Praxes - Berlin

Anatomische Studien am einzelnen Werk

Zuwachs für Berlins neues hippes Kunstquartier: Die Kuratorinnen Rhea Dall und Kristine Siegel legen mit Praxes, einem Zentrum für zeitgenössische Kunst, etwas vor, was es vorher nicht gab: Einen Ort, der Ausstellungen, Programm und Künstleratelier vereint.
Künstlerische Praxis:Praxes: Kunst in Atelieratmosphäre

Praxes befindet sich auf zwei Etagen im ehemaligen Kirchenkomplex St. Agnes des Architekten Werner Düttmann aus den sechziger Jahren

Manchmal muss man nur drauf kommen. Dann jemanden finden, der mit aufspringt. Und loslegen. In Berlin bleiben gute Ideen aufgrund von Geldnöten allerdings oft in der Schublade oder retten sich in halbgare Kompromisse, um dann vollends in der Versenkung zu verschwinden. Die neue Ausstellungsinstitution Praxes, die nun auf 200 Quadratmetern im ehemaligen Kirchenkomplex von St. Agnes in Kreuzberg eröffnet hat, ist von dieser Berlin-Kultur jedoch weit entfernt.

Die Kuratorinnen Rhea Dall und Kristine Siegel haben binnen nur eines Jahres etwas realisiert, das es international so noch nicht gab: Einen Ort für Ausstellungen und Recherche, an dem zwei Künstler ein halbes Jahr lang immer wieder andere Werke zeigen – begleitet von Essays und Vorträgen, deren Dokumentation Teil eines stetig wachsenden Online-Archivs wird. Klingt hochgestochen? Mag sein – aber wer Berlins hippes neues Kunstquartier noch vor dem Vermieter Johann König einweiht, und das mit ehrwürdiger Konzeptkunstprominenz wie Gerard Byrne und Jutta Koether, hat erst einmal Recht.

Beide Künstler sind nun auf zwei Etagen des ehemaligen Gemeindehauses zu sehen: Im Erdgeschoss läuft vorerst Gerard Byrnes Video "New Sexual Lifestyles" (2003), in dem Darsteller ein Playboy-Interview von 1972 zum Thema neues Sexualleben wiedergeben. Eingebettet in einen luxuriösen Siebziger-Jahre-Glaspavillon in üppig grüner Umgebung, wirkt das Ganze wie eine groteske Gruppentherapie. Oben präsentiert Jutta Koether ihre schalenförmige Plexiglasassemblage "Viktoria": der erste Teil eines Triptychons, bestehend aus zwei Skulpturen und einer Gouache, die im Laufe der Schau als "Module" aufeinander folgen. Dazu lehnen auf einer Regalleiste zwei Ölgemälde vor Spiegelfronten, die einander immer wieder abwechseln. Sie sind als gestische Studien zum Malereidiskurs zu verstehen – "Mad Garland Berlin" von 2011 als düster-virile Kunstmessenware und "Alostrael" von 2009 als Ableitung von Aleister Crowleys okkultistisch durchtränktem Musenporträt von Leah Hirsig. Die Dachterrasse, von der aus auf die Kirchenfassade gegenüber projiziert werden darf, ist bisher noch nicht im Einsatz.

Ein Video unten, zwei Bildwerke oben, und dabei ein ständiger Wechsel – das ist ungewohnt, zumal an einem unkommerziellen Ort. Im Vergleich zu Museen, die die Kunst mit Großausstellungen ins Monumentale aufblasen, oder Kunstvereinen, die oft auch als Produktionsstätten für neue Arbeiten herhalten müssen, die von dort aus direkt auf die Messen wandern, betreibt Praxes mit dem Seziermesser anatomische Studien am einzelnen Werk. "Wir haben früher beide für große Institutionen gearbeitet", so Kristine Siegel, die zuletzt die Künstlerresidenz ISCP in New York leitete und vorher am Museum of Modern Art tätig war, während Rhea Dall für die Biennalen in Berlin und Venedig arbeitete. "Doch da gab es wenig Raum zum Ausprobieren oder für intensive Recherchen. Immer stand schon das nächste Projekt an." Praxes soll nun ein Ort sein, an dem es für alle Beteiligten langsamer zugeht – und der das, was man sonst nur beim Atelierbesuch erfährt, öffentlich macht: Werkprozesse, Gespräche, Archivmaterialien. "Wir wollten ein Format, bei dem künstlerische Praxis als organische Struktur sichtbar wird. Und die muss nicht unbedingt logisch sein, sondern kann sich auch selbst widersprechen."

Die Finanzierung funktioniert nach einem ähnlichen Patchwork-Prinzip: Diverse private Sponsoren und Stiftungen sind im Boot sowie als öffentliche Geldgeber für den aktuellen Turnus die dänische Kunstagentur Kunststyrelsen und die Irische Botschaft Berlin. Gehälter fallen weg, weil Siegel und Dall als Doktorandinnen an der Universität Kopenhagen angestellt sind. Dass Praxes ausgerechnet in Berlin und nicht anderswo angesiedelt ist, hat zum einen – was sonst – mit dem räumlichen Potential der Stadt zu tun. Aber auch damit, dass hier institutioneller Nachholbedarf herrscht. "Es gibt viele Künstlerinitiativen, Pop-Up-Ausstellungen, Galerien und ein paar Museen für zeitgenössische Kunst. Aber es mangelt an unkommerziellen Orten, die das traditionelle Ausstellungsformat überwinden", so die Kuratorinnen. Dass sie mit ihrem Projekt nun an die, wie sie sagen, "große nomadische Quelle kreativer Köpfe andocken wollen", beharrt auf dem Mythos einer Stadt, die derzeit in Hipstertourismus, Investorenarchitektur und "Painting Forever!"-Geschrei versinkt. Mit sechs Monaten für zwei Künstler kann man durchaus dagegen halten.

Gerard Byrne / Jutta Koether

bis 14. Dezember,
PRAXES Center for Contemporary Art,
Berlin
http://www.praxes.de/cycles.htm