Schwabinggrad Ballett - Hamburg

Kotze versus Bugaboo-Kinderwagen?

Das Agitpop-Kollektiv Schwabinggrad Ballett führt sein erstes Theaterstück "Business Punk City" in der Roten Flora, einem linken Kulturzentrum in Hamburg, auf – und beweist damit, wie schwierig Protestaktionen auf einer Bühne sind.
Kotze versus Bugaboo-Kinderwagen?:Agitpop im linken Kulturzentrum

Schwabinggrad Ballett in der Roten Flora, Hamburg

Auf dem kleinen Platz vor der Roten Flora liegt ein Haufen schwerer Jutesäcke, beschrieben mit Parolen wie "Bionade Bourgeoisie", "Gegen Gentrifizierung", "Für eine freie Stadt". Drumherum versammeln sich in Grüppchen ein paar Leute, trinken Becks und Bionade. Keiner scheint zu wissen, was hier eigentlich passieren soll, und wann. Bis irgendwann aus der Ferne Musik ertönt.

Eine Blaskapelle kommt langsam anmarschiert, versammelt sich um die Jutesäcke und setzt, nach ein paar Takten, seinen Gang in Richtung Rote Flora fort. Im Schlepptau zirka 150 Menschen, die im Rhythmus und im Gleichschritt der Blaskappelle folgen – wie die Ratten dem Rattenfänger. Im großen Innenraum ist eine Bühne aufgebaut, das Publikum nimmt auf Bierbänken platz, der Rest steht, das Stück beginnt.

Das Schwabinggrad Ballett, eine Gruppe, die sich aus dem Hamburger Debattierzirkel "Buttclub" formiert hat und sonst eher auf Demonstrationen interveniert oder in Form von politisch motivierten Aktionen in Erscheinung tritt, steht mit "Business Punk City", ihrem ersten Theaterstück, auf der Holzbühne. Es soll, das wird dem Publikum gleich zu Beginn erklärt, als Protestaktion gegen die in der Hamburger Innenstadt um sich greifenden Gentrifizierungsmaßnahmen verstanden werden. In manchmal ein bisschen zu klar voneinander abgetrennten Szenen zeichnen die 13 Künstler durch Tanz, Musik und Gesang das Hamburger Drama nach: die Opferung sozialen Wohn-, Frei- und Kreativraums an gut zahlende Investoren. "Business Punk City" beschreibt, teilweise poetisch-abstrakt, teilweise mit Zitaten von der Straße, mit Videoprojektion und Computeranimation den Einzug von sozialer Kälte, Geld und dem, was man heute "Lifestyle" nennt in die einst bunt durchmischten, von Handwerkern, Kreativen und Familien besiedelten Innenstadtviertel. "Die Einwohner von Wow kamen von überall her und waren sehr unterschiedlich", heißt es im Refrain. Bis das heterogene Idyll von Kapital und Profitdenken, von Standortfaktor und Wirtschaftsstandort – kurz: vom Geld, verdrängt wurde. Bis in der Innenstadt alle nur noch Latte Macchiato tranken und mit ihren Laptops die Caféhäuser der Stadt besetzten. Nachzuprüfen auch morgens um acht Uhr am Hamburger Hauptbahnhof, der laut von klassischer Musik beschallt wird, damit die Obdachlosen sich schleichen und die Damen mit ihren Rollköfferchen nicht belästigen.

