Raubkunst - Uwe Hartmann

Restitution ist kein freudiger Akt

Spektakuläre Raubkunstfälle sorgten in den letzten Wochen wieder für Schlagzeilen in den Feuilletons. Über die Probleme aber auch die Fortschritte der Provenienzforschung in Deutschland sprach art-Korrespondent Kito Nedo mit Uwe Hartmann, dem Leiter der seit einem Jahr existierenden Arbeitsstelle für Provenienzrecherche in Berlin.
"Restitution ist kein freudiger Akt":Uwe Hartmann über Probleme mit Provenienzen

Uwe Hartmann, Leiter der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche

Herr Hartmann, was genau macht die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche?

Uwe Hartmann: Es sind im Wesentlichen zwei Aufgaben, die vom Team der Arbeitsstelle wahr genommen werden. Wir sind für die Durchführung der Antrags- und Bewilligungsverfahren verantwortlich, und damit für die Vergabe der Fördermittel, die seit 2008 vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur- und Medien für die Stärkung der Provenienzforschung bereit gestellt werden, an Museen, Bibliotheken, Archive und andere öffentliche Einrichtungen in Deutschland. Das beinhaltet die Bearbeitung der eingereichten Projektanträge, die Beratung der Antragsteller, die Vorbereitung der Sitzungen des Beirats der Arbeitsstelle, der die Bewilligungsempfehlungen ausspricht, das Ausstellen der Zuwendungsbescheide. Als zweiten Aufgabenkomplex sehen wir den Auf- und Ausbau einer Infrastruktur für die Provenienzforschung in Deutschland. Hier bieten wir uns als koordinierende und beratende Institution an, die einen effektiven Beitrag zur Vernetzung der in diesem Bereich tätigen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten kann, die mithilft, Recherchewege zu verkürzen oder einen doppelten Rechercheaufwand für die Rekonstruktion ein und desselben Entzugs- oder Erwerbungsvorgangs zu vermeiden. In diesem Sinne werden wir in Zusammenarbeit mit den Einrichtungen, die ihre Projekte erfolgreich abgeschlossen haben, auch die Forschungsergebnisse dokumentieren.

Im letzten Jahr hatten sie lediglich neun Anträge auf Förderung von Restitutionsforschung, in diesem Jahr dreimal so viel – ist das ein Erfolg?

Das Ergebnis ist aus unserer Sicht sehr erfreulich. Es zeigt sich, dass dieses Förderinstrument zu greifen beginnt und notwendige Recherchen und Forschungen nun angegangen werden können. Sie sind äußerst arbeits- und zeitintensiv und waren bisher von den Einrichtungen mit deren eigenen Mitteln nicht zu bewerkstelligen. Es ist klar, dass noch eine Vielzahl solcher Aufgaben sowohl in der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung als auch in öffentlichen Museen, Bibliotheken und Archiven in Deutschland zu bewältigen sein wird.

Haben Sie bald ein Finanzierungs-Problem?

Mit dieser Frage wurden wir seit Bestehen unserer Arbeitsstelle immer wieder konfrontiert. Seit dem Jahr 2008 werden aus dem Haushalt des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Unterstützung der Provenienzrecherche und -forschung jährlich Fördermittel in Höhe von einer Million Euro zur Verfügung gestellt. Und die Kulturstiftung der Länder finanziert die Arbeitsstelle. Da wir praktisch erst in der zweiten Jahreshälfte 2008 mit der Umsetzung dieser Förderung beginnen konnten und die Mittel nicht ausgeschöpft wurden, sind wir in diesem Jahr in der glücklichen Situation, dass für Provenienzforschungsprojekte mehr als eine Million Euro bereitgestellt werden.
Wenn wir uns den durchschnittlichen Finanzierungsbedarf der bislang bei uns eingereichten Projekte anschauen, dann kann ich sagen, dass sich mit Fördermitteln in diesem Umfang – nicht zuletzt auch stets als Anschubfinanzierung verstanden – in diesem Forschungsbereich einiges bewegen lässt.



