Dresden - Martin Roth

Ich weiss, dass ich eine Herausforderung sein kann

Anfang September tritt Martin Roth sein neues Amt als Direktor des Londoner Victoria & Albert Museum an. Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wurde überraschend an die Themse berufen. Dresdner bezeichnen ihn bisweilen humorvoll und kritisch zugleich als "unseren Außenminister". Tatsächlich hat Roth eine Fülle von internationalen Projekten und Kooperationen angeschoben und den Kunststandort Dresden zwischen Dubai und Kopenhagen, zwischen Peking und Addis Abeba weltweit ins Gespräch gebracht.
Wechsel an die Themse:Der Chef der Dresdener Kunstsammlungen zieht Bilanz

Von der Elbe an die Themse: Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, wechselt an das Londoner Victoria & Albert Museum

Sachsen verliert mit Roth einen Vollblutmanager, der Enormes bewegt hat und dem dabei nicht immer Wohlwollen entgegenschlug. Im art-Interview zieht er Bilanz seiner Dresdner Jahre und sinniert über Londoner Perspektiven. Außerdem nimmt er Stellung zu den Vorwürfen, die ihm im Zusammenhang mit der Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking und seinen Reaktionen auf die Verhaftung von Ai Weiwei gemacht wurden.

Vor etwa einem Jahr sagten Sie noch, die Kunstsammlungen Dresden seien eine Lebensaufgabe für Sie. Was ist passiert?

Die Dresdner Museen waren und sind meine Lebensaufgabe: In den 1990ern galt mein ganzes Engagement der Wiederbelebung des Deutschen Hygiene-Museums und seit 2001 der Sicherung und dem Ausbau der Staatlichen Kunstsammlungen. Das heißt: 20 mal 365 Tage, mal 18 Stunden (minus fünf Jahre EXPO). Mehr kann man nicht geben, ich habe wirklich mein (Arbeits-)Leben den Dresdner Museen voller Leidenschaft gewidmet. Im Übrigen ist die Bezahlung eines Generaldirektors in Dresden in Anbetracht der Verpflichtungen so miserabel, dass man nicht nur Passion, sondern auch ein kleines Vermögen mitbringen muss, zumindest letzteres geht langsam zur Neige...
Baumaßnahmen in einem erheblichen Ausmaß inklusive die Sicherung der Bestände, Kooperationen auf einem international bedeutsamen Niveau und Forschungsvorhaben, um die akademische und intellektuelle Zukunft der Dresdner Museen zu sichern – dies waren meine Grundanliegen. Ehe ich beginne, mich auf meinem Lorbeer auszuruhen, soll jemand anderes das Ruder übernehmen. Neue Ideen sind immer förderlich für solch traditionelle Institutionen. Ich hatte ursprünglich vor, mich nach der Eröffnung des Riesensaals und dem Beginn der Renovierung der Sempergalerie zurückzuziehen, nun kam aber das attraktive Angebot aus London.

Gab es eine Bewerbung oder wurden Sie gezielt auf diese Position berufen? Seit wann wissen Sie selbst um Ihren Weggang von Dresden?

Im Januar gab es einen überraschenden Anruf aus London, bei dem ich einige Namen von englischen Kollegen genannt habe, weil ich niemals auf die Idee gekommen wäre, dass man einen Deutschen in Betracht zieht. Es folgten zwei sehr intensiven Gesprächsrunden und schließlich stimmten überraschend schnell der Kulturminister und dann am Mittwoch vor Ostern der Prime Minister meiner Berufung zu.

Wird Sie das Victoria & Albert Museum (V&A) nicht unterfordern, nach Dresden mit dem Museumsverbund aus zwölf Häusern?

Unterfordern? Das V&A baut eine zusätzliche Ausstellungshalle in der Exhibition Road und ein Filialmuseum in Dundee. Es hat einen genial entworfenen "futureplan", den es stringent umzusetzen gilt. 2012 finden die olympischen Spiele in London statt. Es gibt deutlich mehr Mitarbeiter als in Dresden, aber leider ähnliche Sparzwänge. Und mein Vorgänger Mark Jones hat mit seinen Mitarbeitern ein sensationelles Programm entworfen, das ich mit Freuden übernehme und weiter führe. Was meinen Sie mit "unterfordern"? Ich bin froh, wenn ich die XXL-Footprints von Mark Jones einigermaßen ausfülle.


Statt Vollzeitmanager und deutscher Kulturdiplomat zu sein, möchten Sie sich nun wieder mehr "inhaltlichen Aspekten" widmen. Wie wird das aussehen?

Ich sehe mich weder als Kulturmanager noch als Kulturdiplomat, sondern versuche mit möglichst viel Effizienz die Institutionen zu sichern und zu fördern, für die ich verantwortlich bin. In den Staatlichen Kunstsammlungen hatte ich gleichsam die Richtlinienkompetenz. Das bedeutet vor allem, vernünftige wirtschaftliche und wissenschaftliche Voraussetzungen für die Direktorenkollegen zu schaffen, damit diese ihre Museen erfolgreich führen können. Mein Erfolg ist der Erfolg meiner Kollegen. Das ist im V&A nicht anders, aber es ist dennoch ein großes Haus und nicht Management mal zwölf. Zusätzlich habe ich eine gewisse Affinität zum Thema Architektur und Design der Moderne, wie man im Deutschen Hygiene-Museum und bei der EXPO 2000 sehen konnte. Diese und die interdisziplinäre Gestaltung von Zukunftsthemen sind mir relativ nah. Aber in London wird es zuerst um den Ausbau der Exhibition Road und die Kooperation mit den vielen anderen hochkarätigen Nachbarn gehen – von der Serpentine-Gallery bis hin zum Science Museum, von der Royal Albert Hall bis zum ehemaligen South Kensington Museum, ein Kulturquartier, Albertopolis genannt.

