Interview: Zentrum für Politische Schönheit

Wir wollen noch nicht sterben!

Öffentliches Theater in bester Schlingensief-Tradition: 14 Gedenkkreuze für die Maueropfer hatte das Zentrum für Politische Schönheit Anfang November am Berliner Reichstagsufer vorübergehend entfernt. Für die Zeit der Feierlichkeiten zum Mauerfall-Jubiläum sollten sie an der EU-Außengrenze angebracht werden, dort also, "wo heute gestorben wird".
Bloß keine Galerie!:Gespräch über schöne Politik und tote Galerien

Philipp Ruch und andere Aktionskünstler des Zentrums für Politische Schönheit im Gespräch mit bulgarischen Grenzpolizisten.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Zentrum für Aufsehen sorgt: Auch ihre großflächigen Fahndungsplakate für Manager der Rüstungsindustrie und der täuschend echte Internetauftritt einer "Kindertransporthilfe des Bundes" (art 6/2013) fanden ein breites Medienecho. Nur die Lautstärke der Empörung ist neu: Der Umzug der Gedenkkreuze sei der "hirnrissigste Dreck", schrieb Matthias Heine in der Welt, und Bundestagstagspräsident Norbert Lammert sprach von "blankem Zynismus". Dem Zentrum war es wieder einmal gelungen, eine Debatte zu provozieren, über die Grenzen Europas – und die der Kunst.

Mit art sprach Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit über die neuen Mauertoten, die Solidarität von Sperrholzplatten und leblose Kunst in Galerien. Sein überraschendes Bekenntnis: "Wir haben gar keine politischen Ziele."

art: Warum hat das Zentrum für Politische Schönheit die 14 Gedenkkreuze entwendet, die am Reichstagsufer an sogenannte "Mauertote" erinnern sollen? Und das ausgerechnet zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls?

Philipp Ruch: Wir haben nichts entwendet. Wir haben diesem Denkmal über die EU-Außengrenzen zur Flucht verholfen. Und zwar vor dem Gedenken am 9. November 2014. Welchen Mauerfall will man feiern, solange Zehntausende Menschen durch Europas Außenmauern ertrinken. Die Weißen Kreuze sind in einem Akt der Solidarität zu ihren Brüdern und Schwestern geflüchtet. Sie wollten lieber den neuen Mauertoten beistehen, als die Gegenwart durch die Geschichte zu verschleiern. Wir wollten das deutsche Gedenken um einen entscheidenden Gedanken erweitern: die Gegenwart.

Die Aktion hat offenbar viele irritiert. Die Boulevardpresse witterte einen Skandal, Politiker waren empört und die Polizei durchsuchte die Busse, mit denen Sie im Rahmen Ihrer Inszenierung "Erster Europäischer Mauerfall" vom Maxim-Gorki-Theater zur EU-Außengrenze aufbrachen.

Der wirkliche Skandal des 9. November liegt im Gedenken an die Opfer der deutsch-deutschen Teilung beim gleichzeitigen Nichtgedenken von mindestens 30 000 neuen Mauertoten. Die Harmlosigkeit der offiziellen Gedenkfeiern des 9. Novembers – dieses Oktoberfestgedenken – ist schlicht eine Bedrohung für die europäische Humanität.

Die Lage ist dramatisch: Zehntausende Menschen ertrinken, dehydrieren und kentern an Europas Außengrenzen. In den Wäldern vor Melilla sind wir auf Menschen gestoßen, die jetzt verhungern. In der Türkei klammern sich Flüchtlinge unter Radachsen, um nach Europa zu gelangen. Während der Wegfall von Grenzen und die Friedliche Revolution zelebriert wird, werden Europas Mauern gerade militärisch abgeriegelt.

