Off-Spaces - Neue Serie

Trainingslager der Subkultur

Warum Off-Spaces eingefahrene Machtverhältnisse umkrempeln: Die Macher haben sich Freiheit auf die Fahnen geschrieben und nehmen dafür in Kauf, kein Geld zu verdienen, frierend zu arbeiten und immer wieder plötzlich umziehen zu müssen. Ab nächsten Mittwoch präsentiert art jede Woche in einer neuen Serie die schönsten alternativen Kunstorte Deutschlands.
Trainingslager der Subkultur:Die Szene der Off-Spaces

Im Hamburger Frappant leben und arbeiten rund 130 Künstler. Doch die Künstlergemeinschaft muss vermutlich bald ausziehen – der Nutzungsvertrag wurde zum 30. November gekündigt.

Finster erhebt sich ein Parkhaus. Kein Mensch ist zu sehen; zu hören sind nur die eigenen Schritte und das Wasser, das aus undichten Stellen in der Decke kontinuierlich auf den Boden tropft. Nebel zieht von außen herein und macht das Ganze nicht unbedingt behaglicher: Hier soll also eine Vernissage stattfinden. Wer dort hin will, muss erst die unbeleuchtete Auffahrt voller Schlaglöcher und zwei weitläufige Parkdecks durchqueren.

Die Zeiten, in denen hier Kunden von Karstadt, Neckermann und einem Musikgeschäft geparkt haben, sind vorbei, die Läden sind alle ausgezogen. Wurzeln und Gräser haben sich durch den Beton gekämpft. Entlang einer weißen Linie am Boden gelangt man in einen hoch gelegenen Teil des Gebäudekomplexes, ein ehemaliges Arbeitsamt. Wo einst Arbeitslose zwischen Gummibäumen und Raufasertapeten Formulare ausfüllten, sitzt nun ein unkommerzieller Kunstraum namens "Frappant": ein so genannter "Off-Space". Das Büromobiliar ist noch da, wird nun aber kreativ in die Kunst integriert: Im obersten Stockwerk angelangt, ist es plötzlich hell und voller Menschen, die bei dezenter elektronischer Musik die Skulpturen, Installationen und Bilder in zahlreichen Ausstellungsräume ansehen.

Ob in Privatwohnungen, Industriebrachen, Kneipen, Kirchen, direkt auf Hauswänden oder eben in einem leer stehenden Siebziger-Jahre-Vielzweck-Betonbunker – "Off-Spaces" können überall sein. Es sind Orte, wo Kunst "off", also außerhalb etablierter Galerien und Museen gezeigt wird. Das Museum wurde in der progressiven Kunstszene immer wieder als starrer, unkreativer Ort empfunden; ihr Bedürfnis, ohne Anbiederung an den Geschmack der Galerien und Sammler ausstellen zu können, war immer da. Der Ursprung der Off-Spaces liegt im 17. Jahrhundert: "Michelangelo Merisi da Caravaggio war ja berühmt dafür, dass seine Bilder oft abgelehnt wurden", erzählt Anne-Marie Bonnet, Off-Space-Expertin, Vorsitzende des Bonner Kunstvereins und Professorin für Neuere Kunstgeschichte an der Universität Bonn. "Ohne einen Abnehmer dafür wurden einfach Ausstellungen im eigenen Atelier oder in Klosterhöfen organisiert." Im 19. Jahrhundert gab es eine große Bewegung von Künstlern, die eigene Ausstellungsräume eröffneten, die so genannte künstlerische Sezession. Der "Salon des Refusés" (Salon der Zurückgewiesenen) wurde als Gegenpol zum etablierten "Pariser Salon" ins Leben gerufen. Kaiser Napoleon III. initiierte dort 1863 die bekannteste Ausstellung mit Skulpturen und Bildern, die man in der offiziellen Kunstausstellung "Pariser Salon" nicht zeigen wollte – darunter auch Édouard Manets "Frühstück im Grünen". Auch der "Pavillon du Réalisme" von Gustave Courbet war Ort solch einer Gegenausstellung: Ab 1855 präsentierte der damals schon bekannte Maler in dieser Baracke Gemälde, die dem Geschmack des königlichen Hofes nicht entsprachen. Im Laufe der Zeit gab es eine regelrechte Schwemme solcher Salons und Pavillons. Künstler konnten so plötzlich ihre Bilder verkaufen, ohne sie im Auftrag gemalt zu haben; eine wichtige Wandlung in der Kunstgeschichte.

