Kaufmann/Nomi - Aachen

Sehnsucht nach dem Gesamtkunstwerk

Ben Kaufmann gehörte zu den Jungstars des Berliner Kunsthandels, als er seine Galerie Ende 2011 schloss. Jetzt meldet er sich als Leiter des Neuen Aachener Kunstvereins zurück. In seiner ersten Ausstellung geht es um den deutschen Countertenor Klaus Nomi.

Klaus Sperber aus Immenstadt im Allgäu wollte alles in sich vereinen: Mann und Frau, Pop und Oper, Kunst und Theater. Also ordnete er die Buchstaben der lateinischen Vorsilbe "omni" (alles, jeder) neu, gab sich den Namen Klaus Nomi und eroberte in den siebziger Jahren die Untergrundszene von New York.

Auf der Bühne trug der Countertenor meist kantige Kostüme wie aus kubistischen Gemälden, während sein schwarzweiß geschminktes Gesicht an die Masken des japanischen Kabuki-Theaters erinnerte. Er sang Poplieder und Opernarien mit "Kastratenstimme", damals noch eine exotische Erscheinung, und wurde von David Bowie protegiert. 1982 gab Nomi ein Gastspiel in Thomas Gottschalks erster "Na sowas!"-Sendung, im folgenden Jahr starb er mit 39 Jahren in New York an Aids.

Zu Lebzeiten spielte Klaus Nomi in der Kunstszene noch keine Rolle. Auch nach seinem Tod galt er trotz Querverbindungen zu Andy Warhols Factory vor allem als Teil der androgynen Popszene. Heute fällt es leichter, in seiner Bühnenidentität die Sehnsucht, sich selbst als Gesamtkunstwerk neu zu erfinden, zu erkennen – zumal die Popmusik seit der Kraftwerk-Tournee durch das MoMA und die Tate Modern in der Kunstwelt das nächste große Crossover-Ding zu werden scheint. Bei Nomi gibt es in dieser Hinsicht noch einiges zu entdecken, wie jetzt eine Schau im Neuen Aachener Kunstverein zeigt. Neben schönen Bild- und Tondokumenten sind einige von Nomi inspirierte Werke zu sehen: Ein großes Tafelbild etwa, das Gregor Hildebrandt aus den aufgerollten Kassettenbändern einer Nomi-Aufnahme gefertigt hat; eine von Agnieszka Szostek gefertigte Bühne aus schwarzem Holz und durchscheinenden Plastikvorhängen; oder das Video eines Auftritts von Ragnar Kjartansson, der von mehreren Metern schwarzen Klebebands gehalten an einem Betonpfeiler hängt und dabei krächzend zu singen versucht.

Ben Kaufmann nennt seine erste Ausstellung als Leiter der neuen Aachener Kunstvereins "eine Annäherung an das Phänomen Klaus Nomi". Es gibt keine These und kein Fazit, was aber auch nicht stört, weil das Phänomen weitgehend für sich spricht. Dass zur Eröffnung mehr Gäste als zuletzt in den Kunstverein gekommen sind, liegt aber wohl trotzdem weniger an Nomi als an Kaufmann selbst. Im Jahr 2011 verkündete der damalige Jungstar des Berliner Kunsthandels, dass er seine Galerie schließen werde, um den Fußball-Trainerschein zu machen. Es war das überraschende Ende einer Erfolgsgeschichte, die den Münchner Kunststudenten (Jahrgang 1972) rasch in die besseren Kreise der Szene geführt hatte. Kaufmann vertrat Maler wie Bernd Ribbeck und zählte berühmte Sammler wie Ingvild Goetz und Donald Rubell zu seinen Kunden. Doch fraßen die Ausgaben für Ausstellungen und Messeteilnahmen die Einnahmen zusehends auf. Der Erfolg wuchs Kaufmann über den Kopf, und so machte er lieber rechtzeitig Schluss, brachte seine Künstler bei Kollegen unter und wickelte die Galerie zum Jahresende geregelt ab.

Seine Trainerlizenz für den Amateurfußball hat Kaufmann dann tatsächlich gemacht. Aber dabei auch gemerkt, dass das nichts für ihn ist. Immerhin reiste er zu den letzten beiden Endspielen der Champions League, um Fangruppen zu fotografieren. "Vielleicht", sagt Kaufmann, "wird daraus irgendwann mal ein Kunstprojekt." An das Vereinsleben scheint er sich schon gewöhnt zu haben, zumal "der Stress vor der Eröffnung derselbe ist wie in der Galerie." Erst recht, wenn ein Künstler am Eröffnungstag alle Pläne über den Haufen wirft. Auch Kaufmann eilt der Ruf voraus, künstlerisch etwas unberechenbar zu sein, doch davon merkt man bei der Vernissage nicht viel. Er hält eine charmante Stegreifrede und ist offenbar fest entschlossen, wie vom Vorstand gewünscht, wieder mehr Leben in den 1986 gegründeten Neuen Aachener Kunstverein zu bringen. Mit der Nomi-Schau beginnt eine der Performance gewidmete Ausstellungs-Trilogie (mit Josephine Meckseper als Abschluss), außerdem will Kaufmann leerstehende Gebäude in der Innenstadt bespielen, und wenn Aachen im nächsten Jahr 1200 Jahre Karl der Große feiert, feiert er selbstverständlich mit. Das lässt sich durchaus als harmonischer Neuanfang bezeichnen.

Klaus Nomi – 2013

bis 24. November,
Neuer Aachener Kunstverein
http://www.neueraachenerkunstverein.de