Kunst im öffentlichen Raum - Zürich

Kreativität als erste Bürgerpflicht

Ein Symposium in Zürich fragte nach den Aufgaben und Schwierigkeiten von Kunst im öffentlichen Raum. Das Fazit von Bazon Brock: Kunst darf nicht zum Standortmarketing werden.
"Nichts stört mehr als Ruhestörung":Zürich über Kunst im öffentlichen Raum

Provozierte: Bazon Brock beim Symposium "Ruhestörung" in Zürich

Die Werke dürfen ruhig etwas provozieren, die Bürger dürfen auch mal protestieren, Aufmerksamkeit ist gefragt. So wünscht man sich in Zürich die Kunst im öffentlichen Raum. Die Stadt hat unter dem Titel "Ruhestörung" kürzlich sogar eigens ein Symposium zur Kunst im öffentlichen Raum organisiert. Da bekannte die zuständige Stadträtin Ruth Genner: "Die Qualität des öffentlichen Raums ist ein Standortfaktor der Stadt Zürich. Kunst im öffentlichen Raum ist ein zentraler Bestandteil dieser Strategie." Das übliche eben.

Damit das auch gut klappt, richtete man vor drei Jahren eine elfköpfige Arbeitsgruppe für Kunst im öffentlichen Raum ein, die im kürzelverliebten Zürcher Neusprech "KiöR" heisst. Sie berät die Stadtregierung und beurteilt, ob jemand auf Straßen und Plätzen Kunst aufstellen darf. Von Ruhestörung war an diesem beschaulichen Herbsttag ansonsten kaum etwas zu spüren. Gut, die Künstler der "Mediengruppe Bitnik" verärgerten das Zürcher Opernhaus, weil sie im Zuschauerraum heimlich Wanzen installiert hatten und die Aufführungen über einen Telefoncomputer live und unentgeltlich in Zürcher Wohnungen übertrugen. Ansonsten hörte man aber eher von integrativen Projekten, gleich ob dauerhaft oder temporär. Thomas Hirschhorn sprach über sein Spinoza-Stadtteil-Projekt in Amsterdam und Tobias Rehberger über sein Café bei der Biennale in Venedig. Ob die Auftraggeber davon einen Werbenutzen haben, war ihnen egal, solange sie ihre künstlerischen Konzepte realisieren konnten.

Die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher konnte sich nicht verkneifen, auf die Wohlleibigkeit Zürichs zu verweisen: Berlin mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern stellt in der riesigen Senatsverwaltung gerade mal eine Stelle mit 300 000 Euro Etat für Kunst im öffentlichen Raum zur Verfügung und ist auf private, nicht gelenkte Initiativen angewiesen. Das entwickelt eine unreguliertere Power. Und Rehberger fragte ungeniert, wo denn Ruhestörung zu finden sei. Hausbesetzungen wie in den achtziger Jahren gebe es ja wohl nicht mehr.

Daniel Baumann, der freie Kurator des Basler Kunstprojekts "Nordtangente–Kunsttangente", hielt diese Funktionsbeschreibung der Kunst im öffentlichen Raum schlicht für "altmodisch". Seine Projekte in einem rauen Viertel Basels haben gerade davon profitiert, dass sie im Windschatten der Aufmerksamkeit lagen, weil die beteiligten Künstler und Anwohner ohne Profilneurose Dinge entwickeln konnten. Und Bazon Brock spitzte schließlich zu: "Nichts stört mehr als Ruhestörung."

"Wir liegen mit dem ganzen Kreativitätsgedusel falsch"

Der Wuppertaler Ästhetik-Professor störte damit das schöne Einvernehmen über die Aufgaben von Kunst im öffentlichen Raum als Anregung und Aufregung. Wenn Kunst sich als Teil des Standortmarketings verstehe, gebe sie sich auf, "wenn schon ein Josef Ackermann von Kreativität redet, liegen wir mit dem ganzen Kreativitätsgedusel falsch." Übrig blieben den Künstlern Strategien des Unsichtbarwerdens, der Camouflage.

Für Zürich schlug er statt viele Millionen schwerer Projekte von Thomas Demand und anderen vor, die misslungenen Zonen im Stadtgefüge selbst zu nutzen: Unter den Hochtrassen des Escher-Wyss-Platzes in Zürich-West, wo die Stadt seit zehn Jahren in ehemalige Industrieareale hineinwächst, würde er gerne eine neue Vorhölle einrichten, in der all diejenigen Geister per Sound-Installation Einzug halten könnten, die wie Sokrates und Platon noch keine Chance hatten, Christen zu werden und zu ortlosen Wanderern wurden, als der Papst vor ein paar Jahren per Dekret die Vorhölle abschaffte.

Wie ernst es dem streitbaren Brock mit seinen Provokationen auch immer war, er hat die Frage nach Kunst im öffentlichen Raum grundsätzlich gestellt: Sie ist für ihn ein unsinniges Unterfangen, weil sie die Fehler von Stadtplanung und Architektur immer nur verhübscht, statt darauf zu verweisen, wie sie zu beheben wären. In Zürich ließ man sich davon nicht erschüttern. Die Stadtverwaltung hat mit dem Symposium verschiedene Großprojekte des kommenden Jahrzehnts in die öffentliche Diskussion gebracht und für manchen befürchteten Widerstand der "aggressiven Bürgerproteste" erste Abflusskanäle gezogen.

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