10 Jahre Tate Modern - London

Kunstkonsum der Spass macht

Am 12. Mai feiert die Londoner Tate Modern ihr zehnjähriges Bestehen. Das umgebaute ehemalige E-Werk an der Themse ist mit mehr als vier Millionen Besuchern pro Jahr heute das meistbesuchte Museum für moderne Kunst in der Welt.
Kunstkonsum der Spaß macht:10 Jahre Tate Modern

Die Arbeit "Terms of Loan" wird wird im Rahmen des Festivals "No Soul for Sale" gezeigt.

In den zehn Jahren seit ihrer Eröffnung im Millenniumsjahr 2000 hat die Tate Modern unseren Umgang mit zeitgenössischer Kunst grundlegend verändert. Zuvor galt die Kunst, insbesondere die Moderne, nicht unbedingt für etwas, das Spaß macht.

Kenner sahen in Ihr etwas Ernstes, der Großteil der Öffentlichkeit hielt sie für langweilig und lächerlich. Tate Modern änderte das grundlegend: Zeitgenössische Kunst schreckt nun nicht mehr ab, ist offen, zugänglich, Kunstkonsum macht plötzlich Spaß. Das Museum als Spielplatz, in dem man auch etwas lernen kann. Und das alles kostet nichts, denn der Eintritt ist frei. Kunstmuseen auf der ganzen Welt übernahmen das Konzept, wenn auch nicht mit so viel Erfolg wie die Tate. Dass die Mischung stimmte und das Unternehmen nicht zu einem reinen Vergnügungszentrum verkam, ist nicht zuletzt das Verdienst des scheidenden Direktors Vicente Todoli, der sieben Jahre lang die Geschicke leitete.

Der Mann, der aus einer Vision Realität machte, ist jedoch Tate-Direktor Sir Nicholas Serota. Er war mit der klaren Vorstellung angetreten, die beiden Funktionen der Tate Gallery – Nationales Museum für Britische Kunst und Museum der Moderne – zu trennen und ein neues Haus zu bauen. Er war es, der sich für das frühere E-Werk Bankside entschied, und für das Basler Büro Herzog de Meuron, das er den Backsteinkoloss an der Themse, gegenüber der St. Paul’s Cathedral, für 134 Millionen Pfund umbauen ließ. Ihr Gebäude, mit seinen dramatischen Durch- und Ausblicken, mit seiner Offenheit und Publikumsfreundlichkeit, und, ja, mit seinen gewaltigen Ausmaßen hat entscheidend zum Erfolg beigetragen.

"Museum als kunsthistorisches Archiv"

Aus der Not, dass die Sammlung der Tate etwa mit der des Centre Pompidou oder des MoMA in New York nicht mithalten kann, machte man eine Tugend: die Kustoden gaben das Konzept "Museum als kunsthistorisches Archiv" auf und verzichteten auf eine chronologische Hängung zugunsten einer thematischen. Gewagte Verbindungslinien wurden gezogen. So hingen Monets Wasserrosen neben einem Schlammgemälde von Richard Long, eine Plastik des Futuristen Umberto Boccioni stand vor dem Pop-Gemälde "Wham!" von Roy Lichtenstein, Alberto Giacomettis Strichmenschen ließen die abstrakten Farbflächen von Barnet Newman figurativ erscheinen und umgekehrt. Auch das hat Schule gemacht.

45 Millionen Besucher sind seit dem Mai 2000 über die Rampe in die Turbinenhalle des ehemaligen E-Werks eingetaucht. Der kathedralenartige Raum mit seinen gewaltigen Ausmaßen – 155 Meter lang, mehr als 30 Meter hoch – wird jedes Jahr von einem anderen Künstler bespielt: Louise Bourgois stellte dort ihre überdimensionalen Spinnen auf, Anish Kapoor baute ein blutrotes Monster mit zwei wie offene Münder aussehenden trompetenartigen Öffnungen, Olafur Eliasson verwandelte den Raum mit einer glühenden Sonne in eine schwüle Opiumhöhle, Carsten Höllers silbrig glänzende Rutschen über fünf Stockwerke machten selbst aus Großeltern vor Vergnügen quietschende Kinder.

"No Soul For Sale"

Am Wochenende wird also ausgiebig Geburtstag gefeiert. Für das dreitägige Festival "No Soul For Sale" hat sich die Tate mit dem italienischen Anarcho-Künstler Maurizio Cattalan und den Kuratoren Cecilia Alemani und Massimiliano Gioni zusammengetan. Das Trio, das im vergangenen Jahr im New Yorker Dia Centre schon ein ähnliches Festival organisierte, lud mehr als 70 unabhängige Off-Spaces und Künstlerkollektive ein, die sich in den heiligen Hallen so richtig gehen lassen sollen. So wird die Galerie Kling & Bang aus Reykjavik auf einem aus Kassenbonrollen bestehenden Turm Videos projizieren, Arthub Asia aus Shanghai wird die Hinweisschilder des Museums ins Chinesische übersetzen, und K48 Kontinuum aus New York legt den Fußboden der Halle mit dem Foto einer Pizza aus, und aus Berlin kommt der Verlag e-flux mit einer mobilen Buch-Produktionsstätte, wo der Besucher Verleger spielen kann. Abends machen Künstler live Musik, etwa Turnerpreisträger Martin Creed mit seiner Band sowie die Konzeptkünstlerin Cosi Fanny Tutti, ein überaus lebendiges Überbleibsel aus den Siebzigern.

Doch Nicholas Serota und sein Team ruhen sich keineswegs auf ihren Lorbeeren aus. Die Planung der nächsten Entwicklungsphase ist schon weit fortgeschritten. Herzog de Meuron haben einen spektakulären vielzackigen Erweiterungsbau entworfen, dessen 11 Stockwerke die Ausstellungsfläche fast verdoppeln sollen. Er soll 215 Millionen Pfund kosten und rechtzeitig zur Londoner Olympiade 2012 fertig werden. Unkenrufer sind skeptisch, auch was die Beschaffung von enormen Sponsorengeldern in Zeiten einer weltweiten Rezession angeht, doch bisher hat sich alles, was Serota vesprochen hat, auch bewahrheitet.

"No Soul For Sale"

Termin: 14. bis 16. Mai, Tate Modern, London
http://www.tate.org.uk/modern/exhibitions/nosoulforsale/default.shtm

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