Norbert Schwontkowski - Nachruf

Ungeheuerliches wird selbstverständlich

art-Autorin Sandra Danicke über den Maler Norbert Schwontkowski, der im Alter von 64 Jahren gestorben ist.

2004, da war Norbert Schwontkowski bereits 55 Jahre alt, kam jener Anruf, der ihn ins Zentrum des Kunstgeschehens katapultierte.

Bruno Brunnet war am Apparat, und Schwontkowski glaubte an ein Versehen. Doch der Leiter der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts meinte es ernst. Er wollte Schwontkowski groß rausbringen. Fortan war der gebürtige Bremer, der bis dahin fleißig, aber wenig beachtet vor sich hingearbeitet hatte, gefragt wie nie. "Auf einmal machen Leute, die ich bis dahin nur aus dem Fernseher kannte, einen Kotau vor mir", erzählte der Maler damals mit augenzwinkerndem Staunen.

Schwontkowski kam seither nur selten zur Ruhe. Immer mussten Ausstellungen bestückt und Sammlerwünsche bedient werden. Eigentlich sei er auch vorher ganz gut ausgekommen, sagte Schwontkowski, aber so sei es natürlich auch ganz schön. Es ist diese lakonische Gelassenheit, die auch seine Gemälde so besonders macht: stille, melancholische Bilder, die auf merkwürdige Weise berühren. Vielleicht hat es mit dem sanften Leuchten zu tun, das durch diverse düsteren Farbschichten aus Öl und Pigmenten hervorscheint. Womöglich liegt es auch an der Isolation und Ortlosigkeit der Menschen und Tiere, Pflanzen und Gegenstände, die häufig ganz flach auf horizontlose Hintergründe gesetzt sind, oder daran, dass sie alle ein wenig unbeholfen aussehen. "Ich male eben nicht nach Fotos, ich male nach meiner inneren Empfindung", erklärte Schwontkowski, wenn man ihn danach fragte.

Die Motive zeigen auf den ersten Blick nichts wirklich Besonderes: Straßenlaternen, Füße in Badelatschen, ein Mönch im Waschsalon. Lapidare Beobachtungen, die durch dezente Verschiebungen ins Groteske kippen, genau wie die absurden Geschichten des russischen Schriftstellers Daniil Charms, die Schwontkowski so schätzte, weil sie die existentiellen menschlichen Fragen mit hintergründiger Ironie verhandeln.

Auch bei Schwontkowski geschieht das Ungeheuerliche auf selbstverständliche Weise: Ein Räuber überfällt eine Leichenhalle, eine Buddhafigur setzt mit vier Fingern im Mund zum Pfiff an, ein Passagierflugzeug landet hinter einem Elch im Wald. Die Ideen für seine Motive kamen ihm häufig im Halbschlaf oder im Zug. Meist sind es lapidare, oft eigentlich belanglos anmutende Einfälle, die in ihrer Umsetzung dann eine magische Wirkung entfalten. Ein Mann, der in Shorts vor dem geöffneten Bosch-Kühlschrank steht, ist ja im Grunde nicht Ungewöhnliches. Dass der Kühlschrank den gleichen Namen trägt wie Hieronymus Bosch, der niederländische Maler aus dem 15. Jahrhundert, und als Hinweis auf dessen absurde Bildwelten gedacht ist, muss man als Betrachter nicht unbedingt bemerken, um das Bild trotzdem als geheimnisvoll zu empfinden. Der Bildtitel, mit dem der Künstler wie stets "einen bestimmten Klang verstärken" wollte, tut ein Übriges: "Die Kälte des Weltalls". Norbert Schwontkowski hatte einen subtilen Sinn für Humor. Sein später Erfolg hat ihn nicht verändert. "Jede gute Geschichte ist ein Drama", glaubte der Maler, "der Abgrund muss immer zu spüren sein." Am 14. Juni starb Norbert Schwontkowski im Alter von 64 Jahren in seiner Heimatstadt Bremen an Krebs.