Kunst- und Museumsbibliothek - Köln

Unglaubliche Banausenidee

In Köln regt sich der Protest – die Kölner Kunst- und Museumsbibliothek, die für Kunsthandel, Museen und Forschung unverzichtbar sei, droht Sparplänen zum Opfer zu fallen. Am 18. Juli wird der Rat der Stadt über eine mögliche Ausgliederung der Institution beraten.
Kulturelle Ausblutung:Kunst- und Museumsbibliothek droht das Aus

Protest: Bürger machen sich in Köln für den Erhalt der Kunst- und Museumsbibliothek stark

Eigentlich wollte sich Kasper König, langjähriger Direktor des Museums Ludwig, nach seiner Pensionierung aus der Kölner Politik heraushalten. Aber nun ergreift er doch wieder das Wort: "Eine unglaubliche Banausenidee" seien die neuesten Sparpläne der Stadt, man bringe leichtfertig das intellektuelle Zentrum der Kölner Museen in Gefahr.

Ähnlich sieht es sein Nachfolger Philipp Kaiser: "Das ist katastrophal, eine intellektuelle Bankrotterklärung der Stadt."
Im Zorn vereint hat die beiden Männer ein Vorschlag des Kölner Rats, der die auf moderne Kunst spezialisierte Kunst- und Museumsbibliothek (KMB) in ihrer Existenz bedroht. Eigentlich sollte die KMB, die mit rund 420 000 Bänden auf ihrem Gebiet zu den weltweit führenden Bibliotheken gehört, aus ihrem oft beklagten Provisorium erlöst werden und 2017 mit in den Neubau des eingestürzten Kölner Stadtarchivs einziehen. Doch vier Jahre nach dem feierlichen Ratsbeschluss ist den Mehrheitsfraktionen von SPD und Grünen das auf 98 Millionen Euro geschätzte Bauvorhaben zu teuer geworden. Die Stadtverwaltung soll nun prüfen, wie man das Stadtarchiv auch ohne die Räume der KMB errichten kann – dadurch sollen sich die Kosten angeblich auf 68 Millionen Euro senken lassen.

In den Plänen von SPD und Grünen spielt die Zukunft der KMB offenkundig nur eine untergeordnete Rolle; selbst ihre Auflösung ist nicht mehr ausgeschlossen. Der Vorschlag, die riesigen Bestände der Bibliothek, die auch das Rheinische Bildarchiv mit 850 000 Fotografien beherbergt, auf das Museum Ludwig, das Wallraf-Richartz-Museum und das Museum für Angewandte Kunst zu verteilen, hat bei den betroffenen Direktoren ungläubiges Staunen ausgelöst. In einem Schreiben wiesen sie Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters darauf hin, dass sie weder den Platz noch das Personal hätten, um diese Idee umzusetzen. Eine zweite Variante sieht vor, die KMB mit der kunsthistorischen Bibliothek der Universität Köln zusammenzulegen. Doch die Hochschulleitung hat nur einem Mietkostenzuschuss in einem "niedrigen sechsstelligen Bereich" zugestimmt, wie Uni-Sprecher Dr. Patrick Honecker erklärte; dem Vernehmen nach handelt es sich um eine Summe unter 150 000 Euro.
Ferner bietet die Universität an, drei Personalstellen der KMB zu übernehmen und die Drittmittelakquise administrativ zu unterstützen. Eine tragfähige Lösung scheint dies nicht zu sein.

Unter den Kulturschaffenden der Stadt Köln bleibt der Eindruck zurück, die Ratsmehrheit nehme die KMB lediglich als lästigen Kostenfaktor wahr und begreife nicht den Wert der 1957 gegründeten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit Jahrzehnten unterstützten Einrichtung. Dabei ist die KMB längst zum Gedächtnis der Kunst- und Kunsthandelsstadt Köln geworden. Unter den Beständen befinden sich rund 5000 Künstlerbücher, die Sammlerin Irene Ludwig vermachte der KMB ihre wertvolle Arbeitsbibliothek, und auch Kasper König stiftete ihr zahlreiche Bände. Für Verlage und Kunsthandel ist die KMB ebenfalls eine wichtige Quelle. Und für die Museen, so Marcus Dekiert, Direktor des Wallraf-Richartz-Museums, "ist die KMB geradezu überlebenswichtig".

Auch überregional regt sich Widerspruch. Moritz Wullen, Direktor der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, erinnert daran, dass es in Deutschland gutes föderales Prinzip sei, die Neuanschaffungen von Fachliteratur auf die Bibliotheken zu verteilen. So konzentriert sich die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg auf Kulturgeschichte, Volkskunst und Landesgeschichte, während der Sammelschwerpunkt der Bibliothek des Münchner Zentralinstituts für Kunstgeschichte auf Kunsttheorie, Ikonografie sowie der Kunst in Frankreich und den ost- und südosteuropäischen Ländern liegt. Eine Abwicklung der Kölner KMB würde im Bereich der modernen Kunst, aber auch in den Fachbereichen Kunst der Beneluxländer sowie Fotografie und Film ein großes Loch in das Bibliotheksnetz reißen: Nach Angaben der Deutschen Forschergemeinschaft sind in den von ihr in Köln geförderten Spezialgebieten zahlreiche Unikate, also innerhalb Deutschlands ausschließlich in der KMB vorhanden. "Ich kann mir dieses Katastrophenszenario gar nicht vorstellen", so Wullen, "hier droht ein kulturelles Erbe verschleudert zu werden."

Im krassen Widerspruch zur Bedeutung der Bibliothek stehen die alltäglichen Schwierigkeiten des Hauses. Die KMB verteilt sich zur Zeit auf fünf Standorte, die Mehrzahl der Bestände ist nicht direkt verfügbar, sondern muss angefordert und in die im Museum Ludwig und im Museum für Angewandte Kunst befindlichen Lesesäle geliefert werden. Immer wieder sind der KMB daher Versprechungen gemacht worden, diese Verhältnisse zu verbessern. Zuletzt hatte Oberbürgermeister Roters bei der Trauerfeier zu Ehren der verstorbenen Kunstmäzenin Irene Ludwig den Erhalt der Bibliothek zugesagt. Nicht nur deswegen wäre es eine Blamage, wenn ausgerechnet der Neubau des eingestürzten Kölner Stadtarchivs das Ende der KMB besiegeln sollte. Nachdem das Gedächtnis der Stadt in Schutt und Asche niederging, könnte nun das Gedächtnis der Museen ausgelöscht werden.

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