Wilde Kunst - Tasmanien

Wir drehen einfach alles um!

Am anderen Ende der Welt: ein Streifzug mit dem Exzentriker und Multimillionär David Walsh durch sein Privatmuseum auf Tasmanien
Glückspieler und Kunstsammler:Das Privatmuseum des David Walsh

Außenansicht des MONA-Museums im australischen Tasmanien. Das Projekt setzt auf Exzentrik und Populismus und hat damit vollen Erfolg

Das Städtchen Hobart in Tasmanien ist der südlichste Ort Australiens, weiter südlich kommt nur noch die Antarktis. Hier hat 2011 ein Multimillionär, der mit Wettspielen zu Reichtum gelangte, sein eigenes Museum eröffnet.

MONA, the Museum of Old and New Art, bezeichnet David Walsh sein 200 Millionen Australische Dollar teures Projekt. Ein Tempel für die Künste soll es sein, versteckt auf einer privaten Halbinsel in der Bucht von Hobarts, gehüllt in einen Bau von Nonda Katsilidis, der sich tief unter die Erde legt.

Mr. MONA, wie er gern genannt wird, ist mittlerweile ein Star, das Museum in Australien ein voller Erfolg. Sein Rezept: Exzentrik und Populismus. Sein privater Tennisplatz liegt direkt am Haupteingang, das Corporate Design ist in Pink und Schwarz gehalten – mit Rockabilly-Flammen – im Ausstellungssaal steht eine Bar mit großzügiger Whiskyauswahl und die originale Urne seines Vaters integriert in Nekro-Kunst der Neuseeländerin Julia de Ville. MONA ist Hype! Touristen pilgern auf die Privatinsel und lassen sich vor der verspiegelten Pforte des Museumsbaus willkommen heißen. "Sie treten nun in Alices Wunderland ein", sagt David Walsh dazu im Gespräch.

Als "Monanism" bezeichnet der Sammler sein museologisches und kuratorisches Experiment. "Es ist eine permanente Sammlung und eine sich stets verändernde Ausstellung", sagt er. "Monanism" bedeutet auch, dass man sich auf einem Sofa von Bjarne Melgaard niederlassen und dabei eine hellenistische Münzsammlung betrachten kann. Oder man passiert Erwin Wurms aufgequollenen, knallroten Porsche 911 und blickt direkt in das Konterfei des Heryshefhemat, das auf einem altägyptischen Sarg aus dem 7. Jahrhundert vor Christus abgebildet ist. In freier Manier greift Walsh, der stets als Co-Kurator seine Ausstellungen gestaltet, aus seinem enormen Fundus an antiken Münzen, altägyptischer Grabes- und afrikanischer Stammeskunst sowie zeitgenössischer Kunst, Arbeiten heraus und stellt sie in Beziehung zueinander.

Zeugnis für die Macht der Sexualität

Ein Ausstellungssaal ist rundum mit einem roten Vorhang verhängt, der an die beklemmende Stimmung eines David-Lynch-Soundtracks erinnert. Der Besucher streift durch dunkle Gemächer, vorbei an mumifizierten Katzen und einer Projektion von Pippiloti Rists erotischer Videoarbeit "Blutclip", auf Chris Ofilis Skandaltableau "Holy Virgin Mary" am Kopfe des Raums zu. Die schwarze Maria des Turner-Prize-Künstlers ist umgeben von Abbildungen weiblicher Genitalien und Elefantenkot. Als "Zeugnis für die Macht der Sexualität", stehe MONA, so verkündete es Walsh vor zwei Jahren, als er das Museum eröffnete. Heute will er davon nichts mehr wissen. Vielmehr wolle er nun wissen, "warum der Mensch imaginiert und erschafft".

Seine anthropologische Suche verfolgt Walsh mittlerweile mehr in der abstrakten Kunst als in den figurativen Arbeiten des "Lynch-Saals", "die so einen Skandalcharakter haben, weil sie konkret sind und die Vorstellung vorweg nehmen". Im Hauptsaal, den er durch Fensterluken von seinen privaten Gemächern aus beobachten kann – im Gespräch kann er sich nicht zurückhalten, auf dieses bekannte Detail hinzuweisen – ließ Walsh eine Arbeit von Australiens Nachkriegsexpressionisten Sidney Nolan installieren. "The Snake" heißt das Werk. 1620 einzelne Bilder, "intuitiv dahergemalt", fügen sich zu einer monumentalen Serpentine zusammen. Das Werk steht einem von Jannis Kounellis gegenüber. In der "absoluten Abwesenheit von Metaphern, ganz konkret" zeigen seine Kohlesäcke das pure menschliche Tätigsein, so Walsh. "Mit Nolan und Kounellis treten Homo Facere und Homo Creatore einander gegenüber". Ein schönes, pures Ensemble, würde nicht eine Arbeit von Gregory Barsamian ins Bild brechen. Das Auftragswerk, ein gigantisches Abbild des menschlichen Hauptes, soll "menschliche Gedankengänge erfahrbar machen": Stroboskoplichter blitzen aus dem hohlen Inneren des Bronzekoloss hervor.

Barsamians mangelnder Tiefgang und teuer produzierte Effekthascherei finden sich bei erstaunlich vielen zeitgenössischen Werken unter den 140 ausgestellten Objekten. Nur einige Klassiker der Gegenwartskunst, darunter Anselm Kiefer, Christian Boltanski oder Paul McCarthy, ragen aus dieser Masse heraus. Aber: "Über gute oder schlechte Kunst wird niemand bei uns belehrt", sagt Walsh.
"MONA ist ein Antimuseum. Es gibt keinen Akademismus wie in anderen Museen, keine Up-to-Down-Hierarchie." Deswegen können Walshs Besucher auf einem ummodulierten iPhone in Facebook-Manier Kunstwerke "liken" und "haten" oder sich Objektbeschreibungen durchlesen, die, mit einem männlichen Genital indiziert, als "Art Wank" (etwa: "Wichs-Kunst") bezeichnet werden. "Aber antiintellektuell sind wir nicht. Denn, was wir hier machen, ist smart. Wir drehen einfach alles um". David Walshs MONA in Tasmanien – like it or hate it!

The Red Queen

Termin: bis 21. April 2014 im MONA auf Tasmanien
http://www.mona.net.au/