Maritimes Museum Hamburg

Hamburg

Der alte Mann und das Museum
"Wir wollen unsren alten Kaiser Wilhelm wieder ham": Marschmusik des Schwabinggrad Balletts als ironisches Kommentar zur Eröffnung des Tamm-Museums (Foto: Oliver Görnandt / www.tranquillium.com)

DER ALTE MANN UND DAS MUSEUM

Hamburg hat ein neues Museum. Und mit einer Ausstellungsfläche von über 11 000 Quadratmetern ist es sogar, nach dem Museum für Kunst und Gewerbe und der Kunsthalle, das drittgrößte der Stadt. Peter Tamm, langjähriger Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Verlages, hat in 74 Jahren ein Sammelsurium aus über 36 000 Schiffsmodellen, 1000 Uniformen, 5000 Gemälden, 120 000 Büchern und unzähligen Bildern, Orden und Konstruktionsplänen angehäuft. Seit Ende Juni wird Tamms Reich nun in einem umgebauten Kaispeicher in der Hafencity gefeiert. Ein letzter Abgesang auf ein skandalöses Museum.
// ALAIN BIEBER, HAMBURG

"Ich erkläre das Tamm-Museum zu meinem Ready-Made", sagt die Künstlerin Cornelia Sollfrank. "Es ist einfach perfekt, ein Paradebeispiel. Man kann an diesem Museum nicht nur genau illustrieren wie Kulturpolitik funktioniert, sondern auch sehr viel über Machtpolitik und Opportunismus lernen."

Sollfrank erforscht als Netz- und Konzeptkünstlerin die weltweiten Kommunikationsnetze. "Meine künstlerische Arbeit besteht darin, ansonsten unsichtbare Machtstrukturen aufzuzeigen", erklärt sie. Bei ihrer Aktion "TammTamm – Künstler informieren Politiker" kümmerte sich jeweils ein Hamburger Künstler um einen Abgeordneten – Patenschaft mal anders. Sollfrank wollte damit die kulturpolitischen Entscheidungsfindungsprozesse transparent machen, die zu dem Bau des Maritimen Museums geführt haben.

Bereits im Vorfeld gab es viel Tamtam um den Bau: Die Springerpresse feuerte Salutschüsse aus vollem Rohr für "Springers letzten Admiral": "Jetzt wird die großartige Sammlung auf Dauer in einem großartigen Museum zu sehen sein" ("Hamburger Abendblatt"), "Komplexer Blick auf die Geschichte der Seefahrt" ("Welt") und "Maritime Sensationen" ("Bild"). Und die übrigen Medien feuerten zurück. Die "Süddeutsche Zeitung" sprach von einer "fetischhaften Distanzlosigkeit" und die "Tageszeitung" schrieb: "Nicht einmal in den fünfziger Jahren hätte man es gewagt, ein so unkritisches Museum zu schaffen." Und das anonyme Autorenkollektiv Friedrich Möwe verfasste das Buch "Tamm-Tamm. Eine Anregung zur öffentlichen Diskussion über das Tamm-Museum" und nannte die Sammlung ein "mit Kriegswaffen und Nazikitsch bestücktes, die Brutalität von Seekriegen verherrlichendes Sammelsurium" und das Museum die "wohl größte in Hamburg öffentlich zugängliche Ansammlung von Hakenkreuzen".

"Der Filz geht durch alle Parteien und fast die gesamte Medienlandschaft"

Gründe für Kritik gibt es wahrlich viele und zahlreiche Fragen bleiben unbeantwortet: Warum bekommt eine Ansammlung von maritimem Plunder und Militärkitsch von der Stadt ein eigenes Museum spendiert? Warum erhält ein privater Sammler eine Immobilie in Toplage für 99 Jahre mietfrei (auch der Hamburger Kunstverein residiert in einem öffentlichen Gebäude und zahlt Miete) und als Dankeschön noch einmal 30 Millionen Euro für die Renovierung des Gebäudes? Wieso verzichtet die Stadt auf jedigliches kuratorische Mitspracherecht, obwohl Peter Tamm der Besitzer des Koehler-Mittler-Verlags ist, der Bücher wie "Hitlers Admirale 1939 – 1945" oder "Die deutschen Kampfschwimmer im Zweiten Weltkrieg" veröffentlicht und bei dem außerdem bekennende Rechtsradikale wie Franz Uhle-Wettler und Walter Post publizieren? Warum gab es nie eine öffentliche Debatte oder Diskussion um den wissenschaftlichen Wert der Sammlung? "Das Tamm-Museum ist auch eine Schwachstelle in der Politik der weißen Westen, die für die Hamburger Bürger bezeichnend ist. Dieses Projekt hat deutlich gemacht, dass der Filz durch alle Parteien und fast die gesamte Medienlandschaft geht", sagt Cornelia Sollfrank. "Um nur ein Beispiel zu nennen: Die 2005 amtierende Kultursenatorin Dana Horáková war lange Jahre Kulturredakteurin der "Bild"-Zeitung und stellvertrende Chefredakteurin der "Welt am Sonntag" – unter Peter Tamm."

