Lars Kræmmer - Kopenhagen

Kunst statt Körper

Ehemalige Prostituierte verkaufen in Kopenhagen jetzt Kunst statt ihrer Körper. Der dänische Künstler Lars Kræmmer hat ihnen einen Malkurs angeboten und mit ihren Arbeiten eine Ausstellung organisiert. Gezeigt werden naive und berührende Werke, die von Selbstporträts bis zu Christusdarstellungen reichen.
Kunst als Katharsis:Ehemalige Prostituierte stellen ihre Arbeit aus

"Die Malerei soll eine Art Vodoo für die Malerinnen sein", sagt der Künstler Lars Kræmmer

Die Malmøgade im gutbürgerlichen Kopenhagener Stadtteil Østerbro gehört zu den feinsten Innenstadtadressen der dänischen Hauptstadt. Gut und gerne 2000 Euro dürfte die Wohnung, in die der Künstler Lars Kræmmer geladen hat, an Monatsmiete kosten – kalt. Die Malerinnen, die heute Abend hier ausstellen, sind in ganz anderen Sphären angesiedelt. Es sind vier ehemalige Sexsklavinnen, wie Kræmmer es nennt. Frauen aus dem Ausland, die zur Prostitution gezwungen wurden.

Früher standen sie an der Istedgade, hinterm Hauptbahnhof, und boten sich an. 500 Kronen (67 Euro) für die Frau, 100 für das Zimmer ist in Kopenhagen der Standardpreis für schnellen Sex von der Straße. Heute Abend heißt das Mindestgebot 200 Kronen. Bei der Summe beginnt die Versteigerung der Bilder, die in der Malmøgade hängen.

Zusammen mit der Hilfsorganisation "safe and alive", die den Frauen geholfen hat, die Straße zu verlassen, hat Kræmmer ihnen einen Malkurs angeboten. Nun versteigert er deren Werke an, denn "die Frauen sollen mal etwas anderes verkaufen können als ihren Körper". An den Wänden der Wohnung hängt sehr farbenreiche, naiv anmutende Malerei. Vielleicht in etwa das technische Niveau, das viele erreichen würden, die nie eine Kunstschule besucht haben und kein Naturtalent sind. "Die Malerei soll eine Art Vodoo für die Malerinnen sein, etwas, das für Änderung sorgen kann. Alleine mal etwas zu tun, das nichts mit Prostitution zu tun hat und nicht einmal darüber zu sprechen, hilft", so Kræmmer. Die Motive reichen von Selbstporträts über Dorfansichten mit Schule und Flugzeug bis zu Elefanten und Christus-Darstellungen. Kræmmer hatte den Frauen, die allesamt aus Nigeria stammen, drei Aufgaben gestellt: Schaut in den Spiegel und malt, was ihr seht. Malt eure Vergangenheit. Malt die Zukunft, die ihr euch wünscht. "Die Frauen hatten ein sehr gutes Farbgefühl, aber keine Ahnung von Komposition und Perspektive", urteilt Kræmmer. Das Interesse an den Arbeiten ist groß, keine halbe Stunde nachdem die Vernissage begonnen hat, ist die Wohnung gut gefüllt. "Diese Ausstellung berührt einen", sagt Katrine Andersen, "es sind interessante Bilder", fügt ihre Schwester Cecilie hinzu.

Kræmmer ist in Dänemark bekannt dafür, ungewöhnliche Aktionen mit Kunst zu machen. "Ich möchte nicht nur Kunst um ihrer selbst willen machen. Bei den Frauen bewege ich etwas, weil sie anderes machen und nachdenken. Das Publikum kennt die Geschichte der Werke und wird entsprechend nachdenklich", sagt er. Anders als bei Eröffnungen sonst üblich, sind die vier Malerinnen nicht anwesend. Sie sind als Opfer von Menschenhandel illegal nach Dänemark gereist und halten sich außerhalb von Kopenhagen auf. Zwei von ihnen müssen das Land demnächst verlassen, die anderen beiden haben eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen.

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