Gurlitt in Österreich - Kunstfund

Wenig glamourös

In Wien war die Sammlung von Cornelius Gurlitt Experten bekannt – und das ist nicht die einzige Verbindung nach Österreich.
Die Verbindung nach Österreich:Cornelius Gurlitt ist kein Unbekannter

Der Kunsthändler Wolfgang Gurlitt 1957 mit einem Bildnis des Bundespräsidenten Theodor Heuss (gemalt von Hans Jürgen Kallmann) – die Sammlung seines Cousins Hildebrand Gurlitt steht jetzt im Mittelpunkt des Medieninteresses

Das ganze überraschte Getöse über den Schwabinger Kunstfund kann Alfred Weidinger, Vize-Direktor des Belvedere in Wien, überhaupt nicht nachvollziehen.

Natürlich habe man am Kunstmarkt und unter Kunsthistorikern von der geerbten Sammlung Cornelius Gurlitts gewusst, meint er. Weidinger selbst etwa hatte den Erben des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt im Zuge einer Kokoschka-Ausstellung kontaktiert. Schließlich war die Händler-Familie Gurlitt auf "entartete" Kunst spezialisiert – und Kokoschka galt im NS-Regime als "Entartetster der Entarteten". Die Auskunft, die Cornelius Gurlitt ihm damals gab, war allerdings wenig glamourös, so Weidinger, er gab an, nur ein paar Grafiken Kokoschkas zu haben, die fürs Belvedere damals nicht von Interesse waren. Es gebe auch noch weitere Sammlungen der Familie Gurlitt, sagt Weidinger, etwa die der Tochter des Cousins von Hildebrand Gurlitt, Wolfgang. Die Tochter lebe noch in München und besitze noch einiges. Die zweite Tochter ist bereits gestorben, ihre wesentliche Kubin-Sammlung habe sie schon zu ihren Lebzeiten aufgelöst.

Wolfgang Gurlitt ist in der österreichischen Kunstszene eine so bekannte wie dubiose Figur. In den großen Wiener Auktionshäusern weiß man, dass man zehnmal die Provenienz prüfen muss, taucht der Name Gurlitt in einer Werkgeschichte auf. Stoßen die Provenienzforscher in einem Bundesmuseum auf den Namen, schrillen auch die Alarmglocken – im Belvedere scheinen vier Werke auf, die Gurlitt hierher verkaufen konnte, keine großen Namen allerdings, eines wurde bisher vom staatlichen Kunstrückgabebeirat zur Restitution empfohlen. Im Leopold Museum wurden die Erben einer Zeichnung Anton Romakos, die über Gurlitt erworben wurde, entschädigt.

Wie sein Cousin, war auch Wolfgang eine äußerst ambivalente Figur, ein NS-Profiteur mit jüdischen Wurzeln. Auch er war Kunsthändler und Sammler, vor, während und nach der Nazi-Zeit, verkaufte "entartete" Kunst ins Ausland, beschaffte Kunst für das "Führermuseum". Anders als sein Cousin führte er allerdings ein schillernderes, mehr der Öffentlichkeit zugewandtes Leben. Mit drei Frauen (Ex-Frau, Ehefrau und jüdischer Geliebten) lebte er ab 1940 in einer Villa in Bad Aussee, angeblich um seine Kunst vor dem Krieg zu schützen. Trotzdem gab er an, als 1944 seine Berliner und Würzburger Wohnungen und Büros ausgebombt worden waren, dass 2000 Gemälde und 20 000 Zeichnungen dabei vernichtet worden wären. Die Argumentation kennt man von Hildebrand beziehungsweise dessen vor kurzem gestorbener Witwe – die Bilder tauchten jetzt in ihrer gemeinsam mit Sohn Cornelius bewohnten Wohnung auf. Es besteht der Verdacht, dass in diesem Konvolut auch Werke aus dem ehemaligen Besitz von Cousin Wolfgang wieder auftauchen könnten.

Das Linzer Lentos Museum hat bereits bei der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann angefragt, die die beschlagnahmte Sammlung erforschen soll. Laut Lentos-Direktorin Stella Rollig verlange man Einsicht in den Bestand, gesucht werden vier Werke von Gustav Klimt und Egon Schiele, die seit Jahrzehnten aus der Lentos-Sammlung verschollen sind. Das Lentos – damals noch "Neue Galerie der Stadt Linz" – war 1947 mit Leihgaben von Wolfgang Gurlitt gegründet worden – auf Wunsch der US-Besatzungsmacht übrigens, die sich dachten, dass gerade die Stadt, in der das "Führermuseum" geplant gewesen war, sozusagen mit moderner Kunst wieder neutralisiert werden könnte. Dass man dafür gerade auf den im nahen Aussee lebenden Wolfgang Gurlitt zurückgriff, der ja auch Einkäufer für Hitlers Museum war, ist so absurd wie es viele Schicksale im Nachkriegsösterreich waren.

