Douglas Coupland - Interview

Warhol Reloaded

Kult-Autor Douglas Coupland präsentierte im Berliner "Werkraum" digitale Collagen aus seinem Frühwerk – ein Gespräch über nordkoreanisches Haarshampoo, den absehbaren Untergang der Mittelschicht und die seltsame Dynamik des Kunstmarktes.
Mehr als Generation X:Interview mit Autor Douglas Coupland über seine Kunst

Douglas Coupland: “Skate Marilyn”, 2008 Stickers overtop vintage screenprint 36 x 36 inch

Willkommen in Ost-Berlin, Herr Coupland – und Glückwunsch zu der antiken "Spee"-Waschmittelpackung, die die da in den Händen halten! Wie gefällt sie Ihnen denn?

Sie ist großartig, oder? Da sie aus der DDR stammt, löst sie natürlich ganz andere Gefühle aus, als wenn sie von woanders her käme.

Ich sehe mir die Verpackung an und nun ja, wahrscheinlich hat das Reinigungsmittel die Kleidung vernichtet. Zum Ersten: Damit seine Sachen zu waschen, hatte man wohl keine große Lust. Und dann stand das Waschmittel wohl vor der Schwierigkeit, verschiedene Ansprüche ausbalancieren zu müssen: einerseits konsumentenfreundlich zu wirken und dabei doch ideologisch zumindest neutral zu bleiben – man sehe sich nur die depressive Typographie an! Es ist die traurigste kleine Schachtel der Welt und dabei doch sehr charmant. Interessanterweise spielt selbst in hochgradig ideologiegeladenen Kulturen Pop-Appeal eine gewisse Rolle. Das tollste Produkt der Welt wäre nordkoreanisches Haarshampoo. Stellen die eigentlich Haarshampoo her oder ist so ein Produkt schon ideologisch verdächtig? Der große Vorsitzende Mao Tse Tung soll sich ja niemals seine Zähne geputzt und den übelsten Mundgeruch des Planeten gehabt haben. Solchen Leuten wären gewiss auch Zahnprothesen zu bourgeois. In den Sechzigern haben sie da schon Leute erschossen, weil sie Brillen getragen haben. Sich unter solchen Umständen auch nur die Zähne zu putzen ist unvorstellbar – siehe auch George Orwell, Farm der Tiere: vier Beine gut, zwei Beine schlecht. Mao war wirklich der, wie heißt der, der vor zwei Monaten wegen 9/11 umgebracht wurde, doch gleich? Genau, er war der Osama bin Laden meiner Jugend.

Vor 20 Jahren haben sie das coole, melancholische Slacker-Manifest "Generation X" veröffentlicht, spätestens vor zehn Jahren wurde mit dem elften September die Geschichte wieder "heiß" und auch aktuell ist einiges los auf der Welt. Wie empfinden Sie rückblickend diese Epoche?

Mir ist aufgefallen, wie zyklisch Geschichte verläuft. 89/90, als ich an "Generation X" arbeitete, waren die Achtziger, was auch immer sie waren, vorbei: Reagan und so weiter. Doch die Neunziger hatten noch nicht begonnen, und ich erinnere mich an dieses Gefühl, die Zeit wäre angehalten worden, Geschichte wäre an einen Endpunkt gekommen und mit ihr die Möglichkeiten der Gesellschaft, in ihrer Zeit einen besonderen Geist zum Ausdruck zu bringen und zu benennen. Und – Boom! – zwei Jahre später passieren die Neunziger. 1999 noch mal dieselbe Sache und ähnlich war es auch im letzten Jahr: Nichts wies auf das Jahr 2011 hin, und wahrscheinlich wird 2012 etwas wirklich Erstaunliches beginnen. Diese Phasen nehme ich aber nicht als das „Ende der Welt“ wahr, sondern als Vorzeichen eines großen Umbruchs.

Welcher Art könnte dieser Umbruch sein?

