Festival Arte Contemporanea - Faenza

Aufmarsch der Experten

Das beschauliche Städtchen Faenza, zwischen Rimini und Bologna gelegen, hat es in nur zwei Jahren zum Mekka der internationalen Kunstwelt geschafft. Sein "Festival Arte Contemporanea" lockte in diesem Jahr 15 000 Besucher an. Drei Tage lang konnte man sich durch ein dichtes Programm von Vorträgen und Diskussionsrunden arbeiten, die über die Stadt verstreut im Keramik-Museum, in alten Palazzi und im Theater stattfanden. Kunstwerke gab es keine zu sehen. Das Festival ist lediglich ein Ort der Reflexion über die Kunst.
Ein Kunstfestival ohne Kunst:Kuratoren diskutieren über Biennalen

"Der Kurator muss nach vollbrachter Arbeit unsichtbar werden", meint Daniel Birnbaum (r.). Angela Vettese, Co-Initiatorin des Festivals, eröffnete den dreitägigen Diskussionsmarathon mit dem Leiter der Venedig-Biennale 2009

In Gang gebracht haben es drei rührige Kunstvermittler: Pier Luigi Sacco, Italiens wichtigster Experte für Kunstökonomie und Leiter des Kulturfundrisers Goodwill, Bologna, Angela Vettese, Kunstkritikerin und Museumsleiterin und der Argentinier Carlos Basualdo, Co-Kurator der Documenta 2002, Co-Kurator Biennale 2003 und Kurator am Philadelphia Museum of Art.

In diesem Jahr hatte man rund hundert Kunstexperten eingeladen, darunter viele Kuratoren. Faenza glänzte mit Stars der Szene wie Carolyn Christov-Bakargiev, Daniel Birnbaum, Francesco Bonami, Achille Bonito Oliva, Nicolas Bourriaud, Okwui Enwezor, Hedwig Fijen und Massimiliano Gioni. Das Thema des Festivals hieß "On biennals/tutto sulle biennali". Weltweit finden heute rund 100 Biennalen statt, die man selbst mit dem Privatflugzeug nicht mehr alle erreichen könnte. Fluch oder Segen?

Angela Vettese beklagte die Inflation von Biennalen. Außerdem sei es wie beim Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, am Ende würden immer dieselben Kuratoren zu Leitern der Großausstellungen gewählt. Die Biennalen hätten auch nichts mehr mit ihrem Standort zu tun: "Sie haben sich von der Erde gelöst und kreisen staatenlos wie Satelliten". Auch Hedwig Fijen, Leiterin der Stiftung Manifesta, zeigte sich besorgt: "Die Großausstellungen nehmen nicht nur zu, sondern hinter ihnen stehen oft keine starken Ideen mehr." Die Wanderbiennale Manifesta sei 1989 gleich nach dem Mauerfall gegründet worden, um ein paneuropäisches Gesellschaftsgefühl zu stärken. 2010 soll die Manifesta in Murcia, Spanien, stattfinden. Hedwig Fijen will sich dabei ausschließlich auf Kuratoren-Teams und interdisziplinäre Kollektive stützen. Doch blieb ihr die Kritik nicht erspart. Angela Vettese sagte: "Die Manifesta hat es nicht geschafft, sich durchzusetzen. Sie hat nur an finanziell gut gepolsterten Orten, wie Rotterdam, Frankfurt oder Südtirol stattgefunden. Sarajewo wäre interessanter gewesen." Adam Burdak, Co-Kurator der letzten Manifesta, sagte: "Die Biennalen müssen neu überdacht werden. Aber es gibt nur eins: fail better, fail again."

Niemand beißt die Hand, die das Futter reicht

Kritik an den Biennalen war sonst ziemlich rar in Faenza. Niemand will ja in die Hand beißen, die das Futter reicht. Vor allem die italienischen Kuratoren sind zur Zeit weltweit gefragt. Francesco Bonami wird 2010 die Biennale des Whitney Museum in New York leiten. Geldsorgen? "Das Land, in dem die Finanzkrise entstand, wird sie auch meistern", sagte Bonami optimistisch. Lorenzo Fusi, bisher Leiter des Zentrums für zeitgenössische Kunst in Siena, "Palazzo Papesse", wurde zum Kurator der Biennale in Liverpool, 2010, berufen.