In dieser Situation sollen die üblichen nostalgisch-verschleiernden Reden über eine gefallene Mauer gehalten werden. Aber wir alle müssen vom Gedenken zum Denken und vom Denken zum Handeln kommen! Gedenken wir nicht der Vergangenheit, gedenken wir der Gegenwart – und reißen die Mauern ein. Wie die Intendantin des Gorki-Theaters bei der Abfahrt der zwei Busse mit Revolutionären meinte: "Gedenken heißt: weiter denken!" Das deutsche Gedenken ist in einer absurden Endlosschleife aus Redeschablonen, nichtssagenden Ritualen und unfreiwillig komischen Installationen gefangen. Es ist diese Endlosschleife, die jeden Vorbildcharakter zerschleißt. Wenn wir sie stören, kommen wir da hin, wofür Gedenken eigentlich gedacht ist: eine Besinnung auf die Geschichte, um gegenwärtige und künftige Fehlentwicklungen zu erkennen und zu verhindern.

Haben sie die Kreuze tatsächlich an die EU-Grenze gebracht?

Was denn sonst? Neun Kreuze sind in die Wälder von Gourougou vor den Todesstreifen von Melilla gebracht worden, drei an die "Eindämmungsanlage" der bulgarisch-türkischen Grenze und zwei an den griechischen "Schild". Die Kreuze waren also an den einzigen Stellen, wo Menschen in ihrer tiefsten Not noch über Land nach Europa flüchten konnten. Jetzt sind auch sie militärisch abgeriegelt. Wir standen an allen Grenzen und sind entsetzt, wie sich ein ganzes Land über die Flucht von Sperrholzplatten derart empören kann, nicht aber über die neuen Mauertoten, die in unseren Geschichtsbüchern bald weitaus mehr Platz finden werden als die deutsch-deutsche Grenze.

Es heißt, dass das Berliner Gorki-Theater an der Aktion beteiligt wäre. Was ist da dran?

Das Gorki-Theater hatte mit der Entführung der Weißen Kreuze nichts zu tun. Es hat schon etwas tragikomisches, dass die Berliner Politik es nicht fertigbringt, einen Flughafen für sechs Milliarden Euro fertigzubauen, aber jetzt aufschreit, dass der Hauptstadtkulturfonds an unseren Projekten beteiligt ist. Auch wenn Politiker gemeinhin davon ausgehen, dass Kunst und Kultur nichts kosten, geht es hier um ein Gesamtbudget von über 200 000 Euro. Wir fordern eine Bonuszahlung aus Steuergeld. Dafür, dass wir seit Jahren Aktionskunst machen, die der Bundesregierung wieder und wieder besonders missliebig ist. Wir haben ein Denkmal gegen die Vereinten Nationen in der Pipeline. Wir haben den größten Rüstungsdeal der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte verhindert. Wir haben das Kontingent für syrische Flüchtlinge mal eben verdoppelt. Die Frage ist doch eigentlich, ob die Freiheit der Kunst nicht bedeuten muss, dass gerade politisch missliebige Künstler weitaus mehr Geld erhalten sollten als die üblichen Verdächtigen.

Der politische Gehalt der Aktion ist offensichtlich, aber worin liegt die Schönheit der Aktion, die sie ja im Namen tragen?

Einerseits in der Solidarität der Weißen Kreuze, sich nicht durch die Lichtgrenze in unmittelbarer Nähe blenden oder sedieren lassen zu wollen, sondern stattdessen zu den Brüdern und Schwestern zu flüchten und ihnen beizustehen. Als wir in den Wäldern von Gourougou gearbeitet haben, waren wir absolut schockiert: Diese Menschen hungern. Sie haben auch nichts zu tun. Sie werden gejagt vom marokkanischen Geheimdienst. Sie warten auf einen Spalt im europäischen Vorhang. Dort zu sein ist geradezu die Pflicht für alle, die an der Geschichte der Mauertoten interessiert sind. Und auf der anderen Seite gibt es da über 300 Menschen, von denen wir 100 an die EU-Außengrenze mitnehmen konnten, um diese zum 25. Jahrestag des Mauerfalls vor Ort abzubauen.

Wie nachhaltig sind Aktionen wie die "Ent-/Wendung" der Mauerkreuze?

