Gängeviertel Hamburg - Karin von Welck

Wir gründen eine Agentur für Kreativimmobilien

Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck zeigt im Gespräch mit art viel Verständnis für die jungen Künstler, die am vergangenen Wochenende zwölf Häuser im Gängeviertel der Hamburger Innenstadt besetzt haben. Selten wurde in solch einem Fall so schnell eine so positive Lösung für alle Beteiligten gefunden: Die Künstler dürfen bleiben – zumindest vorerst!
"Wir gründen eine Agentur für Kreativimmobilien":Interview mit Karin von Welck

"Immobilienbesitzer zeigen immer mehr Interesse daran, ihre Räume Künstlern zur Verfügung zu stellen – sogar in Neubauten": Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos) zur aktuellen Besetzung im Gängeviertel

Frau von Welck, waren Sie schon im Gängeviertel?

Karin von Welck: Ich war natürlich schon oft im Gängeviertel, aber nicht in den letzten zwei Tagen. Ich habe zunächst meine Mitarbeiter beauftragt, dort die Lage zu sondieren. Mittlerweile hat es daraufhin schon mehrere Gespräche zwischen der Stadt und den Künstlern gegeben. Die Lage sieht recht erfreulich aus.

Was ist denn der Stand der Dinge?

Wir wollen den Künstlern die Erdgeschossflächen der nicht vermieteten Häuser zur Verfügung stellen. Aus Brand- und Fluchtschutzgründen sind leider nur bestimmte Bereiche zugänglich. Die Künstler verstehen das, sind einverstanden und verhalten sich ausgesprochen lösungsorientiert. Der Kontakt ist wirklich gut. Wir sind gerade dabei, mit dem Investor die nächsten Schritte abzustimmen. Ich bin zuversichtlich, dass auch er einer Zwischennutzung durch die Künstler zustimmen wird.

Hat der Investor Hanzevast die Auflage, die Gebäude zu erhalten?

Der Investor ist vertraglich verpflichtet, die schutzwürdigen Häuser denkmalgerecht zu sanieren. Wo das aus bautechnischen Gründen nicht möglich ist, muss wenigstens die Fassade erhalten bleiben. Das Gängeviertel ist ja ein ganz komplexes, verwinkeltes Gebilde. Und meines Wissens sieht auch der Plan, den Hanzevast vorgelegt hat, vor, diesen Charakter zu erhalten. Allerdings hat Hanzevast ganz konkrete Fristen einzuhalten. Die müssen wir erstmal abwarten.

Was passiert, wenn der Investor seinen Plan nicht einhalten kann?

Dann fallen die Gebäude an die ursprünglichen Besitzer zurück und die Karten werden neu gemischt!

Die Besetzer des Gängeviertels gehen sehr friedlich vor und erfahren viel Sympathie durch Besucher, Medien, Anwohner, und auch Bezirksamtsleiter Markus Schreiber hat sich vor Ort für den Erhalt des Gängeviertels ausgesprochen – wie geht es Ihnen?

Ich habe großes Verständnis für die Künstler und nehme ihre Anliegen sehr ernst. Wir haben ja in Hamburg mit der Hochschule für Bildende Künste eine ganz hervorragende Ausbildungsstätte. Und ich weiß, dass es gerade für junge Künstler ein Problem ist, genügend Atelierräume zu bekommen. Wir haben daher bereits alle möglichen Initiativen ergriffen: In meiner Behörde arbeiten wir schon seit längerem daran, neuen Atelierraum zu schaffen. Seit zwei Jahren gibt es zum Beispiel in der Speicherstadt neue, attraktive Ateliers, im Herbst werden noch einmal Räume für rund 30 Kreative in Behringstraße und Ruhrstraße hinzukommen, und es gibt durchaus noch mehr Möglichkeiten, in der Stadt Flächen – zeitlich begrenzt oder langfristig – zur Verfügung zu stellen: zum Beispiel unter dem Großmarkt. Das ist vielleicht nicht so interessant für bildende Künstler, sehr wohl aber für Musiker. Da hat es sogar schon Begehungen gegeben. Wir sind uns des Raumproblems bewusst und versuchen, auf allen möglichen Ebenen gute Ergebnisse zu erzielen. Aber jetzt bin ich erst einmal froh, dass die Künstler der "Komm in die Gänge"-Initiative sehr überlegt gehandelt haben. Das hat es uns enorm erleichtert, rasch eine zumindest temporäre Lösung zu finden.

