Bookmarks - Lesetipps April

Die Lesetipps des Monats

art-Redakteurin Ulrike von Sobbe stellt jeden Monat zehn neue Kunstbücher vor – diesmal mit Klassikern der Malerei, spanischer Fotografie- und Videokunst und Porträts von Gerhard Richter.
Das müssen Sie lesen:Zehn neue, spannende Kunstbücher für den Monat April

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Interieur/Exterieur: Wohnen in der Kunst

Von der Romantik über das Bauhaus bis zum Design der Gegenwart – fast zweieinhalb Jahrhunderte weit reicht der Bogen, den die Wolfsburger Ausstellung "Interieur/Exterieur" (bis 13. April) spannt, um mit Arbeiten von 78 Künstlern, Architekten und Designern zu zeigen, wie das Thema Wohnen ihre Phantasie beschäftigte. Und siehe da: Was zunächst eher nach Biederkeit klingt, erweist sich rasch als überaus spannendes Sujet, das bis hin zur Form von Stuhl oder Bett unser aller Leben beeinflusst (Hatje Cantz Verlag. 264 S., 322 Abb., 39,80 Euro).

Paul Moorhouse: Die Porträts von Gerhard Richter

Drei Ausstellungen feiern derzeit das Werk des wohl berühmtesten, lebenden deutschen Malers. Im Münchner Haus der Kunst sind bis 17. Mai seine abstrakten Gemälde zu sehen, die Albertina in Wien zeigt eine Retrospektive bis 3. Mai und in der Londoner National Portrait Gallery werden bis 31. Mai Porträts des Malers ausgestellt. Diesem Werkbereich ist ein großformatiger Band gewidmet. Richters Blick auf die Figur, auf die Person im Privaten und Familiären, aber auch im politischen und historischen Umfeld wird in diesem Buch, das auf dem Katalog zur Londoner Ausstellung basiert, anhand seiner wichtigsten Gemälde erläutert. Einzelerklärungen zu den dargestellten Personen lassen erkennen, was das Porträt im Werk dieses einflussreichen Künstlers bedeutet (DuMont Buchverlag. 176 S., 112 Abb., 49,95 Euro).

Alex MacLean: Over. Der American Way Of Life oder Das Ende der Landschaft

Sollen ja mal ein schönes Land gewesen sein, die Vereinigten Staaten von Amerika, voller unberührter Natur. Lange vorbei – mit welch rücksichtsloser Konsequenz sich der Mensch weite Teile dieses halben Kontinents angeeignet und dabei verwüstet hat, belegen die über 200 Luftaufnahmen, die der Fotograf Alex MacLean in den letzten Jahren gemacht hat: eine grelle Schreckensbilanz aus Betonschneisen, Häuserschluchten oder Technologie-Parks, die Zeugnis ablegen von einem unerbittlichen Planierungs- und Besiedlungsfuror. (Schirmer/Mosel Verlag. 336 S., Abb.. 58 Euro)

Boden und Wand/Wand und Fenster/Zeit

Es bringt Spaß, wenn beim Blättern eines Buches auch das Auge mit Überraschungen rechnen kann. Ein solches Lesevergnügen bietet der Katalog zu einer Ausstellung über "zeitgenössische Malerei im erweiterten Feld" im Helmhaus Zürich (bis 29. März). Gemeint sind Künstler, denen selbst eine große Leinwand noch zu klein ist, die gleich ganze Räume in Besitz nehmen, zum Beispiel Polly Apfelbaum, Katharina Grosse und Bruno Jakob. Kurator Roman Kurzmeyer erläutert, wie es zu den malerischen Übergriffen auf Objekte, Wände oder Fenster kommen konnte. Wie räumliche Grenzen aufgelöst und das Verständnis von Malerei neu definiert werden, zeigen die vorgestellten Künstler. Neben zahlreichen Abbildungen im Textteil gibt es ungewöhnliche Inserte zu Arbeiten der ausgestellten Künstler (Edition Fink. Verlag für zeitgenössische Kunst. 148 S., 116 Abb., 25 Euro).

Guy Tillim: Avenue Patrice Lumumba

Weil er es leid war, mit seiner Kamera immer weiter nur die Klischees von einem ausgeplünderten, heruntergekommenen Afrika zu bedienen, beschloss der südafrikanische Fotograf Guy Tillim, seinen Blickwinkel radikal zu ändern. Das Ergebnis ist dieser Band: Aufnahmen aus sechs afrikanischen Staaten von Bauten der Kolonialzeit, die zwar längst allen Glanz verloren haben, aber nun in ihrer schäbigen Schönheit nicht nur "Monumente einer schlimmen Zeit" sind , wie der Documenta-12-Teilnehmer Tillim findet, sondern auch "Teil der afrikanischen Identität" (Prestel Verlag. 128 S., 60 Abb. 49,95 Euro).