Es wurden 27 Anträge eingereicht, für 17 hat der Beirat der Arbeitsstelle eine Bewilligungsempfehlung ausgesprochen.
Unter den Einrichtungen, denen eine Förderung der Provenienzforschung zuteil wird, finden sich große überregional und international bekannte Museen wie das Museum Folkwang Essen ebenso wie kleinere stadtgeschichtliche oder Heimatmuseen wie das Museum im Mönchenkloster im brandenburgischen Jüterbog. Bemerkenswert ist auch der Anteil von öffentlichen Bibliotheken unter den Antragstellern. Es zeigt sich also, dass sich die Nachforschungen nach NS-Raubgut in den eigenen Sammlungsbeständen nicht auf die bekannten Meisterwerke beschränken. Zudem wurden erneut auch Projekte bewilligt, die eine Erschließung und Auswertung von Archivbeständen, beispielsweise Nachlässe von Kunsthändlern, zum Gegenstand haben. Hier wird also zunächst nicht von einem konkreten Werk oder Objekt ausgegangen, sondern praktisch aus der entgegengesetzten Perspektive danach gesucht, welche Werke ein Kunsthändler unter welchen Umständen erwarb und an wen er sie veräußerte.

Sieben Anträge wurden zurückgestellt, was heißt das?

Wenn die Mitglieder des Beirats sich für die Zurückstellung eines Antrags ausgesprochen haben, dann befand sich das geplante Projekt mit seinem wissenschaftlichen Gegenstandsbereich in Übereinstimmung mit den inhaltlichen Anforderungen der Förderrichtlinien und Bewilligungsgrundlagen. Es blieben dann aber Fragen zur Organisation und praktischen Durchführung offen. Das können beispielsweise Fragen zu einem angemessenen Verhältnis zwischen den eigenen Aufwendungen der Antragsteller und der Höhe der beantragten Fördermittel sein. Zurückgestellt heißt also nicht abgelehnt! Bei allem Verständnis für die Enttäuschung der Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen, ein Projekt möglicherweise nicht zum geplanten Zeitpunkt beginnen zu können – sie werden mit dieser Entscheidung ermutigt, ihre Arbeit weiter zu führen, und sie dürfen mit einer finanziellen Unterstützung rechnen.

Können Sie ein Beispiel eines geförderten Projekts nennen und auf die Förderungsgründe eingehen?

Im Rahmen des vom Museum Wiesbaden geplanten Projekts sollen die Erwerbungsumstände für jene Bestände, die während der Zeit des Nationalsozialismus in die Sammlung gelangt waren, näher untersucht werden. Das ist auf den ersten Blick eine Aufgabe, vor der sich alle öffentlichen Kulturgut bewahrenden Einrichtungen in Deutschland gestellt sahen und sehen. Sie erhält hier aber eine besondere Dimension, denn seit 1934 war Hermann Voss Direktor der dortigen Gemäldegalerie. 1943 wurde Voss zum Nachfolger des verstorbenen Hans Posse sowohl als Direktor der Dresdner Gemäldegalerie als auch als Beauftragter für den Sonderauftrag Linz, also die Einrichtung und wissenschaftliche Betreuung der Sammlungsbestände für das von Hitler geplante Führermuseum in Linz, berufen. Das Museum in Wiesbaden wurde auch nach diesen Berufungen weiter von ihm geleitet. Zwischen 1935 und 1944 wurden im Auftrag von Hermann Voss 196 Gemälde, vier Plastiken beziehungsweise Skulpturen und vier grafische Arbeiten durch das Wiesbadener Museum erworben. Allein auf Grund der exponierten Stellung von Hermann Voss im Museumsbereich während der NS-Zeit und insbesondere natürlich vor dem Hintergrund seiner Tätigkeit als Beauftragter für das Führermuseum sind die Erwerbungen für das Museum Wiesbaden im Hinblick auf ihre Provenienz kritisch zu betrachten. Diese Einschätzung, dass zahlreiche der damals erworbenen Stücke aus jüdischem Besitz stammen könnten, wird auch durch eine im Jahr 2007 erfolgte Restitution gestärkt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums haben eine Vorauswahl von 40 Gemälden getroffen, die nun in Realisierung des beantragten Projektes eingehend auf ihre Provenienz überprüft werden sollen.

"Tragische Schicksale eines Sammlers und seiner Familie"

Warum dauert es oftmals so lange, bis die Neugier der Museen in eigener Sache erwacht?