"Immer nur die üblichen Immendorfs, Polkes oder Lüperz'"

Heute heißen diese Räume Off-Spaces, und ihr Zweck ist nach wie vor, Machtstrukturen in der Kunstwelt umzukrempeln. Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert dominiert aber eine unkommerzielle Ausrichtung. "Es geht primär darum, Kunst zu zeigen, und nicht zu verkaufen", sagt Bonnet. So bekommen Künstler leichter die Chance, bekannt zu werden, was der Kunst einerseits das Elitäre nimmt, andererseits für Vielfalt sorgt. "In den Museen sind immer nur die üblichen Immendorfs, Polkes oder Lüperz', die man sowieso kennt", sagt die Kunstprofessorin. "Das ist so langweilig." Auch Christian Nagel, der heute eine renommierte Galerie in Berlin und eine weitere in Köln besitzt, gründete eine Gegenveranstaltung zu einer etablierten Kunstausstellung und störte so die Macht der Großen: 1992 rief er die "Unfair" ins Leben. Nagel fand es nicht gerecht, dass die Kunstmesse Art Cologne "fast alle jungen Galerien nicht zulassen wollte" und schaffte seine Version des Salon des Refusés. Auch heute steht der Galerist noch in Kontakt mit alternativen Kunsträumen, besuchte "den kürzlich geschlossenen 'Orchard' in New York, 'Art after the Butcher' in Berlin, k.j.u.b.h. in Köln und viele mehr". Den Unterschied zu Galerien beschreibt Nagel so: Dort "muss letztendlich verkauft werden, dies geht oft mit der Etablierung der Künstler einher, während ein Off-Space eher dem Experiment verschrieben ist".

Gianna Schade ist im Vorstand des Frappant e.V. und weiß, was die ungezügelte Experimentierfreiheit der Künstler bedeuten kann. In dem ehemaligen Arbeitsamt findet eine Schau pro Woche statt: Mal stellt einer der 120 Maler, Bildhauer, Fotografen oder, wie am heutigen Abend, Illustratoren aus, die dem Verein angehören und dort ihr Atelier haben, mal zeigen externe Künstler ihre Arbeiten. "Ich bin morgens mal hier hoch gekommen und mich hat fast der Schlag getroffen", sagt die Fotografin. "Einer der Künstler hat über Nacht einfach eine Wand entfernt, weil er meinte, er brauche mehr Platz. Im Flur hat er die Decke abgetragen und die Kabel hingen heraus." Ein anderer habe kurzerhand einen gesamten Raum mitsamt dem Fußboden schwarz gestrichen. "Aber wir sind halt frei, das gehört dazu", sagt Schade. Sich nicht wie in Galerien Vorgaben unterzuordnen heißt eben auch, mit solchen Aktionen rechnen zu müssen.

Weg vom elitären Kunstbetrieb

Auch die Malerin Ergül Cengiz findet es wichtig, dass nicht "Galeristen und Kuratoren vorgeben, was gut ist, sondern die Menschen, die Kunst machen". Genau das bewirke eine Veränderung der eingefahrenen Machtverhältnisse. Cengiz gehört dem Künstlerkollektiv "3 Hamburger Frauen" an, stellte schon häufig in Off-Spaces aus und ist dadurch "viel bekannter geworden". Sie ist Mitglied bei SKAM e.V., eine von acht Gruppen, die zum "Frappant" gehören. "SKAM" steht für "Schöne Kunst allen Menschen", also weg vom elitären Kunstbetrieb, hin zu einer offenen, freien Szene. Die Künstlergemeinschaft gibt es seit 17 Jahren und ist damit einer der Off-Spaces, die sich in Deutschland am längsten gehalten haben. Meist sind es selbst Künstler, die solche Projekte initiieren, weil sie wissen, wie schwierig es sein kann, Öffentlichkeit zu bekommen. Dafür investieren sie viel Energie, Arbeit und zum Teil auch Geld: Mieten zahlen sie meist aus eigener Tasche oder, wie das Frappant, durch Mitgliederbeiträge. Projektförderungen gibt es eher selten.

Lise Nellemann ist auch solch eine Idealistin. Vor neun Jahren gründete sie den Off-Space "Sparwasser HQ" in Berlin und erarbeitete sich eine recht hohe Bekanntheit in der Kunstszene. "Wir sind keine Galerie und kein Museum, aber trotzdem etabliert in Berlin", sagt sie. Auch Nellemann zahlt die rund 300 Euro Monatsmiete selbst, dafür hat die Künstlerin ihr Atelier aufgegeben. Der Diskurs in dem "Sozialen Raum", wie sie die Off-Space lieber nennt, sieht sie als eigenständiges künstlerisches Projekt. In ihrem Raum findet etwa eine Ausstellung im Monat mit Diskussionsrunden und Vorträgen statt. Nellemann verdient daran nichts. Sie sagt, die Verkaufsabsicht der Künstler schränke die Freiheit ein. Geschäfte wickeln diese privat mit Interessenten ab.