Das Stück tappt in die Falle der Polarisierung

Im Verlauf des Stücks radikalisiert Schwabinggrad Ballett diese aus dem Hamburger Leben gegriffenen Umstände mehr und mehr – und übertreibt. Das Stück tappt in die Falle der Polarisierung. Plötzlich scheint es einzig darum zu gehen, das Publikum mit möglichst kontrastreichen Gegensatzpaaren von der Dringlichkeit der Lage zu überzeugen: Bei mir im Hausflur stinkt’s nach Kotze und zwei Straßenecken weiter fahren Mamis ihre Kleinen im Bugaboo-Kinderwagen zum frühkindlichen Englischunterricht. Erst schick Essen gehen und dann Techno hören in der Roten Flora. Bionade-Bourgeoisie. Latte Macciato-to-go-Trinker. Das Eigenheim mit Elbblick. Alles steht unter Generalverdacht und gerät in die Kritik, Lifestyle ohne Herz, ohne soziale Wärme, ohne Gerechtigkeit zu sein. Alle und alles nur aus aufs Geld, der ökonomische Blickwinkel der einzige, der zählt.

Wie soll der Zuschauer auf solche Generalkritik reagieren? Ganz einfach: Das Publikum reagiert nicht, kein bisschen. Einzig der wodkatrunkene Zuschauer aus der ersten Reihe fühlt sich angesprochen, singt und geht mit – aber nur solange, bis eine etwas schickere Dame aus dem Publikum ihm zuraunt: "Hey, sei mal leise! Das hier ist Kunst!" Auf der Bühne spitzen sich Thematik und Showeinlagen immer mehr zu: Eine der Schauspielerinnen schreit, gibt alles, steht quasi kurz vorm hysterischen Anfall; die Schauspieler bauen eine Menschenpyramide und schmettern "We built the city on Rock and Roll" wirken aber trotz der großen Geste nicht wirklich überzeugt vom eigenen Tun – und im Publikum? Bei den von den kritisierten Maßnahmen direkt Betroffenen? Nichts.

Warum ist Latte Macchiato jetzt schlimm?

Und das ist kein Wunder. Bei solcher Gut-Böse-Zeichnerei müssen die Grenzen der Kritik zwangsläufig verwischen. Wer so polarisiert, der kann von der eigenen Kritik nur eingeholt werden. Und so ist am Ende des Stücks auch irgendwie der Saft raus. Warum soll Latte Macchiato jetzt schlimm sein? Habt ihr denn nicht alle selber Laptops und trinkt Bionade? Wurde am Samstag im von Künstlern besetzten und gegenüber Großkapital und Investorenträumen verteidigten Hamburger Gängeviertel nicht auch Bionade verkauft? Und zwar von den Besetzern selbst! Schwabinggrad Ballett hat den Bogen ein bisschen zu weit gespannt, so dass die anfänglich als Protest gemeinte Aktion am Ende zu einer ambivalenten, hybriden Theateraufführung wird und sich der Zuschauer fragt: Gegen wen richtet sich das ganze hier eigentlich? Muss denn so nostalgisches "We built the City on Rock and Roll" wirklich sein? Oder muss man sich vielleicht gar nicht selbst positionieren? Ist ja eh nur Kunst. Dieses Zwiespalts, dieser Ambivalenz scheinen sich die Schauspieler durchaus bewusst, drum bröckelt es auch am Ende, drum zerfasert das Stück. Daraufhin angesprochen, sagt Christine Schulz, eine der Akteurinnen: "Wir hatten da in der Gruppe auch endlos lange Diskussionen. Es ist halt schwierig für das Thema eine Form der Kritik zu finden. Wir wollen ja auch nicht so belehrend wirken."

Der letzte Akt endet mit einer Computeranimation. Auf der Leinwand sind Gebäude der Hamburger Innenstadt zu sehen, alles sehr futurisch, glatt und leicht unterkühlt. Vor der Leinwand führen drei Schauspielerinnen eine Art Kriegstanz auf, tanzen zu Trommelmusik im Kreis und wenden sich schließlich mit erhobenen Händen und im Gleichschritt stampfend den Gebäuden der Großinvestoren zu. Die Szenerie erinnert an ein Gottesanbetungs-Ritual, soll aber wohl ironisch gemeint sein. Nach einer kurzen Zugabe ist die Rote Flora schnell wieder leer, die Menschen sind weg, nach zehn Minuten wird das Licht angeknipst.

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