Charlotte Salomon - Oper

Ein tragisch kurzes Künstlerleben

Die bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Oper "Leben? oder Theater?" skizziert die Biografie der in Auschwitz ermordeten Charlotte Salomon (1917 bis 1943).
Wie vertont man ein Künstlerleben?:Oper über die Malerin Charlotte Salomon

Charlotte Salomon: "Selbstporträt", 1940, Gouache

In einem wahren Schaffensrausch hat die junge Berliner Malerin im Exil in Südfrankreich ein Konvolut an expressionistischen Gouachen, Texten und eingewobenen Musikverweisen hervorgebracht.

art spracht mit dere in Frankreich lebenden Schriftstellerin und Malerin Barbara Honigmann. Sie hat hat das Libretto für die vom Feuilleton gefeierte Oper geschrieben.

Regisseur Luc Bondy holte Sie als Librettistin. Wusste er, dass Sie eine Kennerin des Werks von Charlotte Salomon sind?

Barbara Honigmann: Nein. Er hatte den richtigen Instinkt. Er wusste, dass ich male. Für die Cover meiner Bücher verwendet der Verlag regelmäßig Gemälde von mir als Vorlage. Luc Bondy kannte meine Bücher, er wusste: Die Honigmann stammt wie die Salomon aus Berlin und ist jüdisch. Außerhalb jüdischer Kreise ist Charlotte Salomon bislang kaum bekannt. Und Bondy hatte recht – ich hatte alle Kataloge von ihr zu Hause und musste nicht erst in irgendwelche Bibliotheken laufen. Es ist schon etwas anderes, wenn man die Gemälde schon im Original gesehen hat und nicht nur im Internet.

Wie kamen Sie an die Originale?

Ich kenne die Bilder vom ersten Tag an, da sie publiziert wurden. Den ersten Band hielt ich 1981 in Händen. Vor mehr als 20 Jahren war ich zu einer Lesung in Amsterdam und habe den damaligen Kurator des Jüdischen Museums, Dr. Edward van Voolen, kennengelernt. Er hat mir Einblick in eine Kiste mit weiteren Arbeiten ermöglicht. Es war für mich sehr berührend und bewegend diese Blätter in Händen zu halten. Der Kurator wollte mehr wissen über mein Salomon-Projekt. Ich musste passen, damals hatte ich nichts derartiges im Sinn. Umso schöner, dass es 20 Jahre später doch zu so einem großen Gemeinschaftsprojekt gekommen ist.

Sie schreiben und malen. Was unterscheidet das Malen vom Schreiben?

Beim Malen sehe ich ein Bild, vielleicht entpuppt sich das Gemälde am Ende als etwas Literarisches, aber meine erste Intention ist immer das Bild.

Bei Charlotte Salomon lassen sich Sprache und Bild kaum voneinander trennen. Wie würden Sie ihre Arbeit beschreiben?

Charlotte Salomon sprengt alle Register. Was sie geschaffen hat, ist eine große Erzählung auf mehreren Ebenen: Es ist ein opulenter Familienroman, aber eben auch ein großes, bildnerisches Werk. In "Leben? Oder Theater?" illustrieren die Bilder nicht den Text, und der Text erläutert nicht die Bilder. Beide Kunstformen existieren bewusst nebeneinander. Ihre Arbeiten sind alles, nur nicht illustrativ.

Und wohl auch nicht den damaligen Trends in der Malerei angepasst ...

Charlotte Salomon war eine sehr junge Malerin. Ihr bedeutendstes Werk hat sie im Alter von 24 geschaffen. 26 war sie, als sie deportiert wurde. Sie hatte an der Berliner Kunstakademie Malerei studiert, Expressionismus, neue Sachlichkeit – das hatte sie alles gesehen, gekannt und sicher auch verinnerlicht. Auch wenn sie noch sehr jung war, war sie keine naive Malerin. Mancher ihrer Blätter sieht man den akademischen Bezug an; anderen dem Sturm und Drang ihrer inneren Stimme malerischen Ausdruck zu geben, diesem Drängen – so wie nur Genies es können – eine Form zu finden, die es bis dahin nicht gegeben hat.

Wie lässt sich dieser innere Drang denn in den Bildern konkret wiederfinden?

Ihre Arbeit ist sehr bewegt. Man merkt, dass sie weiterkommen will. Sie muss in diesem komplexen Werk zahllose Erzählstränge gleichzeitig im Kopf gehabt haben – das ist vergleichbar mit großer Literatur. Vielleicht spürte sie, dass sie wenig Zeit für ihre Arbeit haben würde. Sicher ist, dass sie unter einem großen seelischen und politischen Druck stand. Ihre Arbeiten sind manchmal roh, nicht besonders ausgearbeitet – sie wirken wie hingeworfen.

Das Projekt von Ihnen, dem französischen Komponisten Marc-André Dalbavie und Regisseur Luc Bondy strandet nicht schlicht in Betroffenheit. Wie sind Sie dieser Falle entgangen?

Die Texte von Charlotte Salomon sind sehr ironisch, haben sehr viel Witz. Man muss schon sehr unsensibel vorgehen um, das nicht zu nutzen. Wir sind also nah am Original-Text geblieben.
Die einzige Erfindung für die Oper war die Einführung einer Doppelfigur: die Rolle der Charlotte Salomon, die inszeniert und erfindet und ins Werk setzt, und die der Charlotte Kann, ihrer Hauptfigur. Charlotte Salomon selbst hat ja "Leben oder Theater" als "Singespiel" mit verschiedenen Rollen entworfen.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de