Auch wenn Prinz Albert, Mit-Gründer und -Namensgeber ein Deutscher war – was werden Sie als Ausländer an einem der wichtigsten britischen Häuser zu beachten haben?

Offen gestanden: Dies war und bleibt die größte Überraschung, Freude, aber auch Verpflichtung: Als Deutscher für ein britisches Nationalmuseum ausgewählt zu werden, ist ein klares Bekenntnis zur internationalen Ausrichtung der Museumswelt. Ich hoffe ehrlich, dass ich die hohen Erwartungen, die an mich gerichtet werden, erfüllen kann. Mehr kann und will ich im Moment noch nicht dazu sagen.

Haben die Diskussionen um die Pekinger Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" bei den Londoner Verhandlungen eine Rolle gespielt?

Das V&A wird gemeinsam mit dem British Museum die Folgeausstellung im kommenden Jahr im Nationalmuseum in Peking zeigen. Insofern haben meine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit China sicherlich eine Rolle gespielt. Die aktuelle Diskussion ist deshalb in doppelter Hinsicht für mich eine wichtige Erfahrung, das heißt. dass man das Thema ‚cultural diplomacy’ neu definieren muss.

Kritiker finden, Ihre Haltung im Konflikt um die Inhaftierung des Künstlers Ai Weiwei stütze das chinesische System...

Die Diskussion um unser Aufklärungs-Projekt wurde in der Tat immer härter. Längst geht es nicht mehr wirklich um China, sondern um die Interpretationsmacht innerhalb der deutschen Kultur- und Außenpolitik. Eigentlich dachte ich immer, dass ich seit der EXPO mehr oder minder alles über die Medien weiß und man mir nichts mehr vormachen kann, aber anscheinend habe ich mich getäuscht. Hanno Rauterberg hat mich in der "ZEIT" eines Besseren belehrt, indem er mich so verzerrt dargestellt hat, dass man meinen könnte, ich würde die Verhaftung Ai Weiweis relativieren oder diese sogar akzeptieren. Niklas Maak hat wider besseren Wissens hemmungslos polemisch gegen mich argumentiert. Keiner hat den Mut, offen darüber zu reden, dass man die Diskussion teilweise erfunden und dann hochgespielt hat. Da bleiben menschliche Enttäuschungen. Außerdem hätte ich von der "ZEIT" mehr Seriosität erwartet.
Ich hatte darauf aufmerksam gemacht, dass Ai Wei Wei durch seine künstlerischen Leistungen und seine politischen Provokationen in der westlichen Welt sehr populär ist und dass dieses ihn zwar nicht schützt, aber die Öffentlichkeit seinen Fall verfolgen wird. Die aktuellen Debatten und Entwicklungen haben gezeigt, dass meine Einschätzung richtig war. Was geschieht aber mit denjenigen Menschen, die in den letzten Monaten verschleppt wurden, sind es Hunderte? Über diese Fälle hört man nichts. Von diesen Äußerungen ausgehend, hat mir Herr Rauterberg eine zynische Formulierung unterschoben, sinngemäß: Es kommt nicht auf Ai Weiwei an, es gibt Hunderte wie ihn. Dieser Satz diente dann als Vorlage für jeden unsachlichen Angriff. Unter anderem griff mich Herr Neumann öffentlich dafür an, dass ich die Verhaftung aus opportunistischen Gründen mehr oder minder gut heißen würde. Ich frage mich, was hat Rauterberg davon, mein vernünftiges Argument zu verzerren und ins Gegenteil zu verkehren? Es fällt mir noch immer schwer, nüchtern und sachlich darauf zu reagieren. Sie erinnern sich gewiss daran, wie er mir vor etwa zwei Jahren im Zusammenhang mit unserem großen Provenienzforschungsprojekt ungeheuerlicherweise "Antisemitismus" vorwarf. Ihm gelingt es, gezielt zu verletzen und diese Verletzung so subtil durchzuführen, dass man sich kaum wehren kann. Was ist dies für ein Journalismus?
Das Absurde ist in meinem Fall die Frage, weshalb ich die Verhaftung eines Künstlers akzeptieren sollte. Das ist politisch, menschlich, künstlerisch vollkommen unsinnig, vor allem, wenn man die Themen und Inhalte unserer Projekte der letzten Jahrzehnte betrachtet. Dennoch hat in der Folge einer vom anderen gerade zu gierig abgeschrieben, ohne mit mir zu reden oder nach meiner Meinung und Haltung zu fragen.


Verlassen Sie Deutschland nach diesen Debatten nun im Groll? Was werden Sie an Dresden vermissen, und was werden Sie an der Themse am meisten genießen?

In Dresden das nicht vorhandene Nachtleben und in London das Nachtleben. Nein, im Ernst: Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich sowohl in Dresden als auch in London in privilegierten Positionen bin und werde dies mit der gebotenen Demut auch genießen. – Groll? Aber nein, ich weiß durchaus, dass ich eine Herausforderung sein kann.

Was legen Sie Ihrem Nachfolger an Herz?

Die große Wertschätzung, die die Dresdner Museen in Gesellschaft und Politik – einige Zeiten ausgenommen – genossen haben, sollte man als Verpflichtung begreifen. Man muss sich in Dresden in eine lange Reihe von Vorgängern einfügen können, sich Entscheidungen unterordnen und dennoch mit aller Kraft und Eigensinn für das Wohl der Institution kämpfen. Das ist bisweilen eine sehr janusköpfige Identität, die man als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen übernehmen und leben muss. Und nie vergessen: Dresden hat nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft, und diese will gestaltet sein.