Detroit nach der Pleite - Finanzkrise

Kunst aus der Asche

Wie geht es weiter nach der Pleite von Detroit? art-Korrespondentin Claudia Bodin berichtet, wie die Kunst Hoffnung macht, obwohl sie verbrannt wird und vom Verkauf bedroht ist.
Brandanschläge auf die Kunst:Ein Hoffnungsträger wird angegriffen

Das Heidelberg-Projekt mit den Häusern von Tyree Guyton wurde seit vergangenem Jahr Opfer von mehreren Brandstiftungen. Fünf der sieben Kunsthäuser wurden zerstört

140 Seiten umfasst die Erläuterung des Richters, der die frühere Boomtown Detroit offiziell für bankrott erklärte.

Damit ist amtlich, was für die Bewohner von Motor City längst zum Alltag gehört. Doch die Stadt kann mit der offiziellen Bescheinigung endlich das Insolvenzverfahren eröffnen. Um Schulden zu begleichen und, so lautet jedenfalls das Argument des Konkursverwalters, um die Pensionen früherer Angestellter der Stadtverwaltung zahlen zu können, sollen Werke aus der Sammlung der kulturellen Hochburg, dem Detroit Institute of Arts (DIA), verkauft werden. Was zu einem Aufschrei der Empörung bei Detroits Bevölkerung führte.

Das 1885 gegründete DIA ist eines der bedeutendsten Kunstmuseen der USA und hat eine beeindruckende Sammlung, deren Schwerpunkt auf der Kunst- und Kulturgeschichte Amerikas liegt. Diego Riveras Industriearbeiter-Fresken ("Detroit Industry") im DIA, die Henry Fords Sohn Edsel 1932 in Auftrag gab, gelten als Detroits Mona Lisa. Dank der medienwirksamen Krise zählt das DIA heute mehr Besucher als je zuvor. Verscherbelt werden sollen 2800 der insgesamt 66 000 Werke aus der Sammlung, darunter Gemälde von Henri Matisse, Claude Monet und Vincent van Gogh. Der Verkauf wird 454 bis zu 867 Millionen Dollar einbringen, schätzt Christie's.

Eine Versteigerung der Sammlungshighlights, darunter Bruegels berühmter "Hochzeitstanz", würde das Ende des Museums bedeuteten, befürchten viele zu Recht. Denn der Ausverkauf hätte zur Folge, dass sich die Förderer des DIA künftig mit Spenden und Schenkungen zurückhalten. Das Museum steht neben dem jungen Museum of Contemporary Art Detroit für die Hoffnung auf einen Neuanfang in der geschundenen Stadt. Schließlich bringen Künstler, die sich in der einstigen Autometropole ansiedeln oder nach ihrem Studium bleiben, um anstatt wie in der Vergangenheit weiter zu ziehen, Leben in verlassene, von Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Armut regierte Viertel. Die Kunst symbolisiert den seit so vielen Jahren herbeigesehnten Wandel. "Wir sind das Herz des kulturellen Zentrums und der Anker von Midtown, wo inzwischen 99 Prozent der Wohnungen belegt sind. Was für Detroit, in dem komplette Straßenstriche ausgestorben sind, absolut beispiellos ist", sagt die Vizedirektorin des DIA und gebürtige Detroiterin Annmarie Erickson und versichert: "Ich blicke so optimistisch in die Zukunft wie lange nicht mehr."

Um sich selbst zu retten, verkündete ihr Museum, dass es 100 Millionen Dollar an Spendengeldern einsammeln will. Eine Großaktion, die der Vorstand des Museums noch vor wenigen Wochen als völlig undurchführbar erklärt hatte. Was zeigt, wie ernsthaft die Lage inzwischen ist. Eine Gruppe von nationalen und lokalen privaten Stiftungen hat bereits weitere 370 Millionen Dollar an Spenden zugesagt. Die Gesamtsumme soll als Sicherheit für die Pensions-Verpflichtungen der Stadt dienen. In der Pensionskasse fehlen 3,5 Milliarden Dollar. Insgesamt haben sich Detroits Schulden auf 18 Milliarden Dollar angehäuft.

Als eine der wenigen großen kulturellen Institutionen der USA gehört das DIA der Stadt. Der Deal würde bedeuten, dass sich das Museum Unabhängigkeit von der Pleitestadt erkauft. Stattdessen würde es in den Besitz einer Stiftung übergehen, wie es bei den meisten Museen in den USA der Fall ist. Der Governeur von Michigan, Rick Snyder, bat die Verwaltung seines Bundesstaates um 350 Millionen Dollar, die ebenfalls in den Topf für die ausstehenden Pensionen fließen sollen, damit Kürzungen bei der Altersversorgung vermieden werden können. Doch niemand weiß bislang, ob der Deal wirklich zustande kommen wird, ob die Gläubiger überhaupt zustimmen – und ob damit der Verkauf der Kunst verhindert werden kann.

Detroit macht es auch den optimistischsten Bewohnern nicht einfach, an einen Neuanfang zu glauben. Der gebürtige Detroiter Tyree Guyton startete vor 27 Jahren sein Heidelberg-Projekt, bei dem er leer stehende Häuser auf der Heidelberg Street mit Großstadtmüll in eine gewaltige Kunstinstallation verwandelte, um in seinem Viertel ein Zeichen gegen Gewalt, Drogen und Verwahrlosung zu setzen. Mit seinem Projekt wollte Guyton, dessen drei Brüder auf den Straßen Detroits um ihr Leben kamen, Veränderungen anschieben. "Ich habe die Tür geöffnet, jetzt kommt eine Welle neuer Energie in die Stadt", erzählte der Künstler art im Herbst. Heidelberg zählt neben dem DIA zu den beliebtesten Touristenattraktionen der Stadt und zieht außerdem junge Künstler in die Stadt. "Ich brauche mir nur das Heidelberg anzusehen und weiß, warum ich nach Detroit gekommen bin", meint der Möbeldesigner Christopher Schanck, der aus New York übersiedelte.

Doch seit vergangenem Jahr wird der Kunstpark, der vier Bürgermeister und geplante Abrissaktionen überlebte, von einem Brandstifter attackiert. Acht Brände führten dazu, dass fünf der insgesamt sieben Kunst-Häuser zerstört wurden. Darunter das War Room House, in dem die Motown-Legende Wilson Pickett gelebt hatte. Das berühmte House of Soul, dessen Fassade mehr als 2000 Schallplatten schmückten und das Clock House. Eine Belohnung von 30 000 Dollar wurde ausgesetzt, um den Brandstifter zu fassen.

Die abgebrannten Häuser hinterlassen mit ihren verkohlten Überresten traurige Spuren. Das Heidelberg-Team startete die Kampagne "Art from the Ashes", bei der mehr als 50 000 Dollar eingesammelt wurden, um ein neues Sicherheitssystem mit Überwachungskameras zu installieren und Wachleute in der Nacht patrouillieren zu lassen. "Kunst ist im Laufe der Geschichte entfernt, gestohlen oder zerstört worden. Während die Brände erschreckend und angsteinflößend sind, zeigen sie auch, dass die Kunst abgebrannt wurde, weil sie so machtvoll ist", meint Heidelberg-Kuratorin Lisa Rodriguez. "Wir haben, so glauben wir, eine neue Leinwand. Und die bracht eine neue Vision."

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