Politisch geht es aktuell nicht mehr um die Frage „Links gegen Rechts“, sondern um die Frage, vermittels welcher Mechanismen der gesellschaftliche Wille umgesetzt wird. In den USA findet das derzeit in einer besonders extremen Weise statt, wo die Anhänger der "Tea Party"-Bewegung ein Land mit einer Bevölkerung von 300 Millionen Menschen als Geisel genommen haben. Obwohl wir in einer Welt der Flashmobs und viralen Videos leben, dauert es Jahre, jemanden in ein Amt zu wählen, und es wäre derzeit interessant, den Zeitrahmen und die Geschwindigkeit dieser Prozesse zu untersuchen. In Demokratien dauert so etwas ewig, doch das scheint nicht mehr zu funktionieren. Irgendetwas ist da kaputtgegangen und bedarf einer neuen Feinabstimmung. Man muss sich nur mal auf der Website der „Daily Mail“ ankucken, was die Mittelschicht gerade zornig macht und dann die Kommentare unter dem Artikel lesen. Sie sind eine der großen Freuden unseres Zeitalters.

Eine ihrer künstlerischen Arbeiten bezieht sich auf Andy Warhols "Marilyn" und trägt den düsteren Titel "Matricide". Was war denn da los?

Andy Warhol ist die spirituelle Mutter von jedem, der nach 1960 geboren wurde. Bei Schriftstellern ist ja immer der Vatermord, also das Erkennen und Überwinden der eigenen literarischen Vorbilder, das große Thema. Dazu brauchte ich das visuelle Äquivalent. Ansonsten habe ich die reinste Hochachtung für Andy Warhol. Die Reproduktionen seiner Arbeiten von Sunday B. Morning kosten nur einen Bruchteil der Originale, und meine Arbeit schien mir ein ganz nettes Update seiner Arbeit zu sein – um sie fürs heutige Publikum ein wenig bedeutsamer zu machen.

Wir haben mal in den aktuellen Künstler-Ranking-Listen und Datenbanken nachgeschaut und in Ihrer Galerie angerufen, um uns nach den aktuellen Preisen Ihrer Arbeit erkundigen...

Welche Galerie? Ich habe gerade bei meinem alten Galeristen gekündigt, und die neue ist erst ab Oktober offiziell. Das ist alles irgendwie schräg. Hier werden meine Arbeiten aus dem vor-9/11-Zeitalter ausgestellt, die eigentlich eher Skizzen gleichen – dabei ist meine eigentliche Arbeit erst vor zwei Jahren quasi explodiert und hat begonnen, einen ganz neuen Sinn anzunehmen. Wenn man in Deutschland nur noch ein halbes Jahr warten könnte, dann gäbe es endlich auch die ganz aktuellen Sachen zu sehen, die ich jetzt erstmals auf der Kunstmesse in Toronto zeige. Eigentlich habe ich auch erst vor drei Jahren wieder so richtig angefangen. Zur Zeit arbeite ich mit AA Bronson von General Idea zusammen, und jüngst habe ich an überdimensionalen QR-Codes gearbeitet, die Botschaften an Menschen aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft enthalten. Und an Parolen für das 21. Jahrhundert.

Als da wären?

"Leben fühlen sich nicht mehr wie Geschichten an", "Lagert alles, was ihr nicht runterladen könnt", "Du weißt, dass sich die Zukunft wirklich ereignet, wenn du Angst hast", "Unsere einzige Hoffnung besteht darin, etwas klügeres als uns selbst zu erfinden." Denn was uns wohl alle überrascht hat, ist die in den letzten Jahren ausgebrochene, uns alle immer tiefer verschlingende Sucht nach totaler Verbundenheit – gegen die es kein Heilmittel gibt. Doch: "Eine voll vernetzte Welt braucht keine Mittelschicht."

Douglas Coupland

Im werkraum berlin sind eine Dokumentation der digitalen Prints von Douglas Coupland zu sehen, die er 2001 während seiner Lesereise in Deutschland ausgestellt hatte. Außerdem auch eine 2011 bei seinem Besuch in Berlin entstandene Skulptur. Besichtigung nach Vereinbarung.

Pasteurstrasse 29
10407 Berlin

http://www.galeriefriebe.de/de/news/index.php

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