Julian Schnabel - Schmetterling und Taucherglocke

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Unschärfen, Kamerawackler, Überbelichtungen und Schleier – US-Maler Julian Schnabel experimentiert wieder mit dem Medium Film. Seine dritte Regiearbeit "Schmetterling und Taucherglocke" gewann in Cannes, erhielt jetzt zwei Golden Globes und gilt als heißer Oscar-Favorit. Ende März kommt der bildgewaltige Film über den "Elle"-Chefredakteur Jean-Dominique Bauby auch in die deutschen Kinos. Eine erste Kritik
Die Kraft der Bilder:Warum immer mehr Künstler mit der Kamera flirten

Glitzer, Glamour, gutes Essen und schöne Frauen: Elle-Chefredakteur Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric) bei der Arbeit.

Maler sind keine normalen Sterblichen. Sie sehen anders, haben einen eigenen Blick, was visuelle Ordnung, Farbe, Komposition betrifft. Sie erfinden Bilder, nicht Abbilder, malen Wahrnehmung, nicht Realität. Deshalb flirten nicht wenige der heute erfolgreichen Kinoregisseure mit der Bildenden Kunst, wie etwa David Lynch, oder haben vorher Malerei studiert, wie Wim Wenders. Doch war bisher niemand in beiden Bereichen gleichzeitig erfolgreich.

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Das schaffte bisher nur der New Yorker Maler Julian Schnabel, der nach "Basquiat" und "Before Night Falls" für seinen dritten Kinofilm "Schmetterling und Taucherglocke" (Originaltitel: "The Diving Bell and the Butterfly") am vergangenen Wochenende in Los Angeles gleich zwei Golden Globes kassierte und damit als heißester Anwärter auf die Ende Februar vergebenen Oscars gilt.

Dem Exzentriker Schnabel, bekannt geworden mit seinen großformatigen und manchmal auch großspurigen Bildern, gelang es, ein klassisches Kinogenre vor allem durch eine eigenständige und trotzdem dem heiklen Thema immer dienende Bildsprache zum Kunstwerk zu machen. Er benutzte einen kühnen dramaturgischen Kniff, um aus einem Melodram einen analytischen Film über die Wahrnehmung zu machen: Die ersten zehn Minuten sind nämlich ausschließlich aus dem subjektiven Blickwinkel der Hauptperson gefilmt. Oder, präziser gesagt, aus ihrem linken Auge. Dem Auge des Malers.

"Schmetterling und Taucherglocke", der Ende März auch in die deutschen Kinos kommt, erzählt die wahre Geschichte des erfolgreichen französischen Modejournalisten und "Elle"-Chefredakteurs Jean-Dominique Bauby (1952 bis 1997), der mit 43 Jahren auf der Höhe seines Erfolgs einen Hirnschlag erlitt und die nächsten – und letzten – Jahre seines Lebens von Kopf bis Fuss gelähmt in einer Rehabilitationsklinik verbrachte.

Bauby wurde Opfer des sogenannten Locked-In-Syndroms: Das Gehirn funktionierte normal, aber er konnte nicht essen, nicht atmen und keinen einzigen Muskel bewegen – nur sein linkes Auge. Mit Hilfe speziell geschulter, unendlich geduldiger Krankenschwestern lernte er, durch Blinken seines einen Augenlids zu buchstabieren – und diktierte mit diesem mühseligen Verfahren seine Memoiren "Le scaphandre et le papillon" (1997, dt. "Der Schmetterling und die Taucherglocke"), die in Frankreich zu einem der größten Bestseller der neunziger Jahren wurden.

Mit aus Experimentalfilmen vertrauten Unschärfen, Kamerawacklern, Überbelichtungen und Schleiern lässt Schnabel den Zuschauer mit dem Blick des Protagonisten auf die Welt schauen, und kann sich so erlauben, den dahinvegetierenden Kranken erst nach einer guten Viertelstunde zum ersten Mal zu zeigen. Zu diesem Zeitpunkt sitzt das Publikum längst im Auge der nicht einmal besonders sympathischen Hauptperson und glaubt, das authentische Rührstück tragischen Glamours am eigenen Leib zu erfahren. Kein Mitleid, sondern Identifikation mit einem Sterbenden – und das nur kraft der Bilder. Wie es sich für einen Maler gehört.