Vielen Künstlern bleibt nichts anderes übrig, als die Stadt zu verlassen und zum Beispiel nach Berlin abzuwandern. Wie wollen Sie dem noch entgegenwirken?

Wir versuchen das schon lange! Wir haben da verschiedene Projekte. Bei den Speicherstadt-Ateliers haben wir einen Mäzen gefunden, der für einige Jahre die Differenz übernimmt zwischen der vom Eigentümer geforderten Miete und dem, was die Künstler aufbringen können. Wir haben in Hamburg alle viel zu lange daran geglaubt, dass es keine Flächen mehr für Künstler gibt. Mittlerweile weiß ich, dass das einfach nicht stimmt. Allerdings nur die, die für eine konkrete Fläche oder Immobilie verantwortlich sind, wissen zur Zeit, was wirklich leer steht. Wir versuchen nun, diese Informationen zu bündeln – und das klappt glücklicherweise inzwischen ganz gut. Da zeichnet sich jetzt übrigens auch ein erfreulicher Trend in Hamburg ab: Immobilienbesitzer zeigen immer mehr Interesse daran, ihre Räume Künstlern zur Verfügung zu stellen – sogar in Neubauten.

Das Gängeviertel-Ensemble verfällt seit Jahren. Ist es nicht eigentlich die Aufgabe der Stadt, diesen geschichtsträchtigen Ort zu erhalten?

Die letzten Reste der alten Gänge sind ein unglaublich interessanter Teil der Hamburger Innenstadt und der hamburgischen Geschichte. Aus diesem Grund war auch unser Denkmalschutzamt in die Verhandlungen mit dem Investor einbezogen. Die Denkmalschützer haben sich sehr für den Erhalt der Gebäude eingesetzt, so dass einige Häuser komplett erhalten werden können und müssen, bei den meisten steht zumindest die Fassade unter Schutz. Aber am besten lassen sich denkmalgeschützte Gebäude natürlich erhalten,wenn sie mit Leben erfüllt sind, sprich bewohnt und genutzt werden. Das schlimmste ist Leerstand, für den sich niemand verantwortlich fühlt. Das ist leider im Gängeviertel passiert.

Man sieht an Berlin, dass eine lebendige Künstlerszene die Attraktivität – auch für Touristen – einer Stadt ungemein steigert. Wäre das jetzt nicht Hamburgs Chance?

Man sieht das nicht nur an Berlin, sondern man sieht das auch an Hamburg. Denken Sie nur ans Schanzenviertel oder an Wilhelmsburg. Die Künstler laufen also mit ihrer Gängeviertel-Initiative offene Türen ein! Ich habe wirklich große Sympathie und volles Verständnis für ihre Anliegen und bin froh darüber, dass wir so schnell eine vorläufige Lösung gefunden haben. Dazu gehören natürlich auch gute Verhandlungspartner. Und das waren die Künstler. Denn sie haben zum Beispiel klaglos akzeptiert, dass bestimmte Teile der Gebäude aus Sicherheitsgründen nicht geöffnet bleiben können.

Daniel Richter und die Gängeviertel-Besetzer werfen Hamburg eine verfehlte Kulturpolitik evor, die sich nur um Tourismusattraktionen, wie "Harley-Davidson-Tage", "Hafengeburtstag" oder "Alstervergnügen" kümmere. Was sagen Sie dazu?

