Türckische Cammer - Dresden

Unsere Generation von Fachleuten stirbt aus

In Dresden wurde jetzt die "Türckische Cammer" eröffnet – dank Holger Schuckelt. 20 Jahre hat der Oberkonservator auf diesen Moment hingearbeitet. art sprach mit ihm über seine Lebensaufgabe.
"Unsere Generation von Fachleuten stirbt aus":Die Türckische Cammer in Dresden

Neue Attraktion in Dresden: Das osmanische Staatszelt der "Türckischen Cammer"

Mit Glanz und Gloria wurde jetzt in Dresden die "Türckische Cammer" eröffnet. Neben einem aufwändig restaurierten osmanischen Staatszelt aus dem 17. Jahrhundert können dort orientalische Schätze bestaunt werden, die jahrhundertelang nicht zugänglich waren. Neben dem Grünen Gewölbe hat Dresden mit diesen über 600 exotischen Artefakten – Rüstungen, Prunkwaffen, edle Zaumzeuge und Alltagsgegenstände – nun einen weiteren Magneten von Weltrang zu bieten.

In Dresden traf sich alles, was Rang und Namen hat, vom türkischen und deutschen Außenminister bis zum Botschafter und Prominenten, um dieses Event der kulturellen Völkerverständigung zu feiern. Mit auf der Bühne zum Festakt im Dresdner Schauspielhaus war der Oberkonservator der Rüstkammer, Holger Schuckelt. art sprach mit dem Experten, der 20 Jahre seines Lebens auf diesen Moment hingearbeitet hat und jedes der Exponate quasi im Schlaf kennt:

Herr Holger Schuckelt, Sie sind in Dessau geboren und kamen im September 1988 als 28-Jähriger nach Dresden. Was führte Sie an die Staatlichen Kunstsammlungen?

Holger Schuckelt: Ich hatte in Halle Orientarchäologie studiert, mit Schwerpunkt Islam. Ich war erst wissenschaftlicher Assistent, dann wissenschaftlicher Mitarbeiter, nach der Wende wurde ich Konservator. Nach 20 Jahren darf ich mich jetzt Oberkonservator nennen.

In einem Land ohne Reisefreiheit, wie die DDR es war, wirkt dieser Schwerpunkt recht beherzt. Wie sollte man da islamische Kunst erforschen?

Bei der Bewerbung hat das keine Rolle gespielt, ich wollte einfach Archäologe werden. Über die späteren Möglichkeiten dachte ich nicht nach. Vielleicht hätte man in den arabischen Raum reisen können – Jemen etwa war ja ein Bruderland. Außerdem gab es in Halle eine kleine Sammlung an der Uni, und mein Professor Burchard Brentjes hat stets Kontakte zu internationalen beziehungsweise westlichen Kollegen unterstützt. Wir hatten da als Studenten schon eine gewisse Freiheit, insofern war das Studium auch nicht so ganz DDR-typisch.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie in Dresden Ihr Lebensprojekt gefunden hatten?

Das war sehr früh, ich kam bereits 1986 einmal als Praktikant hierher und sah, dass die Orientsammlung gar nicht aufgearbeitet war. Anfangs las ich nur Inschriften und Daten und brachte eine gewisse Ordnung in diese Fülle. Pläne für die heutige "Türckische Cammer" gab es zwar nicht, aber ich verstand, dass das eine Lebensaufgabe ist, die irgendwann einmal zu einer Ausstellung führt. Wie lange das dauern würde, da war ich unsicher. Ich glaube, dass ich genau zur rechten Zeit gekommen bin: Wenn ich ein oder zwei Jahre später mit dem Studium fertig geworden wäre, wäre ich vielleicht arbeitslos geworden.

Wieso das?

Es ist ja kein Geheimnis, dass nach 1989 die meisten neuen Kollegen von jenseits der ehemaligen Grenze gekommen sind. Das hat sich mittlerweile wieder ein bisschen geändert. Doch unter DDR-Verhältnissen wäre die Forschung zweifellos schwerer gewesen, allein was Kontakte, Literatur oder Reisen betrifft. Auch der exzellente technische Standard, den wir in der "Türckischen Cammer" anbieten, wäre gar nicht denkbar.

Sie können zu fast jeden der Stücke eine spannende Geschichte erzählen. Welche Felder haben Sie und Ihr Team auf dem Weg bearbeitet?

Die Basisarbeit war, zu ordnen und den Stücken ihre Geschichten zuzuweisen. Die Exponate waren auf mehrere Depots verteilt, manche in Vergessenheit geraten. Wir mussten in Inventaren suchen und nach den Beschreibungen dann vergleichen. Von den jetzt gezeigten zwei goldbestickten Schabracken zum Beispiel gab es im 18. Jahrhundert einmal zwölf. Von den beiden kann ich bis heute nicht genau sagen, wie sie in die Sammlung der sächsichen Kurfürsten gekommen, weil sich alles so sehr glich.

Wie ging es dann weiter?

