E-Flux - Kollektive Kreativität

Das mächtigte Netzwerk der Kunstwelt

art porträtiert die spannendsten Akteure kollektiver Kreativität. Das Netzwerk e-flux hat von Berlin und New York aus zehntausende von Künstler aus aller Welt zusammengebracht.
Das mächtigste Netzwerk der Welt:das Kollektiv produziert rund um die Welt Kunst

Julieta Aranda, Mitgründerin von e-flux in ihrem Berliner Atelier

"Wo sind meine Millionen?", sagt Julieta Aranda. "Und wo ist meine Yacht?" Die mexikanische Künstlerin lacht. Sie steht auf Platz 21 der Liste der mächtigsten Menschen der Kunstwelt, der "Power 100" des amerikanischen Magazins "Art Review".

Aranda liegt damit weit vor Milliardären wie Bernard Arnault (Platz 31) oder Dasha Zhukova (86). Dennoch ist ihr Atelier ein unscheinbarer Laden im Prenzlauer Berg, provisorisch eingerichtet, und sie teilt es sich mit einer Freundin. Ihren Platz ganz weit oben hat sie nicht für Rekordpreise ihrer Werke erlangt, sondern weil sie gemeinsam mit den Künstlern Anton Vidokle und Brian Kuan Wood den Email-Newsletter E-flux herausgibt.

E-flux wird von über 90 000 Künstlern und Kuratoren weltweit gelesen und kündigt von Ausstellungen über Künstleraufenthalte bis zu Jobangeboten alles an, was die Kunstwelt interessiert. "Ich sehe unseren Platz so weit oben auf der Power 100 als Ausdruck des Respekts für unsere Arbeit", erklärt sie. E-flux startete nach einer per Email organisierten Künstlerparty in einem Holiday Inn in Chinatown 1998 – als Email noch so neu war wie die Google-Brille heute. Nach dem Erfolg der Party – Ernesto Neto brachte morgens um vier eine Kiste mit mehr Wein – blieb die Motivation, per Email der Kunst zu Aufmerksamkeit zu verhelfen, die nicht in den Zentren von Kapital und Macht wie New York, London, Paris oder Berlin entsteht. "Wer bekommt das Mikrofon? Diese Frage stand für uns am Anfang", erzählt Aranda. Auch heute im 14. Jahr zahlen kleine Institutionen und Projekte wenig, die großen viel, um im Newsletter zu erscheinen. Vom Guggenheim bis zur Art Basel nutzen auch die großen Häuser E-flux, gerade sucht die Tate St. Ives einen neuen künstlerischen Direktor.

E-flux wäre aber nicht so spannend, wenn das Kollektiv neben den "Announcements" nicht auch Kunst machen würde. Neben einer ganzen Reihe von gemeinsamen Projekten wie der Mini-Kunstakademie United Nations Plaza in Berlin oder der Videothek für Videokunst, dem Video Rental Service, ist "Time/Bank" wohl das wichtigste Kollektivwerk. 2012 eröffneten sie eine Filiale der "Time/Bank" bei der documenta 13 im Ständehaus von Kassel. Die Zeitbank ist eine Alternativwährung, bei der man Zeit gegen Kunst tauschen kann – das Konzept der Zeitbank stammt vom Anarchisten Josiah Warren, der 1827 den "Cincinnati Time Store" eröffnete. Dort konnte man eine Arbeitsstunde gegen zwölf Pfund Mais eintauschen. Im Kunstzentrum Stroom in Den Haag war die "Time/Bank" so erfolgreich, dass man eine eigene Sektion gründete: Nach den drastischen Kürzungen der Kunstförderung 2010 war der Tausch von Zeit eine Antwort auf die Finanzkrise. Jeder kann mitmachen, es gibt keine Trennung mehr: hier der Künstler, dort das Publikum. Time/Bank ist gerade durch das künstlerische Netzwerk dahinter und die kreative Kompetenz wohl die einzige Alternativwährung, die das Potenzial hat, zu einer weltweiten Marke zu reifen. Wenn e-flux das wollen – die Diskussion läuft.

Mehr über kreative Kollektive lesen Sie in der Dezember-Ausgabe von art