Der 35-jährige italienischen Kurator Massimiliano Gioni erhielt die Leitung der 8. Biennale von Gwangju, Südkorea, die 2010 stattfinden wird. Gioni ist künstlerischer Leiter der Trussardi-Stiftung in Mailand und Ausstellungsleiter am New Yorker New Museum. Die hier am 8. April eröffnete Ausstellung "Younger than Jesus" von 50 internationalen Künstlern unter 33 soll sich als Triennale wiederholen. "Die meisten Künstler habe ich in Berlin gefunden", sagte Gioni. "Diese Stadt ist eine einzige Kunstakademie unter freiem Himmel." Gioni sagt, er habe von seiner Arbeit als Co-Kurator verschiedener Großausstellungen nur seine Panikattacken in Erinnerung behalten. "Es ist absurd, den Biennalen die Schuld für so viel schlechte Kunst zu geben", sagte Gioni, "man gibt ja auch nicht dem Arzt die Schuld an den Krankheiten."

"Venedig ist die einzige Biennale"

Eröffnet wurde das Festival mit einem Gespräch zwischen Angela Vettese und dem Leiter der Kunstbiennale in Venedig 2009, Daniel Birnbaum. "Der Kurator muss nach vollbrachter Arbeit unsichtbar werden", sagte Birnbaum. Die Kunst ist für ihn eine Form der Philosophie. Seine kommende Biennale wird vor allem Künstler aus verschiedenen Generationen zusammenführen. Die Auffassung des französischen Kunsttheoretikers Nicolas Bourriaud, dass nicht mehr die Tradition der größte Feind der Kultur sei, sondern die Amnesie, bricht sich langsam Bahn. Auch die beiden Kuratoren des italienischen Pavillons in Venedig, Luca Beatrice und Beatrice Buscaroli, halten die Rückkehr zur Tradition für revolutionärer, als die Suche nach Neuigkeiten um jeden Preis.

Die Leiterin der Kunstmesse von Bologna, Silvia Evangelisti, erinnerte an die große Bedeutung der Biennalen für die Karriere der Künstler. "Messen und Biennalen sind miteinander kommunizierende Gefäße". Der Tuchfabrikant und Sammler Giuliano Gori, der seine Schätze in einem 40 Hektar großen Park "Fattoria Celle" nahe Pistoia hütet, bestätigte, dass er viele Künstler auf der Biennale in Venedig entdeckt habe. Carlo Bach, Creative Director des Espresso-Fabrikanten Illy, äußerte sich emphatisch: "Für mich existiert nur eine Biennale. Die von Venedig." Alljährlich erneuert er den Vertrag seiner Firma mit der Biennale von Venedig. Alle italienischen Mode-Luxus-Labels sponsern irgendein Projekt auf der Biennale.

Brauchen wir neue Biennalen?

Auch der Vatikan will mit dabeisein. Francesco Buranelli, Sekretär der Kommission für Kulturgüter und engster Berater des Vatikanischen Kulturministers, Gianfranco Ravasi, erläuterte auf dem Festival in Faenza seine Pläne: 2011 will der Heilige Stuhl mit einem eigenen Pavillon in Venedig auftreten. Allzulange habe die Katholische Kirche die zeitgenössische Kunst vernachlässigt. Die Künstler wurden bereits ausgewählt.

Carolyn Christov-Bakargiev, Leiterin der für 2012 geplanten Documenta 13, inszenierte im Theater von Faenza zusammen mit Carlos Basualdo eine psychoanalytische Sitzung, bei der die Kuratorin im Liegestuhl ruhend die auf sie zukommende Documenta zur Metapher für eine schrittweise Selbstentdeckung machte.

In Faenza wurde nicht das Ende der Biennalen herbeigeredet. Der Boom geht ungebrochen weiter: Chus Martinez, die zum Kuratoren-Team der 2. Biennale von Athen gehört, erzählte, dass die Vorbereitung der für September 2009 geplanten Schau weitergehe, auch nachdem die Stadt Athen jede Unterstützung abgelehnt habe. Auch im norwegischen Bergen wird es demnächst eine Biennale geben. Brauchen wir neue Biennalen? "Ja, sicher", sagte der belgische Kurator Philippe van Cauteren. Er hat 2003 gemeinsam mit Jan Hoet in Fortaleza, einer Zwei-Millionen-Stadt im Nordosten Brasiliens eine Biennale für zeitgenössische Kunst ins Leben gerufen, zu der 200 000 Besucher kamen. Es gibt ja noch so viel Land zu missionieren.

Maurizio Cattelan lud 1999 zu einer internationalen Großausstellung in die Karibik, wo nichts zu sehen war. Die angereisten Journalisten haben ihm diese Parodie auf die Biennalen bis heute nicht verziehen. Vom Gipfeltreffen der global vernetzten Kuratoren in Faenza bleibt vor allem der Wunsch des italienischen Kunstkritikers Achille Bonito Oliva nach mehr "kleinen, intensiven, konzentrierten Ausstellungen" in Erinnerung. "Die Biennalen sind wie ein Heer von Verkehrsschildern, die uns etwas signalisieren, ohne uns etwas mitzuteilen."

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