Chris Dercon - Museumspolitik

Wir brauchen völlig neue Verhältnisse

Chris Dercon, Direktor des Hauses der Kunst in München, startet eine Debatte zur Museumspolitik – und kritisiert scharf das Projekt der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig: Ein Haus komplett für private Sammler, Unternehmen und Galerien zur Verfügung zu stellen sei "Wahnsinn".
"Wir brauchen neue Verhältnisse":Dercon startet eine Debatte zur Museumspolitik

"Ich habe da ganz viel Mut", sagte Chris Dercon bei der Helmholtz-Vorlesungen

Trotz oder gerade wegen der steigenden Zahl privater Museen brauchen öffentliche Institutionen mehr finanzielle Unterstützung durch den Staat. Das hat Chris Dercon, Direktor des Hauses der Kunst in München, in einem Vortrag an der Humboldt-Universität gefordert. Aus Kostengründen bevorzuge die Politik zunehmend Public-Private Parnerships. "Immer mehr Politiker sagen uns: Das reicht doch jetzt, das ist doch wunderbar mit diesen Privatsammlern, dann müssen wir das nicht mehr bezahlen", sagte Dercon. Der private Sektor habe aber gänzlich andere Prioritäten als öffentliche Institutionen: Er produziere Kulturindustrie, die nicht auf Nachhaltigkeit angelegt sei.

Die öffentlichen Museen sollten sich wieder auf ihren Bildungsauftrag besinnen und eine nachhaltige Gedächtnis- und Vermittlungskultur pflegen "Wir können uns im Gegensatz zu den vielen öffentlichen Privatsammlern keinen Verzicht auf Gedächtnisproduktion leisten", sagte Dercon. "Wir müssen erkennen, dass Museen keine Showrooms sind." Die öffentlichen Häuser sollten betonen, was sie zu bieten hätten: "Wir können fantastische Sammlungen anbieten, aber auch neue Ausstellungskonzepte, und die muss man entwickeln. Ich habe da ganz viel Mut."

Am Rande des Vortrags kritisierte Dercon scharf das Projekt der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (GfzK), die unter dem Motto "Carte Blanche" in diesem und im kommenden Jahr ihr Haus für private Sammler, Unternehmen und Galerien zur Verfügung stellt: Das sei "Wahnsinn", "Opportunismus" und "naiv". Bei dem "Carte Blanche"-Projekt dürfen unter anderem Arend Oetker, die Galerien Eigen + Art und Dogenhaus und zur Zeit die "Leipziger Volkszeitung" ihre privaten Kunstschätze zeigen; die Galerie für Zeitgenössische Kunst stellt die Räume, die Ausstellungskosten zahlen die eingeladenen Gäste, und die wählen auch den Kurator oder die Kuratorin aus und bestimmten das Ausstellungskonzept.

Die Leiterin der GfzK Barbara Steiner hatte das Projekt als "Experiment" verteidigt, das mehr Transparenz über die Machtverhältnisse im Kunstbetrieb bringen soll. Nicht der Einfluss von privaten Sammlern auf öffentliche Institutionen sei heute noch das vorrangige Problem, sondern vielmehr die Tatsache, dass sich die Sammler erst gar nicht mehr an diese Institutionen wenden und lieber ihr eigenes Museum eröffnen, hatte Steiner in einem Debattenbeitrag für die britische Kunstzeitschrift "The Art Newspaper" geschrieben.

Für Dercon ist das Carte-Blanche-Projekt jedoch eine falsche Strategie. Er fordert, im Verhältnis zu den Sammlern "völlig neue Verhältnisse" herzustellen, die auf gegenseitigem Respekt basierten. "Wir dürfen nicht mehr sagen, wir sind dankbar, dass wir vielleicht ihre Arbeiten 20 Jahre behalten können. Wenn wir mir privaten Leihgebern arbeiten, müssen wir bessere Verträge machen." Wenn Sammler Arbeiten nur temporär zur Verfügung stellten, sollten sie auch Lagerung, Konservierung und Restaurierung bezahlen."

Außerdem müssten die Museen eine Lösung für die exponentiell wachsende Menge an Kunstwerken finden, die zur Zeit angehäuft werden. "Wir müssen gut entscheiden, was für Sammlungen wir behalten wollen." Im Umgang mit jungen Künstlern gestand Dercon bei den öffentlichen Häusern Defizite ein. "Wir sehen dass ganz viele gute junge Künstler uns sagen: Wir brauchen Sie nicht mehr, es ist viel besser, mit Privatsammlern zu arbeiten, die haben Geld, stellen keine Fragen und sind flexibel". Da müssten die Museen neue Konzepte entwickeln, dass diese Künstler wieder dort ausstellen und produzieren wollen.