Vor der Aktion kannte keiner die Weißen Kreuze. Die meisten meinten, sie hätten sie schon mal gesehen, wussten aber weder wo, noch wofür sie stehen. Jetzt sind sie weltbekannt. Ihre Flucht schaffte es ja bis in die Washington Post, den Guardian und, und, und. Von künstlerischem Wert verstehen wir etwas: in unseren Augen ist die Ikonographie der Kreuze schlicht genial. Die beiden Erfinder hatten nach etwas gesucht, das auf dem Grund der Berliner Mauer heraussticht und sie wollten kein Schwarz verwenden, weil sie das zu traurig machte. Manchmal muss man in einem Land ein Denkmal entfernen, damit es überhaupt fehlt. Das ist hier geschehen. Und nebenher bemerkt fielen die Reden, die die Bösartigkeit der DDR-Grenzen geißeln, in diesem Jahr merklich leiser aus.

Welche juristische Nachspiele gibt es jetzt?

Das müssen sie die Staatsanwaltschaft fragen. Der Staatsschutz hat uns sogar beim Wiederanschrauben der Kreuze geholfen. Wir müssen die Staatsschützer in diesem Land wirklich für ihre Besonnenheit loben, denn die Politik hat aus den höchsten Rängen in dramatischen Appellen geschrien, dass es sich hier um ein schweres Verbrechen handeln würde. Entsprechend groß ist die Verzweiflung beim Staatsschutz, weil es weder einen Eigentümer gibt, noch Diebstahl als Delikt in Frage kommt, weil wir von vornherein angekündigt hatten, die Kreuze würden zurückkehren. Die einzigen, die die ganze Zeit eine Straftat gesehen haben wollen, sind CDU-Politiker, die in den letzten sieben Jahren über zwei Milliarden Euro in Grenzanlagen gesteckt haben.

Sie haben ja schon 2012 erfolgreich an der 7. Berlin-Biennale teilgenommen. In den Medien werden sie aber meist als Aktivisten bezeichnet. Sehen sie sich selbst eher als Aktivistengruppe oder als Künstlerkollektiv?

Wir machen Kunst. Nur die Nachrichtenagentur DPA tituliert uns andauernd, wider besseres Wissen und mit einer gewissen Bösartigkeit, als "Aktivisten". Aktivisten würden nie ein Denkmal entführen – viel zu aufwendig, viel zu sehr am politischen Ziel vorbei. Wir haben gar keine politischen Ziele. Unser innerstes Anliegen ist: dass diese Gesellschaft sich selbst erkennt. Wir sind sozusagen eine Neuauflage des Eingangsportals von Delphi. Wir wollen Selbsterkenntnis. Deshalb schreit die CDU so laut auf, weil das, was sie über sich selbst lernen, schlicht hässlich ist. Wer kann diese neuen Stacheldrahtmauern in Griechenland oder Bulgarien auch nur eine Sekunde lang dulden, wenn er das Schicksal der Mauertoten wirklich betrauert? Die Bundespolitik braucht die Kreuze nur alle fünf Jahre. Zu runden Jubiläen sind sie plötzlich unheimlich wichtig. Aber wir sollten der alten Mauertoten jeden Tag gedenken. Jeden Tag, dann würde niemand den Namen "Lampedusa" kennen.

Nicht ausgeschlossen ist natürlich, dass aus Selbsterkenntnis Handlungen folgen, die in ihrer politischen Wirkung mit dem Kniefall von Willy Brandt vergleichbar sind. Aber auch der gehört mehr in den Bereich guter Kunst. Die höchste Form aller Künste ist: schöne Politik.


Würden sie eine Dokumentation ihrer Aktion auch in einer kommerziellen Galerie ausstellen?

Christoph Schlingensief hat sich in dem Moment verdorben, als er aus der Sphäre des Theaters in die Sphäre des Kunsthandels übertrat. Vor dieser Schwelle haben wir wirkliche Angst. Wir haben auch schon Angebote ausgeschlagen. Sammler wollen immer wieder Reliquien von uns haben, weil sie schon ahnen, welche Werte hier gerade entstehen könnten. Aber Schlingensief ist in dem Moment künstlerisch gestorben, als er seine Werke aus der Volksbühne, dem Pfauen oder den Wiener Festwochen in die Galerieszene gestellt hat. Wir wollen noch nicht sterben.

Erster Europäischer Mauerfall – Die Verwundeten

Eine Aktion des Zentrums für politische Schönheit im Rahmen des Festivals "Voicing Resistance" im Maxim Gorki Theater (7. November bis 7. Deszember 2014)
http://www.gorki.de/spielplan/die-verwundeten/