin.

"Kunst im Heim"

Termin: bis 6. Dezember 2008. Galerie Capitain Petzel, Karl-Marx-Allee 45, Berlin.
http://www.capitainpetzel.de