Nuevas Historias. A New View of Spanish Photography and Video Art

Die Sujets der zeitgenössischen spanischen Fotografen sind breit gefächert: asiatische Elefanten in freier Wildbahn, menschenleere nordische Landschaften unter Wolken verhangenem Himmel, Favelas in São Paulo, Blicke aus Bunkeranlagen an der Mittelmeerküste. Seit den frühen neunziger Jahren hat sich die spanische Fotografie zunehmend als eigenständiges Medium in der Kunst durchgesetzt. Der vorliegende Bildband stellt 31 zeitgenössische Fotografen und Videokünstler aus Spanien vor und gibt damit einen kompakten Überblick über aktuelle Positionen und Tendenzen (Hatje Cantz Verlag. Englisch/Spanisch, 240 S., 213 Abb., 39,80 Euro).

Astrid Nunn (Hrsg.): Mauern als Grenzen

Pünktlich zum 20. Jahrestag des Berliner Mauerfalls gibt es ein etwas anderes Erinnerungsbuch, das dieses einst als "antiimperialistischen Schutzwall" errichtete Bauwerk in einen historischen Kontext zu anderen berühmten Grenzmauern stellt. 4000 Jahre Mauerziehungsgeschichte hat die Herausgeberin Astrid Nunn, Spezialistin für vorderasiatische Archäologie, anhand von Fotos und lehrreichen Berichten zusammengestellt. Von der Mauer im Zweistromland des 3. Jahrhunderts vor Christus über die Große Mauer in China bis hin zum Grenzzaun, der die USA und Mexiko trennt, werden Grenzen beschrieben und ihr strategischer und geopolitischer Sinn erläutert. Ein schönes Buch zum Schmökern, das sicher auch die eine oder andere Anregung liefert für eigene Exkursionen zu Mauer-Schauplätzen (Verlag Philipp von Zabern. 216 S., 54 Abb., 15 Zeichnungen, 11 Karten, 29,90 Euro).

Ira Diana Mazzoni: 50 Klassiker. Maler. Von Giotto bis Picasso

Wer ganz schnell im Bilde sein möchte, dem sei dieses ebenso informative wie unkomplizierte Handbuch empfohlen. Die Kunsthistorikerin und Journalistin, die auch schon für art geschrieben hat, benennt die wichtigsten Maler, die vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert die Kunstgeschichte geprägt haben. In 50 kurzen Essays stellt sie die einzelnen Persönlichkeiten vor und beschreibt kenntnisreich, warum deren Werk für die abendländische Kunst von so nachhaltiger Bedeutung ist (Gerstenberg Verlag. 272 S., um 250 Abb., 19,95 Euro).

Künstlerplakate der DDR 1967–1990

Allen kulturpolitischen Einschränkungen zum Trotz hatte sich in den Kunstzentren der ehemaligen DDR wie Berlin, Dresden, Leipzig, Halle und Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz), dennoch eine sehr lebendige Szene entwickelt. Ihre beeindruckende Vielfalt dokumentiert nun eine Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz mit ausführlichem Begleitkatalog. Bis Ende des Jahres werden 100 Künstlerplakate gezeigt, die – vorwiegend expressionistisch geprägt und vom Informel beeinflusst – viel erzählen über die künstlerische Entwicklung im anderen Teil Deutschlands (Kerber Verlag. 160 S., 128 Abb., 34 Euro).

The Spirit of Buddha

Buddha ist hierzulande inzwischen zu einem angesagten Deko-Element für sich fortschrittlich gebende Wohlkultur verkommen, wohlfeil zu kaufen sogar im einschlägigen Versandhandel (Zitat "Quelle": "Entspannen Sie mit asiatischer Wohnkultur."). Wer sein Wissen über den historischen Buddha (Siddharta Gautama, 563 bis 483 vor Christus), seine gewesenen und kommenden Erscheinungsformen vertiefen möchte, der ist mit diesem außerordentlich schönen Bildband gut bedient. Zumal Robin Kyte-Coles den Leser, eingestimmt durch Worte des Dalai Lama, mitnimmt auf eine spirituelle Reise durch die buddhistischen Länder Asiens von Thailand und Kambodscha bis Laos und Nepal. Die faszinierenden Fotos geben ein stimmungsvolles Bild wider und können tatsächlich etwas von der Atmosphäre in Tempeln und Klöstern vermitteln. Schade nur, dass die entsprechenden Erklärungen gesammelt am Ende des Bandes stehen – will man wenigstens wissen, in welchem Land man sich gerade befindet, so muss man umständlich blättern (Verlag te Neues, 128 S., 90 Abb., 35 Euro).

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