Konstfack-Skandal - Stockholm

Die Schere im Kopf

Die Stockholmer Kunsthochschule Konstfack fürchtet, dass das Werk einer Studentin ein juristisches Nachspiel haben könnte und schließt es von der Examensausstellung aus. Jetzt tobt in Schweden eine Debatte um Zensur, Kunstfreiheit und die Rolle der Hochschulleitung.
Schere im Kopf:Debatte um Kunstfreiheit in Stockholm

Nug, ein Student der Stockholmer Kunsthochschule Konstfack, während einer Graffiti-Aktion in einer U-Bahn

Eigentlich macht Magdalena Nordin nur, was viele Künstler tun: Collagen. Sie bedient sich bei den Medien und verfremdet das dort gefundene Material für ihr Werk. In ihrer Version der Werbung für das Calvin-Klein-Parfum "Euphoria" etwa wird der Mann auf dem Foto nicht von einer Frau leidenschaftlich auf die Backe geküsst, sondern erhält diese Art von Nahkontakt an seinem Geschlecht.

Lustig, kritisch und in etwa das, was die deutsche Satirezeitschrift "Titanic" seit Jahren in der Serie "Keine Anzeige" verkauft. In eine andere Arbeit lässt Nordin Musik und Bild von einem Musikvideo einfließen und mixt diese mit einem Sexfilm. Wie das Werk genau aussieht, ist nicht bekannt. Denn aus Nordins Plan, es öffentlich zu machen und auf der Examensausstellung ihres Jahrgangs im Mai zu zeigen, wird nichts.

Ihre Kunsthochschule, die Stockholmer Konstfack, hat es ihr verboten. "Das Werk verstößt gegen das Urheberrecht", heißt es seitens der Schulleitung. Solche Beschlüsse mögen an den besten Kunsthochschulen vorkommen. Doch der Entscheid der Konstfack wird in schwedischen Kunstkreisen als feige und übersensibel angesehen. Ist es doch unter gewissen Umständen durchaus zulässig, urheberrechtsgeschütztes Material zu verarbeiten. In Schweden kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Schulleitung übervorsichtig ist und kein Wagnis mehr eingehen möchte. Denn in den vergangenen Monaten hat es zwei Fälle gegeben, wo Arbeiten von Studenten ein juristisches Nachspiel hatten. Eine Wiederholung will man vermeiden und lässt nun wohl die Schere im Kopf zum Einsatz kommen. "Opportunismus", wirft Clemens Poellinger, Kulturredakteur der Zeitung Svenska Dagbladet, Konstfack-Rektor Ivar Björkman deshalb vor.

Die Aktion von Nug: "Territorial Pissing"

Björkman hat wohl Angst, sich wieder vor Politikern, Feinden der staatlichen Kunstförderung und auch kunstinteressierten Kreisen rechtfertigen zu müssen. Das hat er dieses Jahr nämlich schon zweimal tun müssen. Vor diesem Hintergrund muss seine jetzige Entscheidung gesehen werden. Im Januar arbeitete die Konstfack-Studentin Anna Odell an ihrer Examensarbeit, die die Behandlung psychisch kranker Personen in Schweden thematisieren sollte. Um die Arbeit zu produzieren, ließ sich Odell selber in eine Klinik fahren. Doch nicht etwa als Künstlerin, die inspizieren oder ein paar Aufnahmen machen möchte, sondern als Patientin. Odell nämlich stellte sich auf eine Brücke und gab vor, Selbstmord begehen zu wollen. Passanten sorgten dafür, dass sie eingeliefert wurde. Erst nachdem sie behandelt worden war, gab Odell sich als schauspielernde Künstlerin zu erkennen. Nun soll sie für die Behandlungskosten aufkommen und muss sich womöglich vor Gericht erklären.

Gefundenes Fressen für die ultraliberalen Kritiker

Wochenlang bestimmte der Fall Odell die Diskussion in den schwedischen Feuilletons. Er war gefundenes Fressen für die ultraliberalen Kritiker der staatlichen Kunstförderung sowie jene Kreise, die Kunst zwar schätzen mögen, aber mit vielem Zeitgenössischen nichts anfangen können. Kurz, Odells Auftreten hat der Kunst und dem Ansehen ihrer Hochschule Probleme bereitet. Sicher nicht ganz zu unrecht, doch nur wegen des Werks einer Studentin die ganze Institution und staatliche Finanzierung in Frage zu stellen, ist scheinheilig. Hier wurde nur ein Anlass gesucht, eine unbequeme und manchen unverständliche Kunst im Allgemeinen anzugreifen.

Dieser Anlass sollte sich nur wenig später erneut ergeben. Auf der Stockholmer Kunstmesse "Market" zeigte im Februar dann nämlich einer von Odells Kommilitonen ein Video, in dem er dokumentiert, wie er einen U-Bahn Wagen mit Graffiti besprüht. Die noch nicht wirklich abgeklungene Diskussion wurde von neuem entfacht. Verständlich, dass die Leitung der Konstfack auf so etwas nicht noch einmal Lust hat. Deshalb war man besonders sensibel als es in diesem Jahr darum ging zu überlegen, ob Abschlussarbeiten womöglich juristische Probleme bereiten könnten. Und Nordins Werk kann Probleme bereiten, urteilte der von der Schule befragte Jurist. Bereits zuvor hatte der Rektor der Hochschule angekündigt einen Ethikrat aus Professoren, Studenten und externen Experten einzusetzen. Was der genau machen soll, ist allerdings unklar.

Fest steht, Nordin muss nun ein anderes Werk zeigen. Ohne es gesehen zu haben, ist schwer nachzuprüfen, ob es tatsächlich das Urheberrecht verletzt. Nordins Arbeit als reine Vorsichtsmaßnahme nicht publik machen zu wollen, bleibt eine fragwürdige Entscheidung. Wie oft in solchen Fällen, mag die Künstlerin dennoch profitieren. Denn wer hätte sonst in diesen Tagen von Magdalena Nordin gehört?

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