Jörg Immendorff
Echtheitsdebatte
WAS WUSSTE DER JÖRG?
Es gibt ja so eine dumme Frage, die man auf Dinnerpartys und Stehempfängen der neuen Reichen nicht stellt: "Ist der echt?" Mitleidiges Lächeln tropft dann für gewöhnlich, denn natürlich ist der Penck, der Richter oder das Foto von Gursky an der Wand echt. Echt und teuer wie der Château Petrus im Glas und der Immendorff, der im Flur hängt. Tja. Der Immendorff. Zwei mal drei Meter mindestens groß, bisschen düster, mit wütendem Pinselstrich gemalt, unten rechts "vom Jörg" signiert, wie die neuen Kunstsammler gern sagen. Mag ja sein. Doch die Frage ist neuerdings nicht mehr so dumm, das Lächeln der Besitzer sparsamer und der Blick salziger. Denn seit zwei Wochen schwappen Gerüchte, Ahnungen und Klagen heran, dass längst nicht alles echter Immendorff ist, was sich so nennt.
Spätestens seit der Nachlassverwalter des 2007 gestorbenen Malers, der Kölner Galerist Michael Werner, im Juni warnte, "der Kunsthandel wird überschwemmt von gefälschten Immendorff-Bildern", weht Panik durch die Lofts und Altbauvillen der Kunstschicken in Hamburg, Berlin, München oder Düsseldorf. Denn die, die sich vom nervenzehrenden Börsengeschäft auf den vermeintlich sicheren Kunstkauf verlegt haben, fürchten, statt der 120 000 oder 150 000 Euro teuren gemalten Aktie an der Wand einen Mucki im Portfolio zu haben, der es allenfalls auf 10 000, vielleicht aber auch nur 200 Euro bringt.
Was die "Imme"-Besitzer beunruhigt, ist der Mann, der Alarm schlägt. Denn Michael Werner, einer der renommiertesten Kunsthändler Deutschlands, hat Immendorff groß gemacht und ihn bis zu seinem Tod begleitet. Werner zum stern: "Ich habe die Vermutung, dass mindestens 25 bis 30 Fälschungen auf dem Markt sind." Aber "es muss nun erst einmal genau festgestellt werden, was Fälschungen von Immendorff überhaupt sind. Ich kenne seine Technik und sein Handwerk so genau, dass ich sehe, wenn ein Bild nicht wirklich von ihm ist. Und ich habe solche Bilder gesehen."
Was stammt vom Meister – und was vom Schüler?
Eines davon, das 1990/91 entstandene "Café de Flore", brachte die Affäre ins Rollen. Es sollte eigentlich am 5. Juni im Münchner Auktionshaus Ketterer zum Schätzpreis von 90 000 bis 120 000 Euro versteigert werden, aber als Werner es im Katalog sah, zweifelte er. Das Motiv der beißenden Gesellschaftsskizze, eine scharfkantig gemalte Karikaturenversammlung, war aus dem Immendorff-Werk zwar bekannt und die Signatur schien auch zu stimmen, aber bei genauem Vergleich wirken die Gesichter hölzern, der Raum ohne Tiefe und die Schrift nicht künstlertypisch. Werner protestierte, und Robert Ketterer nahm das Bild sofort aus der Auktion. "Rechtlich ist es als Original nicht zu beanstanden", sagt Ketterer, "wir haben die eidesstattliche Versicherung des Einlieferers, und wir haben ein Echtheitszertifikat Immendorffs. Aber wir sind überkorrekt und wollen für Aufklärung sorgen."
Wollen ist gut, müssen wäre besser. Denn wer wissentlich Kunstfälschungen als Originale verkauft, ist schadensersatzpflichtig, und das kann bei der fast unübersehbaren Menge von Immendorff-Bildern auf dem Markt teuer werden. So tauchte auch in der Düsseldorfer Außenstelle des Wiener Auktionshauses Dorotheum ein Gemälde auf, die Leiterin Petra Maria Schäpers mit Echtheitszweifeln an den Anbieter zurückgab. Und einer der Immendorff-Besitzer erwägt jetzt zu klagen. Der Münchner Jurist Wolf Gregor hatte "Café de Flore" vor nur drei Monaten für eine sechsstellige Summe vom Düsseldorfer Kunsthändler Michael Sajovitz gekauft. Dessen Bruder Ulrich hatte das Bild schon 1999 für damals 45 000 Mark direkt in Immendorffs Atelier erworben, einschließlich Expertise mit Immendorffs Äffchenstempel und Unterschrift. Von einer Fälschung, von einem Bild also, das gänzlich von fremder Hand gemalt wurde, kann man nicht sprechen. Eher von einer "signierten Kopie", einer Assistentenarbeit unter Aufsicht des Meisters. Und genau da wird es jetzt haarig.
Denn dass große Künstler malen lassen, ist nichts Neues. Schon Peter Paul Rubens, Rembrandt oder Andy Warhol ließen fremde Hände an die Pinsel, Schüler und Assistenten, die nach Schablonen und Vorgaben Bilder malten, die dann vom Meister mit Details und typischem Strich vollendet wurden. Anders war in Kunstboom-Zeiten die Nachfrage gar nicht zu bewältigen, und seit den 60er Jahren gilt der Factory-Gedanke Warhols als en vogue. Dem Satz Pablo Picassos folgend, dass "Kunst eine Lüge ist, die uns die Wahrheit erkennen lässt", wird Kunst seitdem eher als gesellschaftliche Produktion verstanden denn als Geniegeburt eines elitären Pinselstrichs. Der Originalitätsgedanke verblasste hinter der aufkommenden Markenkultur, Kunst wurde zum Statement, und die Ateliers produzieren, was der Künstler unter seinem Label herausgibt.

