Florian Waldvogel - Hamburg

Bei uns wird politische Mündigkeit diskutiert

Florian Waldvogel ist seit einem halben Jahr Direktor des Hamburger Kunstvereins. Mit art sprach er über seine Zukunftsvisionen, Kritik an der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine – und erklärt warum er seine Mitglieder bekocht.
"Politische Mündigkeit":Der Direktor des Hamburger Kunstvereins im Interview

"Innovation und Tradition existiert in dieser Form nur bei Kunstvereinen": Florian Waldvogel, 40, ist seit Januar Direktor des Hamburger Kunstvereins

Herr Waldvogel, sind Kunstvereine heute überflüssig?

Florian Waldvogel: Nein, überhaupt nicht. Aber wenn ich Kunstvereinsleiter in Frankfurt wäre, dann würde mir das schon Sorgen bereiten. Denn dort zeigen das Städel-Museum, die Schirn, der Portikus und das MMK junge, zeitgenössische Positionen. Auch Kunstmessen bieten mehr Workshops und Symposien an als alle Museen zusammen. Die klassische Aufgabenteilung zwischen den Institutionen gibt es nicht mehr.

Wie sieht Ihre Antwort auf diese Problematik aus?

Wir entwickeln neue Ausstellungsformate. Ein Kunstverein ist nicht nur ein Haus für Kunstgegenstände, sondern hier wird politische Mündigkeit diskutiert. Es geht darum, Positionen zu zeigen, die eine zeitgenössische Notwendigkeit besitzen. Es geht uns dabei weniger um einzelne Künstler, sondern stärker um verschiedene Vermittlungsformen – ohne Arroganz oder Belehrung von oben herab im Sinne von: Ich Kunstverein, du dumm! Ich habe einen klaren Bildungsauftrag, bin Vertreter eines bürgerlichen Clubs und muss mit dem 86-jährigen Maler ebenso wie mir dem jungen Nachwuchskünstler der Hochschule diskutieren können. Das alles funktioniert in einem persönlichen Rahmen mit direkter Ansprache besser. Deshalb können zu uns auch einmal in der Woche die Mitglieder zum gemeinsamen Mittagstisch zum Essen kommen, deshalb dürfen mich Mitglieder auf Dienstreisen begleiten, und ich bekoche sie regelmäßig bei mir zu Hause. Ich suche das offene Gespräch und will eine Atmosphäre schaffen, in der jeder alles sagen kann und will.

Diese neuen Mitgliederformate wie "Der Chef kocht" oder "Durch die Nacht mit" klingen stark nach einem Marketing-Gag.

Nein, mit diesen Formaten ist es uns Ernst. Und Essen erfüllt viele soziale Zwecke. Speisezubereitung ist außerdem die allererste Kulturform überhaupt. Und die Aktion "Der Chef kocht" wird so begeistert angenommen, dass uns ein Mitglied selbst gemachten Ziegenkäse aus Südfrankreich geschickt hat! Bei "Durch die Nacht mit" nehme ich fünf interessierte Mitglieder auf eine Dienstreise mit. Wir treffen andere Kuratoren oder Galeristen, besuchen Künstler im Atelier, schauen uns Ausstellungen an und gehen am Abend gemeinsam gut Essen. So bekommen sie einen Einblick in die Arbeit und das Umfeld eines Kurators.

Ihre ersten sechs Monate als neuer Direktor des Hamburger Kunstvereins sind um. Ein erstes Fazit?

Wir können uns nicht beklagen. Wir haben mehr Besucher als im Jahr zuvor, unsere erste Eröffnung im März mit 1800 Gästen war die bestbesuchte der letzten 20 Jahre, wir haben neue Kooperationspartner wie Herr von Eden gewonnen und verzeichnen zahlreiche Neueintritte. Man begegnet uns und dem Programm sehr offen und interessiert.

Sie haben früher als Kurator beim Witte de With gearbeitet, was ist das Besondere an einer Institution wie dem Kunstverein?