Wir trafen eine Objektauswahl, die fast bis zum Schreiben des Katalogs immer wieder verändert wurde. Die Liste war wichtig, weil dadurch die Restaurierung starten konnte. Die kostbare Prunkwaffengranitur des Prager Goldschmieds Johann Michael (1610) wurde zwei Jahre lang restauriert, das osmanische Staatszelt veritable 15 Jahre!

Dieses Vorhaben beeindruckt, besonders wenn man heute unter dem orientalischen Himmel dieses Zelts steht.

Es war nicht leicht, dafür eine Werkstatt zu finden. Londoner Experten haben das Vorhaben als unmachbar abgelehnt. Wir fanden dann endlich mit der Paramentenwerkstatt der Von-Veltheim-Stiftung in Helmstedt Textilrestauratoren, die sich das Projekt zugetraut haben.

Mit Erfolg, wie man sieht! Doch es wird auch deutlich, dass die Spuren der Jahrhunderte nicht vom restauratorischen Eifer ausgetilgt wurden.

Ja, diese Stücke sollten ihren historischen Charakter bewahren und nicht wie neu aussehen. Vom Zelt sind nur die morschen Gurte ersetzt wurden, damit man es überhaupt aufstellen konnte. Fehlende Applikationen wurden jedoch nicht ersetzt – das haben wir auch bei den anderen Stücken so gehalten. Lagerungsschäden wurden repariert, Gebrauchsschäden aber belassen. Dafür haben wir sehr eng mit den Restauratoren zusammengearbeitet. Es war ein ständiges Geben und Nehmen mit dem Team um Chefrestaurator Andreas Frauendorf.

Ebenso harmonisch muss ja die Kooperation mit dem Architekturbüro von Peter Kulka gewesen sein. So schlüssig wirkt jedenfalls die magische Atmosphäre der Präsentation...

Das Zusammenspiel war sehr glücklich, meine ursprünglichen Ideen für die Räume wurden im Wesentlichen umgesetzt. Manche Situationen hatte ich mir dichter vorgestellt und bin dankbar, dass die Architekten hier eine klare Linie reingebracht haben. Die Verdunklung finde ich sehr gelungen, weil hier sich hier Optik und konservatorische Notwendigkeit bestens ergänzen.

Sie nehmen jetzt nach zwei Jahrzehnten Abschied von der "Türckischen Cammer", das ist auch mit Wehmut verbunden, und vieles, besonders das erfolgreiche politische Marketing, ist Ihnen sicherlich auch fremd.

Ja. Ich bin kein Politiker, und an manchen Stellen verselbständigt sich das auch ein bisschen. Der Fokus auf die Türkei ist für die künftige wissenschaftliche Zusammenarbeit wichtig. Diese Konzentration auf die heutige Türkei verdeckt allerdings, dass das osmanische Reich damals ein Vielvölkerstaat war, zu dem auch die Kurden, Georgier oder Armenier gehörten. Was die Werbekampagne anbelangt, so kann ich vieles hundertprozentig unterstützen, denke aber, dass mit der deutschlandweiten Reklame für die "Türkische Cammer" auf Dönertüten das Niveau ein bisschen ins Gleiten gekommen ist.

Darauf ist man in der Werbeabteilung der Kunstsammlungen jedoch besonders stolz. Wie geht es für Sie jetzt persönlich weiter?

Ich werde bis Juni erstmal meinen gesamten angefallenen Urlaub der letzten Jahre nachholen und mich um meine Familie, mein Pferd und meinen Garten kümmern. Das will ich genießen. Davor, in eine Art Loch zu fallen, habe ich keine Angst, denn anschließend bin ich mit der Einrichtung des "Riesensaals" im Schloss beschäftigt – eine weitere anspruchsvolle Aufgabe.

Sehen Sie im Zeitalter des grassierenden Stellenabbaus weiterhin die Möglichkeit, dass sich Wissenschaftler über solche einen langen Zeitraum mit einem Thema beschäftigen?

Nein. Die Zukunft wird nur aus projektbezogenen Mitarbeitern bestehen, aber solche Vorhaben sind mit kurzfristigen Jobs nicht zu stemmen. Dafür ist Kontinuität nötig, und die gibt es nicht mehr. Unsere Generation von Fachleuten stirbt aus.

Welche Stücke aus der Kammer würden Sie Besuchern ans Herz legen – Exponate, die im Trubel vielleicht ein wenig untergegangen sind?

Da ist zum Beispiel ein lackierte Schnappluntenschlossgewehr aus Goa, das 1587 als Geschenk von Francesco I. de Medici nach Sachsen gekommen ist. In Indien hergestellt, bietet es eine wunderbare Mischung aus portugiesischen, muslimischen und japanischen Einflüssen. Oder der eher unscheinbare Säbel aus Damaskus – aus kunsthistorischer Sicht ein absoluter Kracher. Es gibt viel zu entdecken, auch abseits der Highlights.

"Türckische Cammer"

Die Sammlung orientalischer Kunst in der kurfürstlich-sächsischen Rüstkammer im
Residenzschloss Dresden. Besucherinformationen: täglich 10 bis 18 Uhr, dienstags geschlossen
http://www.skd-dresden.de/de/museen/ruestkammer/tuerckische_cammer.html

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