Light-Writing - Licht-Kunst

Spurlose Graffiti

Die Street-Art-Szene entdeckt das Licht für sich. Des Nachts lassen die Künstler Bilder entstehen, die niemand sieht.
Ohne Leinwand:Immer mehr Street-Art-Künstler malen mit Licht.

Marko93, "Ikeburuko, Tokyo, 2006"

Wenn man Nash so sieht, wie er die Lampen in der Luft herumwirbelt, „ausflippt“ in der Nacht, dann mag man kaum glauben, dass auf seiner Visitenkarte „Manager“ steht, dass er tagsüber mitentwickelt an den S-Bahnen, die hier im Zehn-Minuten-Takt vorbeifahren.
Für die Passagiere, die in diesem Moment einen Blick aus dem Fester werfen, muss das ganze Szenario wundersam anmuten.
Blitzende, blinkende Lichter, die sich drehen, auf und ab, hin und her über dieses alte Brachgelände in Berlin Prenzlauer Berg. Ab und zu erleuchten sie die Bäume und verlassenen Häuser um den Platz. Mitten drin springen zwei Menschen herum.

„Natürlich sieht das für Außenstehende ziemlich komisch aus, wenn da jemand rumhampelt und andauernd seine Taschenlampe an- und ausmacht.“, sagt TOFA. Er trägt einen blauen Kapuzen-Pullover, der seine kurzen, blonden Haare bedeckt.
Nash, 30, und TOFA, 33, die ihre richtigen Namen nicht preisgeben möchten, sind so genannte „Light-Writer“. Ausgestattet mit Kamera und Lampen produzieren sie Kunstwerke in nächtlichen Städten.
„Es gibt mir die Möglichkeit legal zu arbeiten in einem Bereich, in dem sonst alles illegal abläuft.“, meint TOFA, der über das Graffiti-Sprühen zum „Light-Writing“ gefunden hat.

Seit einigen Jahren versuchen sich immer mehr Künstler, vornehmlich aus der Graffiti-Szene, an dieser Kunst. Bisher ist die Szene allerdings noch klein; man kennt sich persönlich.
Der Trick: Die Kamera wird auf ein Stativ geschraubt und mit einer langen Belichtungszeit ausgelöst. Während dieser Zeit malen die Künstler mit den Lampen in der Luft. Das Ergebnis ist nachher nur auf dem Foto zu sehen.
Es klingt zwar simpel, doch wer das „Light-Writing“ selbst ausprobiert, merkt schnell, wie schwer das präzise Arbeiten dabei ist.
Keine Leinwand zeigt einem, welche Striche man wo gezeichnet hat.
Umso erstaunlicher ist daher die Genauigkeit, mit der Künstler wie der Franzose Marko 93 arbeiten. Er erschafft seit 1999 mit Hilfe von Licht Kunstwerke aus japanischen und arabischen Schriftzeichen.
Nach den Anfängen des „Light-Writings“ gefragt, verweist der 34-Jährige, der seinen bürgerlichen Namen auch nicht nennt, auf Pablo Picasso: „Er ließ sich schon Ende der 40er Jahre auf diese Art fotografieren.“

Immer wieder arbeiteten Künstler mit Lampen und Langzeitbelichtung.
So ließ beispielsweise die Künstlerin Mary Kelly Anfang der Siebziger Jahre Frauen mit Lichtern auf ihren Brüsten und im Schambereich gegen die Miss-World-Wahlen demonstrieren, und fotografierte sie dabei. Mit ihrer Aktion „Flashing Nipples Remix“ erinnerte sie auf der Documenta 12 an den Protest vor mehr als 30 Jahren.

Doch erst heute erlebt diese Kunstrichtung eine ungeahnte Professionalität und Verfeinerung.
Digitale Fototechnik und Internet geben den „Light-Writern“ ganz neue Möglichkeiten.
Dank der Digitalkameras können die Lichtkünstler schon während ihrer nächtlichen Fotoshootings die Ergebnisse betrachten und beliebig oft wiederholen.
Über das Internet lassen sich die Bilder dann schnell verteilen. So dient es als Kontaktbörse und Inspirationsquelle für andere Künstler.

Inzwischen sind TOFA und Nash dabei, eine Dschungelwelt in der Großstadt entstehen zu lassen. Schlingpflanzen und Tiere wachsen aus dem Gebüsch, im Hintergrund ragen Berlins Plattenbauten empor.
Nash, der hauptsächlich für die Technik zuständig ist, dirigiert dabei immer wieder die Laufwege. „Weiter nach rechts! Weiter!“, ruft der zweifache Familienvater seinem Kollegen zu.
TOFA erzählt, dass sie während ihrer Aktionen von Berliner Sicherheitsleuten sogar schon für Graffiti-Sprüher gehalten wurden. Sie durchsuchten die beiden Lichtkünstler nach Sprühdosen, doch alles, was sie finden konnten, waren Taschenlampen.

Auch die Gruppe PIPS:lab aus Holland kennet die Aufmerksamkeit der Berliner Polizei. Beinahe wären sie für ihre Arbeit festgenommen worden.
Die sechs Künstler haben den Lumasolator erfunden, eine spezielle Maschine, die „Light-Writing“ in Echtzeit ermöglicht. Sie arbeiten nicht mit einer Foto-, sondern mit einer modifizierten Videokamera, welche die Bilder sofort auf einen Monitor überträgt. So lassen sich Videos drehen und die Künstler können sich noch während ihrer Aktion selber beobachten.
Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe fand diese Technik so interessant, dass es dem PIPS:lab einen Lumasolator abkaufte.

Obwohl sie nicht mit solchen Entwicklungen aufwarten können, erntet die Kölner Gruppe Lichtfaktor im Internet seit kurzem großen Respekt für ihre „Light-Writing“-Videos.
Dafür fotografieren sie jedes Bild einzeln und lassen sie dann wie eine Videosequenz ablaufen.
In den Filmen nehmen kleine Lichtmännchen ihre menschlichen Freunde an die Hand und laufen durch nächtliche Städte. Mülleimer und Postkästen bekommen auf einmal Augen und Arme und fangen an, sich zu bewegen.
„Vergleichbar mit Graffiti und Streetart wird die Stadt für uns zu einer Spielwiese,“ schreiben die drei jungen Männer von Lichtfaktor auf ihrer Website. Im Gegensatz dazu sei dies allerdings vollkommen legal, „da nur auf den Fotos und nicht vor Ort eine Spur hinterlassen wird.“
Und daher wird aus der Graffiti-Szene Kritik gegenüber der „Light-Writing“-Kunst laut. Zu bürgerlich und zu wenig zerstörerisch sei sie, kann man auf einschlägigen Internetseiten lesen.

Es ist jetzt kurz nach zwölf. Morgen früh muss Nash wieder um 6.30 raus. Dann ist der studierte Ingenieur wieder Manager.
In einigen Wochen wird er für seine Firma nach Indien ziehen.
„Ich flieg’ rüber und wir machen eine `Light-Writing´-Tour durch Indien,“ meint TOFA.