Doch der eigentliche Skandal ist die Ausstellung selbst: "Schiffahrts- und Marinegeschichte ist der Antrieb der Weltgeschichte" erklärt Peter Tamm in der Museumsbegleitbroschüre. Wie Menschheitsgeschichte hier verstanden wird, illustriert eine riesige Wandzeichnung: Die Geschichte beginnt bei einem Keule schwingenden Steinzeitmenschen, wird durch Bogenschützen, Schilderkämpfer, Artilleristen und Seesoldaten fortgesetzt und endet schließlich bei einem Soldaten mit einem Maschinengewehr. Geschichte, auf Krieg reduziert. Dazu gibt es ein liebevolles Aquarell von dem verurteilten Kriegsverbrecher Karl Dönitz, Hitlers Großadmiral und eine Uniform des Oberbefehlshabers der Reichs- bzw. Kriegsmarine Erich Raeder.

Kameradschaft auf Nazischiffen als museumspädagogischen Konzept

Und: unkommentierte Naziorden, Waffen und immer wieder pathetische Inzenierungen. Zum Beispiel ein kleiner Weihnachtsbaum aus dem Jahr 1940, "angefertigt von Besatzungsmitgliedern des Schweren Kreuzers Admiral Scheer". So werden Kameradschaft und Christentum auf Nazischiffen als museumspädagogischen Konzept verkauft, Krieg verherrlicht, Opfer verschwiegen und Kolonialgeschichte verharmlost. Der historisch-kritische Kontext fehlt genauso wie so viele Beschilderungen an den Exponaten. Beängstigend, wenn man denkt, dass in dem "Schwimmenden Klassenzimmer" bald Schulklassen unterrichtet werden und Kinder in der Spielecke mit Legosteinen ihren ersten Panzerkreuzer bauen.

Trotz all der Kritik wurde das Museum nun feierlich eröffnet – und sogar Bundespräsident Horst Köhler kam zu der Eröffnung dieses neuen "Leuchtturms". "Wäre ich eine reine Politaktivistin, dann wäre ich vielleicht enttäuscht", sagt Cornelia Sollfrank. "Aber als Künstlerin habe ich mein Ziel erreicht. Wir haben sehr erfolgreich demonstriert, wie machtvoll symbolische Interventionen sein können – etwas wofür wir Künstler ja Spezialisten sind." Deshalb ist gute Mine zum bösen Spiel angesagt: Zur Eröffnung spielte sie, zusammen mit der Demo-Band "Schwabinggrad Ballett" Marschmusik ("Wir wollen unsren alten Kaiser Wilhelm wieder ham, Tamm-Tamm") und amüsiert sich noch immer köstlich über all die Teleskope und Leuchttürme ("Alles Phallussymbole!") im Museum. Und immerhin eignet sich ein meterlanger Torpedo hervorragend für erotisch-neckische Souvenirbilder.

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2 Leserkommentare vorhanden

Sebastian Krug

16:07

15 / 07 / 08 // 

Kritischer Besuch

In Hamburg liegt z.B. der Admiralsstab von Dönitz auf den Nürnberger Urteilen usw. Evtl hat Fr. Sollfrank u.a. diese Symboliken nicht erkannt. Da ja nicht nur Künstler einen Blick für symbolische Interventionen haben, sollte sich jeder Besucher ein eigenes Urteil bilden. Vorgekaute Moral, egal ob von Künstlern oder Nicht-Künstlern sind ermüdend. Ich halte das Museum nach einem kritischen Besuch nicht für kriegsverherrlichend.Eher das deutsche Marinemuseum. Das Hamburger Museum ist auf vielen Etagen äußerst interessant. Evtl nicht künstlerisch. Aber muss es das?

Peter Rodeike

13:00

26 / 04 / 09 // 

Admiralsstab

Einen "Admiralsstab" hat es bei der damaligen Marine nicht gegeben. Soldaten aller Wehrmachtsteile erhielten einen sogenannten Marschallstab, wenn sie den Dienstgrad eines Feldmarschalls oder bei der Marine den eines Großadmirals erreicht hatten. In dem Museum liegt also der Marschallstab des ehemaligen Großadmirals Karl Dönitz.

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