Jewish Claims Conference - Interview

Umgehend größtmögliche Transparenz

Einzig durch schnelle Veröffentlichung können Institutionen wie die Jewish Claims Conference und Erben der mutmaßlich Beraubten die Provenienz der in München gefundenen Bilder nachvollziehen, erklärt Rüdiger Mahlo im Interview mit art
Völlige Überraschung:"Umgehend größtmögliche Transparenz"

Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Jewish Claims Conference in Deutschland

Herr Mahlo, die Jewish Claims Conference, deren Repräsentant in Deutschland Sie sind, vertritt die Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus. Wie haben Sie von dem Kunstschatz in München erfahren? Hat man Sie direkt nach dem Fund kontaktiert?

Die Claims Conference wurde zu keinem Zeitpunkt über den spektakulären Fund informiert. Wir haben erst durch die Medien von der Existenz des Raubkunstdepots erfahren. Ich halte es für problematisch, dass man erst jetzt, nachdem die Medien berichtet haben, mit immer noch verdeckten Karten an die Öffentlichkeit geht. Wertvolle Zeit ist seit der Entdeckung Anfang 2012 verloren gegangen.

Was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf, als Sie von dem Fund erfuhren?

Mich hat der Umfang und die Qualität des Depots überrascht, die beispielhaft für den gezielten und flächendeckenden Kunstraub des NS–Regimes sind. Umgehend stellt sich aber auch die Frage: Wie ist es möglich, dass sieben Jahrzehnte nach Krieg und Holocaust noch Raubkunst in solchem Umfang auftaucht, und zwar aus einem Depot, aus dem immer wieder Einzelstücke veräußert wurden?
Eine sich aufdrängende Erklärung ist, dass Teile des Kunsthandels nach wie vor säumig bei der Überprüfung der Provenienzen angebotener Kunstwerke sind. Sorgfältigere Provenienzrecherche hätte im aktuellen Fall zu einer wesentlich früheren Entdeckung führen können, und eine Rückführung der Bilder an Ihre rechtmäßigen Eigentümer wäre heute abgeschlossen.

Können Sie die Geheimhaltungspolitik akzeptieren? Widerspricht das Vorgehen der Behörden nicht der "Washingtoner Erklärung", in der sich die Bundesrepublik verpflichtet hat, zur Auffindung "NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter" beizutragen?

Der spektakuläre Fund umfasst teils Werke "entarteter Kunst" aus Museumsbesitz, teils Raubkunst aus jüdischen Privatsammlungen. Diese Feststellung ist entscheidend für die Rechtslage, denn die "Washingtoner Erklärung" greift nur bei Kunst- und Kulturgütern der öffentlichen Hand, sprich Bund, Länder, Kommunen. Hier jedoch sind die Besitzverhältnisse unklar. Wer ist heute Eigentümer der einzelnen Stücke? Wer waren die ursprünglichen Eigentümer? Hatte der Kunsthändler Gurlitt die Ware in Kommission oder käuflich von den Nationalsozialisten übernommen? Dazu gibt es mehr Fragen als Antworten. Angesichts der vielen Fragezeichen kann das Gebot der Stunde nur lauten: umgehend größtmögliche Transparenz schaffen! Durch eine Veröffentlichung besteht weder die Gefahr, dass die Ermittlungen gestört werden, noch anderweitig Verdunklungs- oder Fluchtgefahr.

Plädieren Sie für eine Veröffentlichung der gefundenen Werke im Internet?

Selbstverständlich! Die ursprünglichen Eigentümer einzelner herausragender Kunstwerke dürften anhand von Werk- und Inventarverzeichnissen relativ einfach zu ermitteln sein. Schwieriger wird es bei weniger prominenten Stücken, deren Provenienz nicht lückenlos rückverfolgt werden kann.
Hier müssen besondere Anstrengungen unternommen werden, um die ursprünglichen Eigentümer ausfindig zu machen. Das geht nicht ohne deren aktive Beteiligung. Es gibt hinreichend Plattformen wie das Lost Art Register oder die Datenbank der Koordinierungsstelle für Beutekunst in Magdeburg, die es den Beraubten ermöglichen, nach ihrem Eigentum zu fahnden. Die Claims Conference hat eine umfassende Datenbank mit den Beständen der Raubzüge des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg erstellt und im Internet veröffentlicht. Hier könnte ein Abgleich mit dem Depotbestand erfolgen. Ganz offenbar deuten Spuren einzelner Kunstwerke in diese Richtung.

Die Suche in Datenbanken macht natürlich nur Sinn, wenn auch die aufgefundenen Kunstwerke dort veröffentlicht werden. Wie sonst sollten frühere Eigentümer oder deren Erben in Erfahrung bringen, ob sich Kunstwerke aus ihrem Besitz in dem Depot befinden?

Was werden Sie nun unternehmen?

Die Claims Conference wird auf eine möglichst umgehende Veröffentlichung der aufgefundenen Kunstwerke drängen. Die historische Recherche ist nur ein möglicher Weg, der zu den ursprünglichen Eigentümern führt. Durch eine gezielte Veröffentlichung muss möglichen Anspruchsberechtigten umfassender Zugang ermöglicht werden. Sie können damit sogar einen aktiven Recherchebeitrag leisten. Selbstredend muss die Veröffentlichung mit Foto und den bekannten Eckdaten sowie Angaben wie Urheber, Titel, Maße und ähnliches erfolgen.

Glauben Sie, dass in absehbarer Zeit einige dieser Werke den Erben der jüdischen Vorbesitzer zurückgegeben werden?

Werke bildender Kunst haben über ihren materiellen Wert hinaus einen hohen ideellen Stellenwert, der im Familiengedächtnis tief verankert ist. Häufig stellen sie das einzige Bindeglied zu ermordeten Familienmitgliedern dar. Von daher ist die Rückgabe an die Eigentümer eine hohe moralische Maxime, hinter die niemand zurücktreten darf. Ich bin fest davon überzeugt, dass Deutschland alles daransetzen wird, dass die Kunstwerke aus Privatbesitz an ihren rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden können. Das gilt meines Erachtens nicht nur für die jüdischen Eigentümer, sondern auch für Werke aus Museumsbesitz.

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