Jonathan Meese - Kassel

Es war Kunst

Im Strafprozess gegen Jonathan Meese, der bei einem Auftritt in Kassel zweimal den Hitlergruß gezeigt hatte, hat sich das Gericht in die Karten schauen lassen: Das Gespräch mit Redakteurinnen des "Spiegel" bewertet es als künstlerische Performance, nicht als gewöhnliches Interview. Der Künstler kann damit auf einen Freispruch hoffen.
Hoffen auf Freispruch:Erste Stellungnahme der Richterin

Skandalkünstler und Exzentriker Jonathan Meese salutiert beim "Spiegel Gespräch" im Juni 2012, bei dem er nicht nur über "Größenwahn in der Kunst" gesprochen, sondern auch den Hitlergruß gezeigt hatte

Es war irgendwann in der fünften Stunde dieses zweiten Verhandlungstags. Mühsam hatte sich der Prozess gegen den Künstler Jonathan Meese, der wegen Zeigens des Hitlergrußes in Kassel auf der Anklagebank sitzt, durch den Montagnachmittag geschleppt, mit deutlich mehr Pausen als Prozessgeschehen. Doch dann fiel ein Satz, der alle im Saal hellwach werden ließ – und der auch Meeses Verteidiger so überrumpelte, dass sie die Richterin, die sie am ersten Verhandlungstag noch (vergeblich) wegen Befangenheit abgelehnt hatten, plötzlich mit Lob überschütteten. Von "vorbildlicher Transparenz" sprach Rechtsanwältin Heide Sandkuhl. "Dass Sie sich so geoutet haben, dafür danken wir Ihnen."

Der Satz, um den es ging, bedeutete nicht weniger als: Jonathan Meese darf auf einen Freispruch hoffen. "Nach dem derzeitigen Stand der Beweisaufnahme", hatte Richterin Schweiger erklärt, "geht das Gericht davon aus, dass es sich bei der Performance des Angeklagten um Kunst gehandelt hat." Und das ist die alles entscheidende Frage in diesem Verfahren vor dem Kasseler Amtsgericht.
Im vergangenen Jahr, kurz vor Eröffnung der Weltkunstschau documenta, war der in Berlin und Ahrensburg lebende Provokationskünstler vom Nachrichtenmagazin "Spiegel" zu einem "Gespräch" in die Kasseler Universität geladen worden. Thema: "Größenwahn in der Kunst". Und dabei hatte der 43-Jährige nicht nur, wie es seit Jahren sein Programm ist, die "Diktatur der Kunst" gepredigt und die "Furz-Pups-Demokratie" gegeißelt. Sondern auch, wie er es bei seinen Auftritten geradezu obsessiv zu tun pflegt, den Hitlergruß gezeigt. Zweimal. "Ich kann sehr gut vor geilen Sachen strammstehen, da habe ich kein Problem. Da mache ich gerne auch diesen hier", hatte er gesagt und den rechten Arm nach oben gereckt – als Antwort auf die Frage, ob er sich vor ein Gemälde von Gerhard Richter stellen und strammstehen würde. "Ich schreite so auch gerne mal in meinem Atelier herum. Das ist gut, das macht den Körper auf."

Die Staatsanwaltschaft sah darin ein verbotenes "Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen". Weil es sich um ein gewöhnliches Interview gehandelt habe. Und nicht um Kunst. Um das Gegenteil zu beweisen, verlangten die Verteidiger vor Gericht hartnäckig nach Sachverständigengutachten und Augenzeugenberichten. Doch Antrag um Antrag wurde abgelehnt. Die Tür aber, die sie beim Gericht einrennen wollten, war schon längst sperrangelweit offen.
Und auch wenn die Richterin sich trotzdem noch nicht auf eine abschließende Wertung einlassen wollte, dürfte ihr kaum etwas anderes übrig bleiben, als den Künstler freizusprechen: Denn der Hitlergruß, so steht es im Strafgesetzbuch, darf ungestraft gezeigt werden, wenn das "der Kunst (…) dient". Eine Formulierung, die Meese, der "Ameise der Kunst", wie er sich nennt, gefallen dürfte. Und die besser zu dem demonstrativen Demokratie-Verächter passt als die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit, auf die er sich ebenfalls beruft.

"Wir müssen nur der Kunst dienen", hatte er vor Verhandlungsbeginn an diesem zweiten Prozesstag verkündet, als er salutierend vor Fernsehkameras und Fotografen posierte. "Keine Ideologie." Und was ist mit der Demokratie? "Brauchen wir nicht mehr", sagte er. Danach überließ er das Reden im Gerichtssaal nur noch seinen Anwälten. Am 14. August soll das Urteil verkündet werden.