Innovation und Tradition existiert in dieser Form nur bei Kunstvereinen. Deshalb kommunizieren wir das Jahr unserer Gründung 1817 auch immer mit. Der Kunstverein existierte nämlich bereits 30 Jahre vor der Hamburger Kunsthalle. Wassily Kandinsky, Pablo Picasso, Caspar David Friedrich, Francis Bacon um nur einige zu nennen wurden alle zuerst bei uns gezeigt. Ich meine damit: Es ist kurzsichtig gedacht, nicht mehr in zeitgenössische, junge Kunst zu investieren. In Kunstvereinen werden die Positionen gezeigt, die in einigen Jahren von den Museen gekauft werden. Wenn es kein Geld mehr für zeitgenössische Kunst gibt, dann fehlt auch den Kunsthallen und Museen in Zukunft die Neuerwerbung. Es ist ein Denkfehler zu glauben, dass man kein Geld mehr für zeitgenössische Kunst ausgeben muss, sondern nur noch für die gesicherten Positionen.

Was planen Sie demnächst?

Nächstes Jahr wird es vier große Gruppenausstellungen geben: Zunächst geht es um politische Bildergeschichten – von Albrecht Dürer bis Art Spiegelman. Es folgt eine Ausstellung zum Thema Hamburg – aber ganz anders, als man sich das vielleicht vorstellt. Und dann gibt es auch noch zwei thematische Ausstellung zu den Themen "Gehen und Denken" und "Freedom of Speech". Themen, die eine zeitgenössische Notwendigkeit haben. Außerdem versuchen wir mit "Satelliten" in andere Stadtteile zu gehen und dort vor Ort auf bestimmte Entwicklungen zu reagieren, um näher am Geschehen zu sein und schneller reagieren zu können.

Warum wollen Sie aus der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) aussteigen?

Ich habe nicht gesagt, dass wir aus der ADKV austreten werden. Ich sehe nur aktuell nicht deren Funktion und glaube, dass sich die Arbeitsgemeinschaft dem Wandel anpassen muss. Sinnvoller wäre ein ADAC für Kunstvereine, der uns bei Urheberrechtsstreitigkeiten, Einbruch oder Brandschäden hilft. Ein Zusammenschluss mit ein paar Kollegen, wie dem Neuen Berliner Kunstverein, dem Kunstverein St. Pauli oder dem Kunstverein Harburger Bahnhof, bringt mir mehr. Wir können eine gemeinsame Publikation mit Jahresgaben erstellen, gemeinsame Anträge bei der EU einreichen oder koordinierte Pressearbeit betreiben. Es geht dabei um einen besseren Mitgliederservice, um größere Chancen in der Wahrnehmung beim Publikum oder den Medien.

Zur Situation in Hamburg: Mit Dirk Luckow ist nun ein geschickter Fundraiser der neue Direktor der Hamburger Deichtorhallen geworden. Der richtige Weg für Hamburg?

Dirk Luckow ist ein versierter und geschätzter Kollege, aber dennoch glaube ich, man hätte sich im Vorfeld überlegen können, was man mit den Deichtorhallen im Kontext der Stadt und der anderen Institutionen entwickeln möchte, unabhängig von Stiftungs- oder Gründungsurkunden. Man hätte doch auch ein "Fotografiezentrum" dort etablieren können. Es gibt sowieso schon die Fotosammlung F. C. Gundlach und einige andere Bildarchive. Man hätte sich doch auch noch um weitere Fotosammlungen bemühen können und diese um aktuelle Fotografiepositionen ergänzen können. Die großen Fotografen wie Andreas Gursky oder Thomas Ruff verfügen heute über Ausstellungskopien ihrer großen Arbeiten – was die Ausstellungskosten gering halten würde. Das könnte ergänzt werden um junge Positionen wie Tobias Zielony oder Annette Kelm. Fotografie erfreut sich nicht erst seit Digitalkameras und Internetseiten wie MySpace großer Beliebtheit bei Jungendlichen, sondern erreicht doch die verschiedensten Bevölkerungsgruppen. Ein solches Fotozentrum gibt es nicht einmal in Berlin und hätte in Verbindung mit dem Medienstandort Hamburg sicherlich noch einmal ganz andere Konstellationen und Synergien ergeben.

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