Polizeieinsatz - Basel

Polizei räumt auf mit der Kunstidylle

Eine Protestaktion gegen das "Favela-Cafe" der Art Basel auf dem Messeplatz wurde von der Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen geräumt. Ein Kommentar von Gerhard Mack.
Messeplatz mit Tränengas geräumt:Polizei beendet Protestaktion

Polizisten in Kampfmontur räumen den Messeplatz: Screenshot aus dem Video der Schweizer Wochenzeitung "TagesWoche"

Die Bilder waren in kürzester Zeit im Internet: Ein Truppe hochgerüsteter Polizisten in Kampfmontur und mit Schutzschilden stürmte auf den Basler Messeplatz, verschoss Tränengas und Gummigeschosse und räumte ein paar Holzhütten, die im Laufe des Tages errichtet worden waren. Ähnliche Gesten hatte man unter der Woche bei CNN aus Istanbul gesehen. Waren das wirklich Bilder aus Basel? Da feierte doch die Kunstwelt ihr rauschendes Fest. Was war geschehen?

Die Messe hatte Tadashi Kawamata eingeladen, zur Art Basel ein paar seiner bekannten Holzhütten auf den Messeplatz zu bauen. Sie bildeten ein wohlfeiles Gegengewicht zum coolen Neubau von Herzog & de Meuron und boten erst noch die Gelegenheit, ein Café einzurichten, das den Platz belebte und Besuchern der Kunstmesse eine Ruhepause ermöglichte. Dass das ganze offiziell als "Favela-Café" firmierte, wurde je nach Gemütslage von Besuchern als arroganter Zynismus der abgeschotteten globalen Kunstwelt oder als Angebot zur Diskussion über Stadtraumgestaltung, Architektur, Armut und Reichtum bewertet.

Ein paar Kunstaktivisten nahmen die Idee zum Anlass, ihre eigenen Favela-Hütten aufzubauen. Favelas in der realen Welt wachsen schließlich auch. Eine Erweiterung war gewissermaßen ein organischer Akt auch in der Kunst. Das geschah weitgehend unter dem neugierigen Wohlwollen der Art-Aficionados. Da lief etwas, die Spontaneität der jungen Leute war wohl ansteckend. Eine Art Kunsthappening, das auf die bestehende Struktur reagierte und Diskussionen anregen wollte. Die Art Basel willigte in die Aktion ebenso ein wie der realisierende Architekt vor Ort, man einigte sich gemeinsam auf ein Zeitlimit von 17 Uhr.

Im Laufe des Abends veränderte sich der Charakter der Intervention in Richtung Party. Es gab Musik und Gegrilltes. Gegen Abend wuchs die Gruppe von rund 20 Aktivisten auf 100 Teilnehmer an, die Zusammensetzung änderte sich. Es ging nicht mehr um ein kulturelles Projekt. Man tanzte. Es war laut, aber friedlich.

Die Messe Schweiz gab sich konziliant, verlängerte mehrmals das Ultimatum. Um 21 Uhr stellte sie dann einen Strafantrag wegen Hausfriedensbruch und Belästigung. Eine Stunde später rückte die behelmte Polizeitruppe an. Die meisten Feiernden zogen sich schnell zurück, einige wenige warfen Flaschen, Stühle und Farbbeutel. "Die Versuche seitens MCH Messe Basel eine gemeinsame und gütliche Lösung zu finden, konnten nicht umgesetzt werden", begründet die Messe ihre Anzeige. Sie ist für die Sicherheit des Platzes verantwortlich und habe später nicht gewusst, mit wem sie es zu tun hatte.

Das mag rechtlich so sein. Ungeschickt war der Schritt aber allemal. Gefeiert wird in Städten immer mal laut und verbotenerweise. Da hilft es nicht, die Polizei stürmen zu lassen. Und verloren hat dadurch vor allem die Art Basel. Was ein großes Fest der Gegenwartskunst hätte sein können, ist nun mit hässlichen Bildern der Gewalt verknüpft. Die Kunstwelt schreibt sich gerne Toleranz auf ihre Fahnen. Da sollte es auch möglich sein, dass ihre Akteure sie für ein paar Stunden selbst praktizieren. Sonst setzen sie sich dem Verdacht aus, dass nur erlaubt ist, was sie kontrollieren können. Kein Wunder, dass Dorothee Dines, die Pressesprecherin der Art Basel, sagt: "Wir bedauern sehr, was passiert ist." Sie weiß, dass auch eine große Marke schnell beschädigt ist.