Terrakotta-Krieger - Hintergründe

Die Krieger im Kunstkontext

Eine semantische Falle wurde dem Direktor des Hamburger Museums für Völkerkunde zum Verhängnis: Statt 2200 Jahre alter Originale bekam er "authentische Scherbenfiguren". Nun befassen sich die Anwälte mit den tönernen Kriegern. Ein Anlass, noch einmal nachzufragen, wo sie herkommen und was sie kulturgeschichtlich bedeuten

„Es ist höchste Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen - Spot auf die Terrakotta-Armee!“, sagte in der Ausstellung „Macht im Tod – die Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers von China“ im Hamburger Museum für Völkerkunde gestern noch eine Stimme aus dem Off, dann blitzten Schweinwerfer auf und beleuchteten die Krieger. Nachdem jetzt zweifelsfrei geklärt ist, dass es sich bei den Tonsoldaten um Nachbildungen handelt, bleibt das Tonbandgerät fürs erste ausgeschaltet. Die Ausstellung wurde bis auf weiteres geschlossen.

Der Medienrummel um die gefälschten Krieger ist groß – und rückt ihre kulturgeschichtliche Bedeutung in den Hintergrund. Höchste Zeit also, noch einmal Licht ins Dunkel zu bringen: Was macht die Tonkrieger so bedeutend? Und wo kommen sie eigentlich her?

Im Jahr 1974 stießen Bauern beim Versuch, in der Nähe von Xi’an einen Brunnen zu bohren, auf eine harte, verbrannte Lehmschicht. In vier Metern Tiefe fanden sie den Scherbenschatz. Archäologen gruben ihn aus und setzten die Figuren in mühevoller Kleinarbeit zusammen.

Die Terrakotta-Krieger waren 221 v. Chr. als Grabbeigabe entstanden und hatten einen klaren Zweck erfüllt: Die tönerne Armee sollte im Jenseits erwachen und ihren Kaiser Qin Shihuangdis beschützen. Damit sie ihre magischen Kräfte entfalten könnten, sollte ihre Darstellung so naturgetreu wie möglich sein. Ursprünglich trugen die Tonkrieger echte, scharfe Waffen. Doch Grabräuber haben sie entwaffnet: Heute sind ihre Hände leer.

Forscher vermuten, dass über 700 000 Arbeiter, wahrscheinlich vor allem Gefangene, an der Produktion des imposanten Tonheeres beteiligt waren. Bei der Herstellung der mehreren Tausend Krieger wurden acht Standardformen verwendet. Ihre Gesichter aber gestaltete man einzeln: Jeder Krieger besitzt individuelle Züge.

Die tatsächliche kaiserliche Infanterie bestand aus zwangsrekrutierten Bauern, und so ist auch in den Gesichtern ihrer Tonbrüder abzulesen, dass sie nicht freiwillig Dienst schoben. Der General hingegen blickt aus kleinen Augen erfahren in die Runde. Die chinesischen Soldaten der echten kaiserlichen Armee mussten zu ihren Tonkollegen aufschauen: 1,75 bis 1,90 Meter groß sind die Figuren, sie sollten schon allein durch ihre Statur Feinde abschrecken.

Seit der Entdeckung der Tonarmee, die seit 1987 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt, herrscht am Fundort Xi’an geschäftiges Treiben: In emsiger Handarbeit fertigt man Repliken der Krieger an. Sie sind vor allem im Ausland heiß begehrt – und für 480 Dollar kann sich jeder seinen Krieger bestellen.

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