Sennett und Chipperfield - Berlin

Soll das Museum nicht lieber eine Schule werden?

Ein Gipfeltreffen der Urbanistik in Berlin: Der Architekt David Chipperfield, der Soziologe Richard Sennett und der Schriftsteller Alexander Kluge sprachen am Donnerstagabend über die Entwicklung der Stadt. Allerlei pessimistische Thesen wurden ausgetauscht, doch die ideale Stadt scheint es trotzdem zu geben: Sie liegt in der Ukraine
Drei Tenöre der Urbanistik:das Geheimnis der unzerstörbaren Stadt

Sprachen über Gegenwart und Zukunft der Stadt, v.l.n.r.: Bernd M. Scherer, David Chipperfield, Richard Sennett, Alexander Kluge

Großer Andrang ist noch untertrieben: Schon eine Stunde vor Beginn der Podiumsdiskussion ist das Auditorium am Donnerstagabend restlos überfüllt.

Ein Filmessay von Alexander Kluge zum Thema "Stadt" läuft im Haus der Kulturen der Welt – Auftakt zur dreitägigen Veranstaltung "Stadt – Religion – Kapitalismus", in der "Wendepunkte der Zivilisation" behandelt werden sollen. Als der Film zu Ende ist, leert der Saal sich kurz, um sich rasch wieder zu füllen.

Kein Wunder: Auf dem Podium sitzen nun der britische Architekt David Chipperfield, der amerikanische Soziologe Richard Sennett und der deutsche Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge. Das ist nicht nur geballte Kompetenz zum Thema Stadt. Das sind auch drei Stars ihres jeweiligen Fachs: Chipperfield als Museumsretter und Minimalist der Architektur, Sennett als Wortführer einer kapitalismuskritischen Soziologie des Urbanen, Kluge als intellektuell versierter Geschichtensammler und merzähler der heutigen Gesellschaften.

Bernd M. Scherer, Intendant des HdKW, moderierte das Gespräch, ließ das genaue Thema des Abends aber zu sehr im Unklaren. Worum sollte es jetzt genau gehen: Um die Stadt heute allgemein? Um Architekturentwicklung in Europa? Um schnell wachsende Megacities in Pakistan und anderswo? Um die Frage, was ein gutes Gebäude ausmacht? All diese Fragen wurden gestellt und irgendwie auch beantwortet; der Debatte fehlte aber Fokussierung. Kurzreferate zweier zusätzlicher externe Experten nahmen ihr am Schluss dann jegliche Konzentration. So kann man nur versuchen, im Nachhinein ein paar der interessantesten Gedanken einzusammeln.

David Chipperfield sprach über den aktuellen Zustand des Städtebaus in Europa. Wir hätten uns daran gewöhnt, nur über spektakuläre Gebäude der Stararchitekten zu sprechen (auch über seine eigenen). Ein Bild davon, wie eine Stadt insgesamt aussehen solle, sei aber nicht mehr vorhanden. Bis ins 19. Jahrhundert seien die Städte organisch gewachsen, danach kam die Zeit der Visionen, in der Le Corbusier und andere große Entwürfe des urbanen Lebens entwickelten. Diese seien großenteils gescheitert, und so gebe es heute nur noch eine Idee vom städtischen Bauen: die kommerzielle. Investoren seien die Wortführer der Stadtentwicklung, besonders auffällig in der Finanzmetropole London, wo derzeit Hunderte von Türmen gebaut würden – ohne dass irgendwer sich um die Folgen für das städtische Leben kümmere. "Wir haben dann eine imposante Silhouette, aber keine Idee mehr davon, wie das Leben auf der Straße funktionieren soll", so Chipperfield.

Richard Sennett konnte diesem pessimistischen Befund wenig Optimistisches entgegen setzen. Er ergänzte ihn vielmehr um die Beobachtung, dass Gebäude heute sehr genau auf ihre Funktion zugeschnitten seien. "Könnte man ihr Neues Museum hier in Berlin vielleicht auch einmal als Schule nutzen?", fragte er provokativ David Chipperfield. Der lachte nur. Eine Stadt müsse durchlässig sein, Gebäude müssten auch Umnutzungen erlauben. Sennett wurde vom Moderator leicht genötigt, noch mal seine bekannten Thesen zur Offenen Stadt, etwa die Notwendigkeit "unvollendeter Formen" in der Architektur darzustellen. Sennett wirkte dabei so routiniert-gelangweilt wie Udo Jürgens, der seine größten Hits wieder spielen muss, aber eigentlich lieber Jazzstandards neu einsingen würde. Er erneuerte noch einmal sein altes Credo, dass die Stadt der Ort der Durchmischung und der Austragung von Konflikten sei: "Der Kapitalismus tendiert zur Zerstreuung, nicht zur Konzentration."

Einen schönen Akzent in der Debatte setzte Alexander Kluge, indem er die Geschichte der Stadt Lemberg in der West-Ukraine in Schlaglichtern beschrieb. Einst ein stolzes, in die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie eingegliedertes Gemeinwesen, wurde Lemberg später durch Krieg und Massenmord beschädigt und geschunden. Kluge stellt sie aber als Stadt dar, die ihre architektonische und bürgerschaftliche Identität durch die sowjetischen und postsowjetischen Zeiten gerettet hat und die heute zu den Zentren des demokratischen Aufbruchs in der Ukraine gehört. Die Botschaft lautet: Eine gute Stadt ist unzerstörbar! Die Berliner haben es gerne gehört.