Terry Richardson - Protest

Richardson in Trouble

Terry Richardson ist Fotograf aus Leidenschaft. Den neuesten Vorwürfen nach zu urteilen, insbesondere aus Leidenschaft für seine weiblichen Nude-Models. Mehrere junge Frauen greifen den Porn-Chic-Star an, er habe sie während seiner Shootings zu sexuellen Handlungen gezwungen.
Neue Anschuldigungen:Ex-Models

Terry Richardson – die amerikanische Vogue will nicht mehr mit ihm arbeiten

Ein Screenshot auf Instagram brachte das Fass zum Überlaufen: Das britische Model Emma Appleton postete auf ihrer Seite eine Nachricht aus dem Facebook-Messenger, in der ihr angeblich Star-Fotograf Terry Richardson ein Foto-Shooting für die amerikanische Vogue anbot – gegen Sex. Obwohl Richardson den Screenshot schnell als Fälschung bezeichnete, distanzierte sich die amerikanische Vogue von Richardson. Hildy Kuryk, PR-Chefin der Vogue sagte: "Das letzte Shooting von Terry Richardson ist in der Juli-Ausgabe 2010 erschienen und wir beabsichtigen nicht, ihn weiterhin zu buchen." Der Grund für die Trennung von Richardson? Der Vorwurf von Emma Appleton ist nur der letzte in einer langen Reihe. Gerade in den letzten Wochen hat die Diskussion über Richardsons Verhalten neue Schärfe erhalten.

Terry Richardson ist einer der bekanntesten Fotografen im Mode- und Starbusiness. Provokante Mode- und Porträtfotos machten ihn berühmt und zum bekanntesten Vertreter des Porn-Chic. Terry Richardson holt junge, weibliche Models für explizite, und Stars für ein bisschen provokante Bilder vor seine Kamera. Dabei gilt für fast alle Fotos: Je weniger Kleidung die Models tragen, desto mehr sieht man von Richardsons Penis. Diesen und seinen nackten, mit Tattoos übersäten Körper hält der nerdige US-Amerikaner gern in die Kamera. Porträtiert er Stars, dann sind diese – Barack Obama mal ausgelassen – meist nur leicht bekleidet, manche barbusig. Die Popsängerin Miley Cyrus setzte er gänzlich entblößt auf ihren "Wrecking Ball" – das Video machte schnell Furore.

Klar, dass bei so viel Brüsten, Penissen und Hintern der Gedanke an Sex nicht weit ist. Und weil seine Fotografien frech aber auch ästhetisch interessant sind, wurden Terry Richardsons Arbeiten schnell als Kunst betrachtet. Mit einer Serie für das Modehaus Sisley gelang ihm der erste Schritt zum Ruhm. Er schockte, fiel auf und nutzte das Momentum für seine Karriere bis hin zur Solo-Ausstellung in Los Angeles‘ OHWOHW-Galerie 2012. Doch schon seit 2004 kursieren immer wieder Vorwürfe, dass der Typ mit großer Brille, Bart und notorischem Karohemd seine Nacktmodels zu sexuellen Handlungen zwinge.

Bisher tauchten diese Aussagen vereinzelt auf und verschwanden bald wieder, ignoriert von der Mode- und Kunstindustrie – obwohl auch Supermodels wie Coco Rocha und Rie Rasmussen ihre schlechten Erfahrungen mit Richardson äußerten. Richardson selbst schwieg zu den Anschuldigungen. Die Branche verehrt ihn entgegen aller Kritik immer noch. Allen voran der ehemalige Direktor des MoCa, Jeffrey Deitch. Nun aber melden sich gleich mehrere Models zu Wort, die in der Vergangenheit mit Richardson gearbeitet haben. Er habe ihr den Hintern abgeleckt, beim Masturbieren ins Gesicht gespritzt und verlangt, "seine Eier zu drücken, so hart wie ich kann", erzählt die 24-jährige Charlotte Waters dem News-Netzwerk Vocativ. Mit 19 posierte sie nackt für Richardson. Andere junge Frauen bestätigen die Vorwürfe und berichten von Richardsons Einstellung, Sex sei für eine Model-Karriere unvermeidlich.

