Antony Gormley - Helsinki

Schlammschlacht für die Kunst

Der englische Bildhauer Antony Gormley hat mitten in Helsinki einen riesigen Klotz Lehm aufgestellt und lässt nun die Bewohner und Besucher der finnischen Hauptstadt damit arbeiten. Clemens Bomsdorf hat sich für art vor Ort die Hände schmutzig gemacht.
Schlammschlacht für die Kunst:Kunst im öffentlichen Raum in Helsinki

Antony Gormley: "Clay and The Collective Body", 2009

Weiß wie die Schneeflecken, die noch vereinzelt auf der Wiese davor liegen, ist das riesige igluförmige Zelt, das neben dem Hauptbahnhof von Helsinki aufgeschlagen wurde. Den Inhalt hat bis zur letzten März Woche nur eine kleine Gruppe Menschen gesehen, doch weiß die ganze Stadt davon: Ein riesiger Klotz Lehm vier Meter breit, vier Meter tief und rund 2,50 Meter hoch, angeblich 100 Tonnen schwer. Ob Helsingin Sanomat, Hufvudstadsbladet oder YLE – die großen Medien haben alle über den Klotz berichtet. Schließlich handelt es sich um das neueste Werk des britischen Künstlers Antony Gormley. Auf Einladung der noch recht jungen finnischen Stiftung Pro Arte ist er in die finnische Hauptstadt gekommen, um dort Kunst im öffentlichen Raum zu realisieren.

Vielleicht sollte es besser halb öffentlich heißen, denn nur, wer den Iglu betritt, kann das Werk betrachten – und daran mitarbeiten. "Clay and the Collective Body" hat Gormley sein Helsinki-Projekt genannt. Der Künstler selber stellt nur die Rohmasse zur Verfügung, die Betrachter müssen dann damit arbeiten. "Ich habe so etwas noch nie zuvor gemacht", sagt Gormley wenige Minuten bevor die erste Besuchergruppe in den Raum mit seinem Lehmhaufen gelassen wird, um diesen zu bearbeiten.

Ästhetischer Klotz

Ästhetisch ist der Klotz, der da steht, eine ironische Antwort auf den White Cube. Es ist nämlich ein Brown Cube. Statt unschuldigem Weiß, das als Hintergrund für die Kunstwerke dienen soll, ist der braune Klotz selber das Werk. Zumindest solange bis er Material wird. Ganz so schlicht wie geplant wurde der Klotz dann aber doch nicht, denn zwei der vier Seiten sind schon teilweise eingefallen und nun liegen Lehmbrocken auf dem Boden. Gormley sieht es positiv: "Das ist ein selbstöffnendes Weihnachtsgeschenk." Dennoch stehen wir, eine Gruppe von rund 40 Personen, erst einmal kurz ehrfürchtig vor seinem Lehmhaufen. Es dauert ein, zwei Minuten, ehe die Ersten anfangen, mit dem Lehm zu arbeiten.

Eine ältere Frau, ganz Profi, wirft einen Brocken mehrfach mit Wucht auf den Boden, um das Material weich und formbar zu bekommen. In nicht einmal zwei Stunden wird sie daraus ein Seepferdchen geformt haben. In meiner rechten Hand knete ich unterdessen ein kleineres Stück des leicht sandigen Materials. Aufgewachsen in einem Haus mit pädagogischen Ambitionen, habe ich das Material als Kind ständig in der Hand gehabt, seither aber leider nur noch selten.

Lehm-Schleuder

Die Leute, die an diesem Morgen in den weißen Iglu gekommen sind, haben die unterschiedlichsten Beweggründe. "Wir arbeiten alle zusammen als Einrichter und machen hier mal etwas anderes gemeinsam", sagt eine Mittvierzigerin, die mit einer Gruppe von zehn Leuten gekommen ist. Sie arbeiten gemeinsam an einem Objekt, anfangs etwas unschlüssig, doch entsteht allmählich eine Skulptur auf einem Podest, zunächst ein abstraktes Werk, das dann einem Michelin-Männchen ähnelt, um schließlich eine kräftige weibliche Figur zu werden, der Illustrationen von "Wo die wilden Kerle wohnen" Pate gestanden haben könnten. Was aber selber machen? Schnell entdecke ich und nach mir auch etliche andere, den Reiz während des Nachdenkens über mögliche zu formende Objekte, eine Hand voll Lehm zu nehmen und gegen den Kubus zu werfen. Das geschleuderte Material verformt sich beim Aufprall und bleibt hängen. Erinnerungen an Filme mit Knetfiguren werden wach.

Unbedarfte entdecken die Arbeit mit Lehm

Ein Mann in blauem Arbeiteroverall hat direkt etliche der Lehmblöcke, aus denen der große Klotz besteht, abgetragen und ein paar Meter weiter wieder aufgebaut. Zunächst scheint als wolle er Gormleys Kubus einfach ein paar Meter weiter wiederaufbauen. Doch er hört schon erheblich früher auf und baut binnen einer Stunde nur eine kleine Mauer, in die er das Wort "Demokratie" ritzt. "Das sind die Ruinen der Demokratie", sagt er. Als Geologe beschäftigt er sich bisher vor allem theoretisch mit dem Material Lehm. "Mein Traum ist aber, in Finnland ein Haus aus Lehm zu bauen. Es ist ein spannendes Material", so der Wissenschaftler, der an der Universität Helsinki arbeitet und die Chance, die Gormley ihm heute bot, gerne nutzte. Noch bis Freitag, 3. April, können Besucher mit Gormleys Material arbeiten. In Gruppen von rund 40 Leuten werden sie in das riesige Igluzelt gelassen, um dann dort mindestens vier Stunden zu arbeiten. Mir selber kommt nach ein paar Minuten kneten und werfen der Gedanke, eine perfekte Form zu bilden: Eier in Originalgröße. Sind es die Fotografien von Ole Kohlemainen, deren Motive zum Teil an Eier erinnern, und die gerade ein paar hundert Meter weiter im Museum Kiasma zu sehen sind, oder ist es eines der immer wiederkehrenden Motive des dänischen Malers Michael Kvium, die mich dazu inspiriert haben? Oder vielleicht einfach das bevorstehende Osterfest wie der Engländer meint, der neben mir Lehm stapelt und daraus allmählich eine fingerlose gereckte Hand bildet? Jedenfalls ist es alles andere als einfach aus dem Material Hühnereier mit den Händen zu formen. Eine Kugel, kein Problem, aber ein rundes Objekt, das sich an beiden Enden verjüngt und zwar unterschiedlich schnell, ist eine Herausforderung. Zumal, wenn es so klein ist, dass nicht mit der ganzen Hand geformt werden kann. So ähneln die ersten zwei der vier Eier denn auch mehr Kartoffeln.

Am nächsten Abend treffe ich zufällig wieder Gormley - ausgerechnet im Restaurant, das im ehemaligen Atelier des finnischen Skulpteurs Gunnar Finne angesiedelt ist. Die Geschichte mit den Kartoffeleiern amüsiert ihn, so hat er sich sein Projekt wohl auch vorgestellt: Unbedarfte entdecken die Arbeit mit Lehm und erkennen wie schwer es ist, die ideale Form nachzubilden.

Antony Gormley, "Clay and the Collective Body"

Termin: Bis zum 3. April wird zwischen 9 und 21 Uhr an dem Lehm gearbeitet, vom 4. bis 7. April kann er von 12 bis 19 Uhr besichtigt werden, Ort: Event Hall, Kaisaniemi Sports Field, Helsinki
http://www.ihmeproductions.fi/en.php

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