Trafo - Stettin

Worauf Berlin noch wartet

In Stettin sorgt eine Gruppe von Künstlern für ein neues Ausstellungszentrum. Das Trafo versorgt die polnische Kulturmetropole mit zeitgenössischer Kunst und lebendigem kulturellen Austausch. Gesine Borcherdt sprach mit der Leiterin der Kunsthalle, Constanze Kleiner.
Kleine Kulturmetropole:Stettin hat ein neues Zentrum für zeitgenössische Kunst

Constanze Kleiner ist Leiterin des neuen Zentrums für zeitgenössische Kunst Trafo in Stettin

Frau Kleiner, im polnischen Stettin ist das entstanden, worauf man in Berlin schon lange wartet: Eine Kunsthalle. Wie kam es zum Trafo Center for Contemporary Art?

Das Ganze ging von den Stettiner Künstlern aus. Sie schlugen der Stadt vor, die Ruine der denkmalgeschützten Transformatorenstation aus dem Jahr 1912 in einen Ausstellungsort zu verwandeln.

Mit der Unterstützung von visionären Politikern haben dann die Stadt Szczecin, das Land Polen und die EU die 4,5 Millionen Euro für die Sanierung zur Verfügung gestellt.

Das klingt aber einfach.

Ja, Stettin entwickelt sich auch gerade in rasantem Tempo zu einer kleinen Kulturmetropole – nur anderthalb Stunden von Berlin entfernt. Vor zwei Jahren wurde eine neue Akademie der Künste mit angegliederter Musikhochschule gegründet, zwei Museen sind in Planung, es gibt Kunstfestivals wie "InSPIRACJE" und "Digitalia" und es eröffnen neue Off-Spaces. Außerdem gibt es natürlich das großartige Nationalmuseum. Vor hundert Jahren war Stettin ein Zentrum der Avantgarde. Daran will man nun endlich wieder anknüpfen. Es ist deutlich spürbar, dass mit den großen kulturellen Investments Grundlagen für eine neue Identität Stettins geschaffen werden, nachdem die Geschichte der ehemals deutschen Stadt so lange dominant war. Die Politik hatte also offene Ohren für die Gründung von TRAFO.

Was erwartet uns denn dort?

TRAFO versteht sich als neuer Produktionsort, an dem Ausstellungen polnischer und internationaler Künstler gezeigt werden sowie Künstlerresidenzen untergebracht sind. Die gigantische Haupthalle, der ehemalige Maschinenraum, ist zwar blendend weiß, aber kein White Cube sondern ein sehr rauer, industrieller Ort. Jeder Künstler, der dort ausstellt, muss sich damit auseinandersetzen. In den Nebenräumen und im Keller werden abwechselnd Ausstellungen zu sehen sein und werden die Artists in Residence ihre Ateliers haben, während im obersten Geschoss, direkt neben der Dachterrasse und einer kleinen Bar, Wohnräume mit Bad und Küche untergebracht sind. Wenn man TRAFO betritt, befindet man sich im Kunsthallencafé mit Buchshop und Bar. Ein großer Esstisch und eine zwischen den Bücherregalen platzierte Sofalandschaft vermitteln den Eindruck eines Wohnzimmers mit Leselounge. Das Museumscafé ist so etwas wie ein Wohnzimmer. Besucher und Künstler kommen also problemlos in Kontakt miteinander, sei es beim Kaffee oder beim Atelierbesuch. TRAFO ist ein lebendiger Ort, an dem sich polnische und internationale Künstler und Gäste aufhalten, kein Museum.

Wie viele Künstler dürfen denn bei Ihnen unterkommen, und wer wählt sie aus?

Das ist abhängig vom Budget und den jeweiligen Partnern. Um die richtigen Künstler vor allem hier in Polen zu finden, haben wir ein kuratorisches Team und ein Bord, das uns unterstützt.

Sie haben gerade eine Ausstellung mit Ryszard Wasko eröffnet, der eigentlich als Kuratorenlegende bekannt ist...

Ja, Ryszard Wasko ist in erster Linie ein Visionär. In den achtziger und neunziger Jahren holte er für die Ausstellungsreihe "Construction in Process" Künstler wie Sol LeWitt, Richard Long und Lawrence Weiner nach Lodz. Die meisten reisten auf eigene Kosten nach Polen, wo sich damals gerade der Widerstand gegen das kommunistische System erhob. Viele der Künstler, die einmal dabei gewesen waren, unterstützten daraufhin Waskos weitere Ausstellungs- und Museumsprojekte. Später war er dann als Programmdirektor am P.S.1 in New York tätig. Heute lebt er in Berlin. Dass er auch selbst als Künstler arbeitet, ist weniger bekannt. Nun zeigen wir mit "Genesis" seine bisher größte Einzelausstellung mit Werken der letzten 40 Jahre, mit Malerei, Fotografie und Film. Er selbst verwendet dafür den Begriff "Metaphorischer Konzeptualismus". Darin sind auch die Videos seiner Frau Maria zu sehen, die einmalige Zeitdokumente sind, und seine Tochter Lucia ist Co-Kuratorin. Wir holen ihn erstmals wieder nach Polen, wohin er eigentlich nicht zurück wollte – da er nicht systemkonform war, schätzte man ihn dort natürlich nicht sonderlich. Ihn zu zeigen, war eine sehr bewusste Entscheidung: Wir übernehmen seinen Auftrag, Neues in die Welt zu bringen.

Wie sind Sie denn nach Stettin gekommen? Ihr Name fiel vor ein paar Jahren ja öfter als Initiatorin der Temporären Kunsthalle Berlin, die 2005 bis 2009 am Schlossplatz stand.

Ich war vor etwa anderthalb Jahren zufällig hier und von der Dynamik völlig überrascht. Spontan wurde ich im Kontext der letzten Ausgabe des jährlichen Stettiner Festivals für visuelle Kunst "inSPIRACJE" eingeladen, auch eine Ausstellung zu kuratieren. Das Festival, das in diesem Jahr den Titel "Genesis" trägt, lief damals unter dem Motto "Apokalypse". Mit Unterstützung von Veit Loers, der damals Leiter des Kunstraums Innsbruck war, konnte ich ganz kurzfristig Gregor Schneider gewinnen, in Stettin auszustellen. Wir haben STERBERAUM dann zum zweiten Mal im Nationalmuseum in Stettin gezeigt. Die Stadt war damals auch gerade dabei, für den Betrieb von TRAFO einen Wettbewerb auf der Basis eines in Polen gerade erst erlassenen Gesetzes auszuschreiben, das gestattet, dass Privatunternehmen öffentliche Institutionen betreiben. Das ist eine mutige Entscheidung. Meinem damaligen Partner und mir wurde vorgeschlagen, uns an dem Wettbewerb zu beteiligen. Das haben wir mit einer eigens dazu gegründeten Firma, der Baltic Contemporary, dann auch gemacht und am Ende tatsächlich gewonnen. Aus dieser Zusammenarbeit hat sich schließlich meine Rolle der künstlerischen Leitung von TRAFO ergeben.

Können Sie schon weitere Pläne für das Ausstellungprogramm verraten?

Wir haben eine Förderung der Stiftung für Polnisch-Deutsche Zusammenarbeit für unser Residency-Programm erhalten und sind gerade dabei, es in Zusammenarbeit mit Momentum Berlin und einem Stettiner Projektraum, dem "Club Storady", umzusetzen. Ende des Jahres zeigen wir dann eine Gruppenausstellung mit polnischen und internationalen Künstlern.

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