Ronald Lauder - Raubkunst

Deutsche Museen sind auch ohne Raubkunst großartig!

Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress und New Yorker Kunstsammler, übte in Berlin scharfe Kritik an Deutschlands Umgang mit NS-Raubkunst.
Brandrede:Ronald Lauder kritisiert Umgang mit NS-Raubkunst

Ronald Lauder bei seiner Rede in Berlin

Ein Vortragsabend wie ein Gewitterhagel. Noch Stunden später klingen einem scharfkantige Sätze in den Ohren, Ermahnungen wie "das einzige Land, das seinen Job noch nicht erledigt hat, ist Deutschland – es ist eine Schande!". Ronald S. Lauder (Jahrgang 1944), Präsident des World Jewish Congress und Spross der Kosmetik-Dynastie Estée Lauder, war in die Stiftung Topographie des Terrors nach Kreuzberg gekommen, um nach dem Gurlitt-Bilderfund über "Deutschlands Umgang mit der Raubkunst" zu sprechen. Der Saal war bis zum Bersten mit Experten, Kulturpolitikern und Journalisten gefüllt. Dass es auch für die mit Kunstrestitution befassten Anwesenden Amtsträger wie Ingeborg Berggreen-Merkel (Leiterin der Taskforce zum Schwabinger Kunstfund) und Jutta Limbach (Vorsitzende der Limbach-Kommission) keine unbedingt angenehme Informationsstunde werden würde, war abzusehen. Weder habe die lediglich beratende und empfehlende Limbach-Kommission eine ausgesprochene Macht noch sei die verspätet eingesetzte Taskforce zum Schwabinger Kunstfund adäquat international besetzt, monierte Lauder. Stattdessen forderte er eine übergeordnete internationale Kommission: "Ich schlage deshalb vor, dass auf der Grundlage der Washingtoner Erklärung von der Bundesregierung und den Ländern eine Kommission eingesetzt wird. Eine solche Zusatzerklärung würde eine Überprüfung von Sammlungen in staatlichem oder Museumsbesitz möglich machen, sofern Ansprüche geltend gemacht werden."

Eingeladen hatte Julius H. Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums. In seinen einführenden Worten umriss er das juristische wie moralische Dilemma gerade nach dem immer noch unglaublichen Raubkunst-Fund bei Cornelius Gurlitt. Das von Deutschland mitunterzeichnete Washingtoner Abkommen von 1998 habe sich als "Soft Law" erwiesen, weil es keine rechtlich verbindliche Übereinkunft besitze, dass von den Nazis verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut aufzufinden und zurückzugeben sei. "Zu Recht wird kritisiert, dass man gegen einen Privatmann in aller Härte vorgeht, aber bei den Museen zurückhaltend agiert." Man zweifle bisweilen an dem ernsthaften Willen Deutschlands, NS-Raubkunst in Museen zur Gänze identifizieren zu wollen. Und Schoeps erinnert an die Restitution des berühmten Kirchner-Gemäldes "Berliner Straßenszene" vor Jahren, als der Leiter eines großen deutschen Auktionshaus mit seinem in jeder Hinsicht erbärmlichen Kommentar "Sie sagen Holocaust und meinen Geld" für unvergessene Schlagzeilen sorgte. Schoeps äußerte sich sehr differenziert und sagte, gerade im Hinblick auf die Debatte um den Welfenschatz, dass jeder potentielle Restitutionsfall anders gelagert und in der Regel sehr kompliziert sei.