"Wir sind eher eine Bürgerbewegung"

Kunst findet hier also ohne Markt statt. Unabhängig von den Mächtigen der Kunstszene geht es um Freiheit, Kommunikation und Vernetzung. Wie für Off-Spaces typisch, spielt auch bei Sparwasser der Austausch zwischen Gastgebern, Künstlern und Besuchern eine zentrale Rolle. "Dadurch sind wir international bekannt", sagt Nellemann. Darum findet sie auch, dass der Begriff "Off-Space" die Sache nicht gut trifft: "Man wird so leicht marginalisiert. Wir haben neun Jahre lang geschuftet, viele gute Sachen gemacht, und ich will nicht, dass Sparwasser in diese Ecke gedrängt wird." Die Grenze zwischen Off-Spaces und etablierten Institutionen ist oft fließend: Sparwasser ist seit letztem Jahr Mitglied bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine, weil sich das Programm mit dem der Kunstvereine vergleichen lässt. Der Unterschied ist, dass Off-Spaces keinen Auftrag haben, sondern völlig frei entscheiden, was wann wie gezeigt wird. "Wir haben auch keine pädagogische "Oben-nach-unten-Ausrichtung" wie Museen, sondern sind eher eine Bürgerbewegung", fügt Nellemann hinzu.

"Hinterconti" und "Frappant" in Hamburg, "Sparwasser" oder "Korridor" in Berin, "Nüans" in Düsseldorf, SAM in Köln, um nur einige bekannte Beispiele zu nennen: Es gibt viele solcher "Bürgerbewegungen" in Deutschland. "Allein in Berlin sollte man 14 Tage Zeit und gute Laufschuhe mitbringen, wenn man alle Off-Spaces abgrasen will", sagt Anne-Marie Bonnet. "Es gibt Schnitzeljagden und Ausstellungen in halb abgerissenen Häusern, Eisenbahnwagons, oder sogar in der Kloake. Ich bin fast froh, wenn ich mal nicht unter irgendwelche Brücken kriechen oder Aborte aufsuchen muss." Bei dieser Masse an alternativen Kunstorten kann die Qualität der Ausstellungen stark variieren: In manchen Off-Spaces hängen neben Bildern renommierter Künstler schon mal unfertige Versuche von Erstsemester-Studenten. Deshalb stellt art in einer neuen Serie jetzt auch jeden Mittwoch die besten alternativen Ausstellungsräume Deutschlands vor.

Ergül Cengiz hatte schon richtig Angst um ihre Bilder

Wie viele dieser Orte es tatsächlich gibt, kann man schwer sagen. Es gibt eben kein offizielles "Verzeichnis der Off-Spaces", die oft nur kurz existieren und selten lange an einem Ort bleiben können. Lise Nellemann sucht gerade einen neuen Raum für Sparwasser, vielleicht will sie es jetzt über die "Zwischennutzungsagentur" versuchen, die leere Wohnungen oder Fabrikhallen in Neukölln günstig an Künstler vermittelt. Den Mietvertrag in dem alten, unbeheizten Laden wollte sie wegen der steigenden Miete nicht verlängern, und weil sie nicht mehr "frierend in dicken Wollpullis und riesigen Mänteln" arbeiten will. "Das ermüdet", sagt sie. Unkommerzielle Kunstprojekte haben eben in der Regel keine Luxusimmobilie zur Verfügung. Die Malerin Ergül Cengiz hatte auch schon richtige Angst um ihre Bilder: Im alten SKAM, einem ehemaligen Bowlingcenter an der Hamburger Reeperbahn, hat es reingeregnet. In Galerien würde das wohl eher nicht passieren, doch was nimmt man nicht alles in Kauf, um unabhängig vom mächtigen Kunstmarkt frei arbeiten zu können.

Reinregnen kann es in die alte Bowlinghalle nun nicht mehr, denn sie wurde abgerissen. SKAM ist darauf in das "Frappant"-Gebäude gezogen, doch auch hier muss die Künstlergemeinschaft vermutlich bald ausziehen – der Nutzungsvertrag mit 130 Künstlern wurde gerade zum 30. November gekündigt. Eine IKEA-Filiale soll an die Stelle des alten Gebäudekomplexes kommen. Bis dahin stören Frappant und SKAM, wie Hunderte andere Off-Spaces, das Machtverhältnis der Kunstszene: Noch kann man jede Woche hoch oben über den Dächern Hamburgs Installationen, Skulpturen und Bilder zu sehen, die mal experimentell, mal "Mainstream", mal versuchhaft, mal ausgereift, aber stets frei in jeder Hinsicht sind. Wenn man das schätzt, spielt der finstere Weg durch das Parkhaus eine Nebenrolle – oder wird sogar zur atmosphärischen Zugabe.

"Tag der offenen Ateliers"

Termin: Samstag, 7. November, 11 bis 19 Uhr, Frappant, Große Bergstraße 168, Hamburg
http://frappant.blogsome.com/2009/11/03/frappant-offene-ateliers-sa-7nov09-11-1900/