Bazon Brock - Syposium Temporäre Kunsthalle

Das Stadtschloss von Entenhausen

Museen sind die "effektivste Form der Zivilisierung", meint Bazon Brock. Um diese These zu diskutieren, traf sich am Dienstag eine Reihe prominenter Kunst- und Kulturtheoretiker zu einem eintägigen Theorie-Symposium in der Temporären Kunsthalle in Berlin, in dem es auch in der Stadtschlossdebatte noch einmal zur Sache ging. Kleiner Gag am Rande: Das Publikum wurde fürs Zuhören bezahlt.
Was kann ein Museum?:Thesen zur Befriedung der Welt

Der Kunstvermittler Bazon Brock

Was ist ein Museum? Wer bis jetzt dachte, dass es sich dabei um eine Institution zur Sammlung, Erforschung und Präsentation kulturell relevanter Artefakte handelt, der verfügt nur über begrenzte Fantasie. Für den Ästhetik-Theoretiker Bazon Brock etwa ist die Arbeit des Museums angesichts der oft gewalttätigen Kultur- und Religionskonflikte der Gegenwart, die "effektivste Form der Zivilisierung" überhaupt.

Um seine These der zentralen Funktion der Musealisierung als Schlüssel zur Lösung des Gewalt-Elends der Gegenwart zu untermauern, lud der emeritierte Kunstvermittler aus Wuppertal mit Unterstützung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) am Dienstag zu einem eintägigen Theorie-Symposium in die Temporäre Kunsthalle am Berliner Schloßplatz.

All denjenigen, die der Einladung folgten, versprach Brock fast genau zwanzig Jahre nach Fall der Mauer nicht nur Lerneffekte und die endgültige Ausbildung zum "Diplom-Konsumenten" oder "Diplom-Bürger", sondern auch die pauschale Honorierung für "ganztägige geistige Betätigung" mit einem Begrüßungsgeld von 25 Euro. Die intelligente, aber verarmte Berliner Kulturarbeiterszene – Ost wie West – freute sich sehr über das Kopfgeld vom Polter-Onkel aus dem Westen und erschien zahlreich.

Dabei wurde im Laufe der Veranstaltung immer deutlicher, dass es sich eher um ein Schmerzensgeld dafür handelte, dass man einen Tag kostbarer Lebenszeit dafür verwendete, mit tendenziell verwitterten Kultur-Männern der untergegangenen Bonner Republik zu verbringen.

Die museologische Praxis in Entenhausen

Vielversprechend war zumindest der Anfang der Veranstaltung, etwa der Vortrag des Kunsthistorikers Martin Warnke, der Brocks-Zivilisierungs-Rhetorik entgegenhielt, dass Museen aufgrund ihrer Sammlungstätigkeit strukturell selbst auf einem Gewaltakt gründen: eine Einsicht, die bereits Karl Hillebrandt in seinen1874 publizierten "Zwölf Briefen eines ästhetischen Ketzers" beschäftigte. Würden die kommenden Generation verstehen, dass das Museum eine vandalistische Angelegenheit ist, eine Sammlung von Kunstwerken und anderen Exponaten, die gewaltsam aus ihren ursprünglichen Kontexten gerissen wurden?

Eine Welt, die solchen museumsphilosophischen Fragen mit elegantem Pragmatismus begegnet, präsentierte Patrick Bahners, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der jedoch weniger als Journalist, sondern als Donaldist zu der versammelten Menge sprach.

In einem der besten Vorträge des Abends analysierte Bahners anhand von sorgfältig ausgewählten Bildbeispielen die museologische Praxis in Entenhausen, der fiktiven Heimatstadt der Disney-Figuren Donald und Dagobert Duck, Tick, Trick und Track oder Daniel Düsentrieb, und arbeitete erstaunliche Parallelen zwischen dem derzeit unweit vom Veranstaltungsort präsentierten Ausstellungs-Konzepten für das noch zu errichtende Berliner Humboldt-Forum in der Schloßattrappe heraus. Damit berührte er einen bis dahin fast unsichtbaren thematischen Kern, um den fortan der Rest des Abends kreiste.

Ein Sarkophag für Preußen

Denn der kurz darauf folgende Kunsthistoriker Horst Bredekamp beeilte sich zu bekräftigen, dass die zukünftigen Erbauer des Humboldt-Forums ganz allein auf alle Ideen gekommen seien, und sich nicht von Donald Duck, sondern höchstens von Alexander Humboldt inspirieren liessen. Wie luftdicht Bredekamp und seine Kollegen mittlerweile in der Fantasie ihrer Berlin-Beglückung mittels Stadt-Schloss-Kopie verpackt sind, zeigten seine unschönen Ausfälle in Richtung Öffentlichkeit, indem er pauschal jede Kritik am Humboldtforum als "Propaganda" betitelte und alle Kritiker des Projektes abfällig als "gehirngewaschen" abqualifizierte.

Geradezu Balsam für die strapazierte Zuhörerseele waren dann die Ausführungen des Historikers und Soziologen Karl Schlögel zu später Stunde, der über den Zusammenhang von Stadt, Geschichte und Erinnerung am Beispiel eines nie gebauten Sowjetpalasts in Moskau und die dort in den Dreißigerjahren gesprengte und in den Neunzigerjahren wiedererrichtete Christ-Erlöser-Kathedrale sprach. Wenn in Berlin tatsächlich ein Schloss stehen soll, so Schlögel dann mache es Sinn, das "Privileg des Ortes" ernstzunehmen und es als "Sarkophag" für Preußen zu begreifen: ein Ort, an dem die Geschichte zur Ruhe gebracht werden könne. Ein Überrumpelungsmanöver sei der Sache nicht dienlich, sondern zu wünschen wäre ein Bau, der in der Geschichte des Ortes selbst verankert ist. Plötzlich machte das Thema der Veranstaltung Sinn: So könnte ein Museum tatsächlich seine zivilisatorische Wirkung entfalten.

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