Vocativ hatte nur wenige Tage zuvor eine Timeline veröffentlicht, die die sexuellen Ausraster des Sonderlings mit angeblich perversen Neigungen auflistet. Sie liest sich fast wie die Akte eines Sexualstraftäters. Rechtfertigen Talent, Erfolg und Geld etwa, dass junge Models auf der Suche nach dem persönlichen Karriereglück ausgenutzt werden?

Das Provokativ-Sexuelle an Richardsons Bildern spricht eine breite Masse an. Auch das Model Charlotte Waters gab als Motivation für ihr Shooting an, zwar provozierende Kunst zu mögen, aber die Grenze zur sexuellen Handlung sei doch sehr fein. Wo genau verläuft sie? Wie kann man sie erkennen? Und wie nah liegen Aktfotografie und Sex beieinander?

Diskussion und Aussagen der missbrauchten Models verbreiteten sich im Internet. Weitere Frauen meldeten sich, verstärkten die Vorwürfe und zerstören so mehr und mehr Richardsons Ruf. Die neue Welle der Empörung befeuert auch eine Petition, die auf change.org läuft. "Große Marken" werden darum gebeten, Terry Richardson nicht mehr als Fotografen zu buchen. Über 32 000 Unterstützer haben bereits unterschrieben. H&M äußerte sich daraufhin: "Wenn diese Vorwürfe stimmen, ist das für uns absolut nicht akzeptabel. Wir arbeiten aber zur Zeit nicht mit Terry Richardson zusammen."

Terry Richardson selbst verwies als Antwort auf eine Anfrage von art auf sein im März veröffentlichtes Statement in der "Huffington Post" mit dem Titel "Die Gerüchte korrigieren". Richardson schreibt darin, dass er es bislang für besser hielt, nichts zu sagen. Nun erwiderte er aber gegen die "üble Nachrede": "Ich habe mit erwachsenen Frauen gearbeitet, die zugestimmt haben. Ihnen war die Art der Arbeit bewusst, und so wie bei jedem Projekt haben alle die Bildrechte freigegeben. Ich habe nie ein Arbeitsangebot oder eine Drohung mit Ablehnung dazu benutzt, um jemand zu etwas zu zwingen, das sie nicht wollten." Richardson streitet die Vorfälle also nicht ab, sondern versucht sie als freie Entscheidung von Erwachsenen zu beschreiben. Wenn man aber das komplette Interview mit Ex-Model Charlotte Waters gelesen hat, versteht man sehr genau, dass die Zustimmung für ein Nackt-Shooting eben nicht die Zustimmung zum Sex war – sofern die Angaben von Waters korrekt sind. In dem Interview wird deutlich, warum Waters keine Strafanzeige stellte. Das Foto-Shooting passierte in einer Grauzone: Eine Atmosphäre der Entgrenzung ist Teil von Richardsons Ästhetik und Arbeitsweise. Richardson nutzte in dieser Atmosphäre seine Machtposition als erfolgreicher Fotograf aus. Aber gerade diesen Zusammenhang begreift er selbst nicht.

Es ist kein Zufall, dass die Kritik an Richardson jetzt wieder hochkocht, sie ist Teil der großen "vierten Welle des Feminismus". Die britische Journalistin Kira Cochrane verwendet diese Bezeichnung im Guardian für den Online-Kampf gegen Sexismus und Vergewaltigungen. Die erste Welle kämpfte für das Frauenwahlrecht, die Zweite für das Recht auf Abtreibung und die Dritte gegen den Trend zum Antifeminismus – war gleichzeitig aber auch ein Generationswechsel. Zur vierten Welle nun zählt Cochrane vor allem Feministinnen wie Laura Bates, die anderen Frauen mit "the everyday sexism project" eine Plattform gibt, selbsterlebten Sexismus öffentlich zu machen. Und auch die #Aufschrei-Kampagne auf Twitter gehört dazu. Die Ironie der Diskussion um Terry Richardson liegt darin, dass ausgerechnet der Fotograf, der die Ästhetik von Internet-Pornos und des Sexting mit dem Smartphone berühmt gemacht hat, von der gleichen Technologie überrollt wird. Die Zeiten, in denen große Regisseure und Künstler ungestraft junge Frauen auf die Besetzungscouch drängen konnten, sind vorbei. Die jungen Frauen können sich im Internet zu Wort melden – und auch wenn die großen Modemagazine sie ignorieren, werden sie dennoch gehört.