Martin Kippenberger - Schauspiel Köln

Lieber Spieler, spiele mir

Martin Kippenberger war das schreckliche Kind der deutschen Kunstszene und der heimliche König der achtziger Jahre. Jetzt bringt das Schauspiel Köln sein schnelles Leben auf die Bühne. Nicht als Künstlerdrama, sondern als schillerndes Experiment: Fünf Schauspieler suchen einen Maler.
Rampensau der Kunstwelt:Angela Richter inszeniert das Leben Martin Kippenberger

Marek Harloff mimt als trauriger Clown des Kunstbetriebs Martin Kippenberger.

Am Anfang sitzen da nur drei Männer und zwei Frauen und blicken ins Publikum.

Dann beginnen sie zu erzählen: Wie es so war mit Martin Kippenberger, dem großen Zampano der deutschen Malerei. Der die Stillosigkeit zum Stil erklärte, nach Köln kam, um die Kunstwelt zu erobern und dort immerhin zum Anführer der Szene wurde. Der soff wie ein Loch, bis er 1997 im Alter von 44 Jahren an Leberkrebs zu Grunde ging. Und als Toter so berühmt wurde, wie es ihm zu Lebzeiten nie vergönnt gewesen war.

Die fünf Schauspieler sitzen also da, sagen auf, was Angela Richter, die Regisseurin, einigen Weggefährten Kippenbergers entlockt hat, und lassen uns rätseln, wer da gerade spricht. Und als das Ganze langweilig zu werden droht, springt einer der Darsteller auf und ruft: "Jetzt mal Stopp, wir wollten doch diesen Film machen!" Sie drehen ihre Stühle zur weißen Leinwand im Hintergrund und schauen sich selbst dabei zu, wie sie Kippenbergers Leben à la Guido Knopp nachstellen – mit fernsehgerechtem Halligalli in Hamburg und Berlin und einem nervtötend allwissenden Erzähler. Doch dieser öffentlich-rechtliche Spuk geht gnädig schnell vorbei, und Marek Harloff tritt ins Rampenlicht. Er mimt Ben Becker, der sich an Kippenbergers Zeit in Berlin erinnert, und steht dann plötzlich als Kippenberger da, der als trauriger Clown des Kunstbetriebs posiert. Das Vorsprechen beginnt.

Angela Richter macht in ihrer Inszenierung nichts, was man von einem klassischen Künstlerdrama erwarten würde. Sie stellt keine Szenen aus Atelier und Leben nach, legt den Darstellern kein Best-of der Kippenberger-Sprüche in die Münder und hängt die von Christian Jankowski gestaltete Bühne nicht mit Gemälden voll – das Original der übergroßen "Paris Bar"-Leinwand hatte Kippenberger als Affront gegen den Geniekult bei einem Plakatmaler in Auftrag gegeben. Stattdessen lässt Richter die Schauspieler nacheinander in Künstlerrollen schlüpfen, in denen man Kippenberger zwar wiedererkennen kann, bei denen aber auch klar ist, dass er sich in ihnen nicht erschöpft. Judith Rosmair etwa wechselt von einer Popstar-Pose in die nächste, während sie ihren großen Monolog hält: Kiekst mal wie Michael Jackson, balzt wie Mick Jagger und stellt Kippenberger, die Rampensau der Kunstwelt, auf die Bühne. Gleich darauf erzählt Yuri Englert einen Witz wie Kippenberger seine ebenso legendären wie gefürchteten Stegreif-Reden hielt: Er schweift ziellos umher, verliert den Faden, fängt noch mal von vorne an, gerät auf neue Abwege, findet das Ende nicht und versemmelt die Pointe. Im Mittelstück der Aufführung erwacht das Regie-Prinzip "Fünf Schauspieler suchen einen Maler" zum Leben und schüttelt die Fesseln des Didaktischen spielerisch ab. Dass dabei kein fertiges Kippenberger-Bild entsteht, das man zusammenklappen und mit nach Hause nehmen kann, ist Teil des Konzepts. Kippenberger bleibt auch nach zwei Stunden ein Fremder, so wie er selbst Freunden und wohl auch sich selber immer fremd geblieben ist. Deshalb schadet es auch nichts, dass in Angela Richters Liste mit Gesprächspartnern (unter anderem Diedrich Diederichsen, Inga Humpe, Walther König) von Gisela Capitain bis zu den anderen "Hetzler-Boys" etliche Namen fehlen, die man dort erwartet hätte.

Nicht der ganze Theaterabend ist gelungen. Obwohl sich Angela Richter ihre Meriten mit ähnlichen Inszenierungen erworben hat (am bekanntesten ist ihr Stück über "Wikileaks"-Gründer Julian Assange), ist die Dramatisierung der Recherche-Interviews etwas eintönig, und eine Revue mit Improvisationsübungen zum Thema Kippenberger wirkt beliebig. Erst im Finale packt die Inszenierung wieder zu: Die fünf Darsteller schlüpfen noch einmal in die Rollen von Weggefährten und erinnern sich vor einer Fernsehkamera, deren Bilder auf eine riesige Leinwand projiziert werden, an den Tod des Künstlers. Es ist ein bewegender Abschied, gerade weil das Private und das Öffentliche so nah zusammen stehen. Auch bei Kippenberger war das eine ohne das andere nicht zu haben.

"Kippenberger! – Ein Exzess des Moments"

Schauspiel Köln, Regie: Angela Richter

Im Verlag der Buchhandlung Walther König ist ein von Angela und Daniel Richter gestaltetes Begleitbuch zur Aufführung erschienen.
http://www.schauspielkoeln.de