Jan Hoet - Marta Herford

In engstem Kontakt mit Geisteskranken

Nach sieben Jahren verabschiedet sich der belgische Kurator Jan Hoet aus Herford und übergibt sein Erbe an den jungen Nachfolger Roland Nachtigäller. Seine letzte Ausstellung heißt "Loss of Control" und zeigt neben Außenseitern und Grenzgängern vor allem eins: die Handschrift ihres Kurators. Im art-Interview spricht der 72-jährige über Täter und Opfer des Kunstbetriebs und seine Pläne für die Zukunft. Denn aufhören will er noch lange nicht.

Herr Hoet, aus welcher Motivation heraus ist Ihre letzte Ausstellung im Marta entstanden?

Jan Hoet: Ich habe an meine erste Ausstellung "Private Heroes" im Marta zurückgedacht. Diese war eine Kombination aus meinen privaten künstlerischen Vorlieben und dem Heldenbegriff des Künstlers. Dabei wurde jedoch nicht außer Acht gelassen, dass der Künstler immer zugleich Täter und Opfer ist. Auch Verletzbarkeit und gesellschaftliche Isolierung sind wichtige Symptome eines als Held bestimmten Künstlers. Bjarne Melgaard, dessen erste Ausstellung im Marta zensiert wurde, habe ich damals als teuflischen Helden des Bösen gezeigt, und seine Werke finden auch Platz in der aktuellen Ausstellung. Ich wollte mit "Loss of Control" einen Bogen zum Anfang spannen.

Kunst von Außenseitern und Grenzgängern ist Ihnen schon durch Ihre Kindheit vertraut. Ihr Vater war Psychiater und Kunstsammler. In jeder Ihrer Ausstellungen wird diese Selbstreflexion spürbar. Welcher persönliche Bezug steckt diesmal dahinter?

Diese Ausstellung ist teilweise auch autobiografisch, weil ich in genau diesem Milieu aufgewachsen bin. Ich stand immer in engstem Kontakt mit Außenseitern und Geisteskranken, die wie Geschwister mit uns aufgezogen wurden. In meiner Familie lebten neben sieben Kindern auch immer mindestens fünf Patienten, die meine Eltern bei sich aufnahmen. Wir sprachen damals viel über die Verrückten als gesunde andere und versuchten die Gegengewichte in eine Balance zu bringen. In der Ausstellung habe ich dieses gesellschaftliche Problem aufgegriffen und die Frage gestellt, wie die Gesellschaft Alternativen gegenüber steht. Künstlerische, sexuelle und erotische Alternativen, Psychopathologie, gesellschaftliche Tabus – all dies wollte ich hervorbringen. Aber ich wollte die Ausstellung auch mit einem historischen Rückblick fundieren. Mit Félicien Rops wollte ich einen Künstler in den Mittelpunkt stellen, der sich eben auch für die pathologischen Aspekte des Menschen interessierte, für verkrampfte Haltungen und verspannte Gesichter, für die Studien des Pariser Psychiaters Jean-Martin Charcot, der die Symptome von Epilepsie, Schizophrenie, Hysterie und Lethargie untersuchte und Psychosen erstmals in diesen Kategorien unterteilt hat. Wie Charcot, der sich meist Frauen für seine Fallstudien suchte, hat sich auch Félicien Rops fast ausschließlich dem weiblichen Geschlecht angenommen. Er hingegen personalisierte und subjektivierte seine Haltung gegenüber dem Modell, weil die Frauen, die er porträtierte auch immer seine Freundinnen waren. Außerdem revolutionierte er die Verhältnisse, indem er zum Beispiel wider Erwarten eine ans Kreuz genagelte Frau zeigte.

Trotz der häufigen Darstellung gebrochener Frauen, wie Prostituierten, war dennoch sein Verhältnis zu Frauen ein sehr respektvolles?

Ja, die Frau triumphiert! Aber sie ist auch Täter und Opfer.

Wo sehen Sie sich in Ihrer Position als Kurator? Auch als Grenzgänger und Einzelkämpfer für die Kunst?

Ich denke, ja. Zum Beispiel gibt es in der Kunst unglaublich viele Modeerscheinungen, die immer bestimmt sind durch die Ikonen des Verkaufs und der Marktsysteme.

Denken Sie da an sehr erfolgreiche Künstler wie Jeff Koons oder Damien Hirst?

Ja, zum Beispiel. Ich finde natürlich Hirst besser als Koons, weil dieser in eine Historie eingebettet ist, sich auch mit Vergänglichkeit und Banalität auseinandersetzt. Seine Kunst ist Ergebnis einer Reflexion, die kraftvoll die Gesellschaft widerspiegelt. Über Jeff Koons kann man das nicht sagen. Seine Kunst ist purer Kaufmarkt. Deswegen will ich das Register von Kunst immer so breit wie möglich aufspannen, so dass die Leute dadurch vielleicht verwirrt sind, aber auch autonom versuchen, die Herausforderungen anzunehmen, die die Kunst an sie stellt.

Vielfach wurden Sie von der Stadt Herford für die hohen Ausgaben und den Mangel an didaktischen Überblicksausstellungen kritisiert. Inwiefern kann man den Titel der Ausstellung "Loss of Control" in dieser Hinsicht deuten? Hatten Sie in den vielen Jahren Marta irgendwann das Gefühl, die Unterstützung zu verlieren?