Ich schätze Daniel Richter wirklich sehr. Ich mag ihn als Mensch. Er hat uns in der Behörde in manchen Dingen auch schon sehr geholfen. Hier hat er richtig vom Leder gezogen. Aber ich glaube, dass ein Künstler ab und an einfach gern provoziert. Ich denke, er weiß, dass die Wirklichkeit glücklicherweise anders aussieht. Ich habe ihn zu einem persönlichen Gespräch eingeladen, bei dem wir das sicherlich klären werden.

Hat er schon zugesagt?

Da wir uns wirklich gut kennen, glaube ich nicht, dass er Angst davor haben könnte, sich mit mir zu unterhalten.

Was wollen Sie ihm sagen?

Ich möchte ihm erzählen, was hier in Hamburg alles passiert. Dadurch, dass er sich viel in Berlin und in anderen Städten aufhält, hat er so manche Entwicklung gar nicht mitbekommen können.

Ein weiterer Vorwurf ist, die Hansestadt stecke viel Geld in Prestige-Projekte wie Elbphilharmonie und das Internationale Maritime Museum, vernachlässige aber die Pflege des Künstlernachwuchses. Was sagen Sie dazu?

Die Elbphilharmonie ist für die Stadt sehr wichtig und hat die Musikszene bereits jetzt schon enorm gestärkt. Zum Beispiel sind die Neue Musik und die Jazz-Szene ungeheuer lebendig geworden, was mich sehr freut. Beim Internationalen Maritimen Museum ist es so, dass die Stadt nicht die Sammlung von Peter Tamm angekauft hat. Sondern wir haben Geld gegeben, um den denkmalgeschützten Speicher für das Museum zu sanieren.

Sie erwähnten gegenüber Deutschland Radio eine „Immobilienbörse“ für Künstler, die Sie ins Leben rufen möchten. Was hat es damit auf sich?

Wir sind gerade dabei eine Kreativagentur zu gründen, also eine zentrale Stelle, bei der man sich zum Beispiel über leer stehende Kreativimmobilien erkundigen kann. Umgekehrt soll die Kreativagentur Ansprechpartner für diejenigen sein, die leer stehende Fläche anbieten wollen. Die Idee ist, diese Flächen dann zu moderaten Bedingungen an Kreative zu vermitteln. Wir führen solche Listen schon in der Behörde, würden das aber gern auf ein festeres Fundament stellen.

Worin liegt der Vorteil für Investoren und Besitzer?

Der Aufwand, leer stehende Flächen in Wohnraum umzuwandeln, ist riesig. Künstler aber sind in der Regel gar nicht an einer teuren Renovierung interessiert, sondern wollen möglichst kahle Wände, die sie nach ihren eigenen Vorstellungen nutzen können. Insofern sind die Kosten für die Besitzer bei einer Umwandlung des Leerstands in Ateliers verhältnismäßig gering. Und darüber hinaus steigt in Hamburg das Bewusstsein für zukunftsweisende Stadtentwicklung: Immer mehr Menschen erkennen die positive Bedeutung von Künstlervierteln und einer lebendigen Kulturszene für eine Stadt. Solche Viertel üben einen ungeheuren Reiz aus, machen eine Stadt interessant und abwechslungsreich. Besonders gut kann man das derzeit an Wilhelmsburg im Hamburger Süden beobachten, wo gerade eine neue Szene keimt.

Was wünschen Sie sich ganz persönlich für das Gängeviertel?

Kurzfristig wünsche ich mir, dass es klappt, den Künstlern die Räume möglichst lange zur Verfügung zu stellen. Ich persönlich bin sehr gespannt darauf, wie das weitergeht – auch, mit dem Investor. Vielleicht ist der ja sogar daran interessiert, Künstler in sein Konzept zu integrieren. Das wird sich alles in den nächsten Monaten zeigen. Aber erstmal haben wir eine gute Lösung gefunden und das freut mich. Ich begleite die Initiative mit großer Sympathie.

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