1947/48 wurde die "Neue Galerie" jedenfalls gegründet, die sogar den Beinamen "Wolfgang Gurlitt Museum" trug. Gurlitt war Direktor, größter Leihgeber und immer in Geldnöten. 1953 kaufte deshalb die Stadt 84 Gemälde und 33 Grafiken Gurlitts an. Deren problematische Provenienz hat den damaligen Magistratsdirektor davon nicht abgehalten. Zum Bildnis "Ria Munk" von Gustav Klimt vermerkte er: "Klimt jüdischer Besitz! Vorbehalt bis Klärung!" Gekauft wurde das Gemälde trotzdem. 2010 wurde es restituiert so wie bisher acht weitere Werke aus Gurlitts ehemaligem Besitz. Gurlitt wurde 1956 schließlich seines Amtes enthoben, weil ihm unter anderem vorgeworfen wurde, seine Funktionen als Direktor und Händler nicht sauber voneinander zu trennen. So wird man sich auch vorstellen können, dass zum Beispiel einige Klimts und Schieles, die ursprünglich im Besitz der "Neuen Galerie" waren, heute in Cornelius Gurlitts Wohnung auftauchen könnten. Könnten, denn über Geschäftsbeziehungen der beiden Cousins Wolfgang und Hildebrand ist praktisch nichts bekannt, sagt die Provenienz-Forscherin des Lentos, Vanessa Voigt. Sie ist sozusagen eine Gurlitt-Spezialistin, beschäftigte sich mit beiden Cousins in ihrer Aufarbeitung der Sammlung Sprengel ("Kunsthändler und Sammler der Moderne im Nationalsozialismus: Die Sammlung Sprengel 1934 bis 1945").

In ihrer Rolle als Lentos-Provenienzforscherin arbeitet sie seit 2004 den Gemäldebestand auf, 40 Prozent sind mittlerweile geschafft. 111 Gemälde und 460 Grafiken der Lentos-Sammlung stammen aus Besitz Wolfgang Gurlitts. Über Geschäftsverbindungen von Wolfgang und Hildebrand ist ihr dabei (noch) nichts untergekommen, das Gerücht, dass sich die beiden nicht einmal kannten, halte sie aber für ausgeschlossen – immerhin war die Berliner Galerie Wolfgang Gurlitts der größte Leihgeber der ersten Ausstellung, die Hildebrand als Direktor im Zwickauer Museum machte – ein Porträt von Max Pechstein. "Sie wurde maßgeblich von der Galerie Fritz Gurlitt bestückt, die sein Sohn Wolfgang übernommen hatte", so Voigt.

Eine andere Spur nach Österreich ist das Salzburger Haus, das Cornelius Gurlitt besitzt. Es wirkt verlassen, der 79-Jährige soll seit Jahren nicht mehr hier gewesen sein. Warum gerade Salzburg? Gab es etwa eine Verbindung zum dubiosesten österreichischen Kunsthändler, Friedrich Welz, der wie Gurlitt sowohl in der NS-Zeit von der Notlage jüdischer Sammler profitierte als auch ein großer Verfechter "entarteter" Kunst war. Ebenso wie Gurlitt war Welz in Salzburg nach dem Krieg Initiator eines Museums für moderne Kunst, dem heutigen Rupertinum. Wolfgang Gurlitt und Welz ritterten damals miteinander, wer Kokoschka in seine Stadt bringen würden, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter von Welz, Franz Eder. Wer gewonnen hat, ist bekannt – Kokoschkas "Schule des Sehens", die heutige Sommerakademie, wurde in Salzburg gegründet. Mit Cornelius, so Eder, habe es aber keine geschäftlichen Verbindungen gegeben, soweit die (lückenhafte) Korrespondenz der Galerie Welz darüber Auskunft geben könnte. Mit Wolfgang gab es Verbindungen, auch mit dessen Tochter, die noch in München lebt.

Es ist interessant, dass trotz der frappant parallelen Geschichte der beiden Cousins Hildebrand und Wolfgang, keine engeren Kontakte bestanden haben. Zumindest offiziell. Auch ihre Erben und Familien scheinen wenig Berührungspunkte zu habe. Zumindest die österreichische Staatsbürgerschaft scheint Wolfgang Gurlitt und den Sohn seines Cousins miteinander zu verbinden – Cornelius reiste mit österreichischem Pass, als die Zollbehörde ihn im Zug aus der Schweiz nach Deutschland das erste Mal kontrollierte.

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