Sehr oft. Ich befürchte, sagen zu müssen, dass meine Krankheiten damit zu tun haben. Aber als Ausstellungsmacher kann man auch diese Dinge als Opfer sehen. Ich habe das auch immer so gewollt und schließlich haben wir es überlebt. Das Marta hat sich etabliert, weil das Konzept von der Verbindung von Kunst, Design und Architektur akzeptiert und weitergeführt wird. Ich weiß, dass mein Nachfolger auch danach strebt, Spannungsverhältnisse aufrechtzuerhalten. Das Team ist nun auch endlich organischer aufgebaut. Es gibt keine Spaltung mehr zwischen Verwaltung und künstlerischer Leitung. Es war von Anfang an schwierig, das Konzept durchzusetzen, denn schließlich plante die Stadt, die Räumlichkeiten für ein Möbelhaus zu nutzen. Ich konnte aber kein Museum der Möbelbranche realisieren. Ein Museum soll kein Schaufenster, sondern ein Motor sein, der Designideen liefert.

Wie stehen Sie zu den heutigen kapitalistischen Wertmaßstäben des Kunstbetriebs?

Antikapitalistisch kann man nicht sein, denn schließlich ist man Teil davon. Die Kunst ist immer auch geprägt von den Entwicklungen des Kapitalismus. Damals hatte man noch den Kommunismus, der dem entgegenstand, das war eine unglaubliche Spaltung. Der Kapitalismus gab der Kunst allerdings die Möglichkeit, auch ökonomisch weiter zu existieren. Aber man kann den Kapitalismus in Frage stellen. Wenn ich sehe, dass die ganze Welt durch Manager regiert wird, die ihr Produkt gar nicht kennen und keine Beziehung zu dem haben, was sie verkaufen, dann weiß ich: Es muss sich auf jeden Fall etwas ändern.

Wird die Finanzkrise den Kunstmarkt beeinflussen?

Ich glaube, dass wir dadurch mal wieder mit den Füßen auf den Boden gelangen. Das finde ich nicht schlecht. Alles nimmt so wieder normale Proportionen an.

Sind Sie froh, nun wieder freier arbeiten zu können und nicht mehr auf die Gelder der Stadt Herford angewiesen zu sein?

Ja, sicher. Aber wissen Sie, ich habe hier nun sieben Jahre gearbeitet. Das Leben ändert sich gewöhnlich immer in Sprüngen von sieben Jahren und die sind nun abgeschlossen. Jetzt kann ich es beruhigt in die Hände eines jüngeren Mannes überreichen, der nicht mit denselben Widerständen zu kämpfen hat. Alles ist vorbereitet. Nicht im Sinne von Bush und Obama. (lacht) Der hat ein weniger gutes Erbe!

Was versprechen Sie sich von Ihrem Nachfolger Roland Nachtigäller, der einen ganz anderen Typ Ausstellungsmacher repräsentiert.

Er ist viel formaler. Er ist ja auch deutsch, deshalb geradliniger, nicht zerstörend. Aber es gibt eine Brückenperiode, in der ich bestimmte Projekte begleite. Zum Beispiel habe ich für nächstes Jahr Pläne mit dem belgischen Kurator Max Borka geschmiedet, der eine Ausstellung über Design in Deutschland realisiert. Das wird eine etwas provokative Ausstellung werden, in der nicht nur ins Schaufenster gestellt wird, was gerade in Deutschland produziert wird.

Und was sind weitere Pläne für die Brückenperiode im Marta?

Ich habe noch eine Ausstellung mit Werken von Dennis Oppenheim und Paolo Chiasera geplant und danach soll die Sammlung Marta präsentiert werden, die über die Zeit ständig erweitert wurde.

Und Ihre persönlichen Pläne unabhängig vom Marta?

In einem Wort: Freelance. Ich habe verschiedene Pläne, aber ich möchte einfach auch wieder frei kuratieren. Eine Institution fordert eine unglaubliche Aufmerksamkeit für jeden, von der Putzfrau bis zur Küchenkraft. Ich bin ja schließlich fast 73 Jahre alt. Das schafft Abhängigkeiten, die man als Freelancer nicht hat.

Können Sie schon Genaueres zu ihren Freelance-Plänen sagen?

Für 2009 habe ich bekanntlich ein Kunstprojekt geplant, das in Osnabrück anlässlich der 2000 Jahre zurückliegenden Varusschlacht, stattfindet. Ich habe es gerne in Angriff genommen, weil ich nun lange in Deutschland gearbeitet habe, die Geschichte des Landes auch hinreichend kenne, und dennoch ist eines dabei wichtig: Ich bin ein Ausländer. Denn wenn dieses Projekt von einem Deutschen realisiert würde, liefe man Gefahr, in direkter Referenz zur germanischen Mythologie zu handeln. Ich hingegen kann das Ganze mit Distanz betrachten. Ich denke, es ist eine interessante Periode der Geschichte, die die Spaltung in Europa zwischen der lateinischen, protestantischen und der orthodoxen Kultur seit dem Jahr 9 nach Christus aufzeigt. Ich präsentiere 20 Künstler aus 13 verschiedenen Ländern, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und sich inspirieren lassen. Ferner habe ich vor, eine Stuttgarter Galerie umzugestalten und darin neue wichtige Künstler präsentieren sowie weitere Ausstellungen im Ausland, zum Beispiel in Italien und in Frankreich, zu realisieren.

"Loss of Control"

Termin: bis zum 25. Januar 2009, Marta, Goebenstraße 4–10, Herford.
http://www.marta-herford.de