Ronald Lauder hatte 2006 durch die spektakuläre Ersteigerung des österreichischen NS-Raubkunst-Gemäldes "Adele Bloch Bauer I" von Gustav Klimt (135 Millionen Dollar) Furore in der Kunstwelt gemacht. Sein Vortrag in Berlin war ebenso dezidiert wie unerbittlich. Es sei natürlich ein unerträglicher Missstand, wenn heute noch Museen in Deutschland wissentlich von den Nazis geraubte Kunst in ihrem Besitz hätten, sich vor allem aber deswegen ruhig stellen könnten, weil bislang keine Ansprüche auf die Objekte erhoben worden seien." "Deutsche Museen brauchen keine Raubkunst, um großartig zu sein! Sie sind es auch ohne sie." Es dürfe auch bei Verbrechen des 2. Weltkriegs generell keine Verjährungsfristen geben, im Fall der Raubkunst müsse Deutschland eine Gesetzesänderung herbeiführen. Lauder erzählte, wie er vor einigen Jahren zufällig bei einem Besuch in dem Büro einer deutschen Regierungsbehörde an der Wand ein NS-Raubgemälde entdeckt und dazu geschwiegen habe, aber vor lauter peinlicher Betretenheit sich kaum mehr auf das Gespräch hätte konzentrieren können. "Raubkunst findet sich überall", sagt er. "Sie hängt in Regierungsbüros, in Museen und privaten Sammlungen." Man könne den Opfern des Holocaust respektive ihren Nachfahren nicht abverlangen, dass sie selbst Tausende von Sammlungen auf der Suche nach ihrer Familie entwendeter Kunst durchforsten. Und er findet einen plastischen Vergleich aus dem kriminellen Alltag unserer Zeit: "Wenn Ihr Auto gestohlen wird, ist es doch nicht Ihre Pflicht, in jeder Werkstatt, bei jedem Gebrauchtwarenhändler und auf jeder Straße des Landes nachzusehen, ob es vielleicht auffindbar ist. Und wenn jemand dem Dieb ihr gestohlenes Auto deutlich unter Marktwert abkauft, oder es als Geschenk annimmt, ohne nachzufragen, dann sollte er Grund zur Annahme haben, dass es gestohlen wurde."

Manche Standpunkte von Lauder mögen mit Bedacht überzogen gewesen sein, man spürte den deutlichen Willen durch radikale Zuspitzungen größeren Druck in die tatsächlich nach wie vor schleppende Restitutionsbereitschaft zu bringen. So plädierte er in der anschließenden Diskussion, dass in einem Museum aufgespürtes NS-Raubgut auch dann in eine öffentliche Auktion gegeben werden müsse, wenn keine Erben ausfindig gemacht werden könnten. Die Erlöse sollten dann zu 50 Prozent nach Israel und zu 50 Prozent an die jüdischen Gemeinden in Deutschland gehen. Ob mit dieser gießkannenmäßigen Ausschüttung von Geld tatsächlich das mörderische Unrecht an den jüdischen Verfolgten des Nazireichs partiell abgegolten werden kann, mag bezweifelt werden. In erster Linie davon profitieren dürften die Auktionshäuser. Von dem kulturhistorischen Wert der NS-Raubkunst war an dem Abend ohnehin nie die Rede. Lauder stand am Donnerstagabend nicht als der Kunstsammler und Vorsitzender des Komitees des New Yorker Museum of Modern Art auf der Rednertribüne, sondern alleinig als führender Repräsentant des World Jewish Congress. Zweifelsohne hatte er Recht mit dem Aussage, dass die von einem Museum selbst eingesetzten Provenienzforscher meist in enger Beziehung zu diesem stünden, mitunter über historische Ungereimtheiten des Kunsterwerbs hinwegsehen würden und deshalb eine effiziente internationale Kommission einberufen werden müsse: "Lokale Experten tendieren immer dazu, lokal auf diese Dinge zu schauen." Das ist wohl wahr. Und an diesem heiklen Punkt sollte man wohl in Zukunft als Erstes rütteln. Monika Grütters, die neue Staatsministerin für Kultur und Medien, hat dafür schon den Weg geebnet. Vor vier Tagen kündete sie bei der Vorstellung ihres Programms im Deutschen Bundestag an, dass sie ein Zentrum für die Suche nach NS-Raubgut schaffen wolle.

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