Da gibt es aus meiner Sicht eine Reihe von Gründen. Zwar sehe ich grundsätzlich, dass in den Museen und anderen öffentlichen Einrichtungen das Wissen um die Verantwortung insbesondere in den vergangenen zehn Jahren nach der Washingtoner Konferenz kontinuierlich gewachsen ist. Aber bisher war es nicht so einfach, bei knappen Ressourcen und einer großen Vielfalt von Aufgaben hier eine deutliche Priorität zu setzen. Die finanziellen Voraussetzungen sind nun deutlich verbessert. Die Suche nach NS-Raubgut in den eigenen Beständen ist nach meiner Auffassung eng und eigentlich untrennbar mit der Rekonstruktion der Geschichte der Sammlung und der jeweiligen Institution verbunden. Dabei geht es auch immer um die Frage, auf welche Art und Weise ein Direktor oder etwa Mitarbeiter während der NS-Zeit ihren Beruf ausgeübt haben. Hier kritische und differenzierte Bewertungen vorzunehmen, ist nicht leicht und vielleicht auch schmerzlich, wenn es um Persönlichkeiten geht, die sich davor oder danach große Verdienste um den Aufbau oder die Ausprägung des Profils einer Sammlung erworben haben. Gleichwohl muss nach meiner Überzeugung die stetige Beschäftigung mit der eigenen Geschichte stattfinden. Abschließend möchte ich eine weitere mögliche Ursache benennen. Zunächst waren fast alle Verantwortlichen davon ausgegangen, dass die zwischen 1933 und 1945 in die jeweilige Sammlung gekommenen Werke und Objekte auf ihre Provenienz überprüft werden müssen. Das ist im Kern nach wie vor richtig und sollte auch den Schwerpunkt der Nachforschungen bilden. In den vergangenen Jahren wurden jedoch einige Museen mit Fragen zur Provenienz von Werken konfrontiert, die sie in der Nachkriegszeit, teilweise erst vor wenigen Jahren, im Kunsthandel erworben hatten. Angaben zu weiteren Vorbesitzern waren vielfach nicht vorhanden. Mit weiteren Nachforschungen wurde dann erst begonnen, wenn konkrete Fragen oder auch Forderungen von Erben, Anwälten oder Journalisten vorlagen. Provenienzforschung hat zum Gegenstand, Überlieferungslücken zu schließen. Überlieferungslücken entstehen oftmals schon innerhalb einer Familie zwischen zwei Generationen. Es gibt sie, vor allem im Ergebnis der zeitgeschichtlichen Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts, eben auch in den öffentlichen Einrichtungen.

Was halten Sie von immer wieder erhobenen Forderungen nach einem Ende der Restitution von NS-Raubkunst?

Solange ein Unrecht fortbesteht, das im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Herrschaft entstanden ist, und solange es Menschen gibt, die unter den Folgen dieses Unrechts leiden oder bis heute Nachteile hinnehmen müssen, sollte nach meiner Überzeugung auch die Restitution von Kunstwerken aus öffentlichen Sammlungen als eine Option bestehen bleiben, faire und gerechte Lösungen zu finden, wie es in den Washingtoner Prinzipien formuliert wurde. Auch als Kunsthistoriker steht für mich hier eines im Vordergrund: Jüdischen Kunstsammlern und anderen von den Nationalsozialisten Verfolgten wurde zwischen 1933 und 1945 das Recht genommen oder zumindest stark eingeschränkt, über ihr Eigentum zu verfügen. Dazu gehört auch, dass sie es ihren Nachfahren nicht vererben konnten. Der Anspruch der Erben, heute uneingeschränkt über ihr Eigentum verfügen zu können, ist aus meiner Sicht nicht in Frage zu stellen.

Wie gehen Sie mit Museen um, die die Restitution von Raubkunst ablehnen?

Aufgabe der Arbeitsstelle ist es, wie ich schon sagte, den öffentlichen Sammlungen Unterstützung zu gewähren, um die Herkunft der Objekte möglichst zweifelsfrei zu belegen. Wenn in den vergangenen Jahren die Verantwortlichen in einigen Häusern eine Restitution mit der Begründung ablehnten, dass bestimmte offene Fragen noch zu klären wären, dann möchte ich sie dazu ermutigen, solche Vorhaben in Projekte zu fassen und Förderanträge bei uns einzureichen.
Liegen gesicherte Erkenntnisse zur Provenienz eines Stückes und zu seinen Verlust- beziehungsweise Erwerbungsumständen vor, so sind das die besten Argumente für oder gegen die Entscheidung, es für die Sammlung zu bewahren oder zu restituieren.

Also widersprechen Sie der wiederholt geäußerten Meinung, dass viele deutsche Museen nicht durch Restitutionsfreudigkeit auffielen?

Ich denke, diese Wortwahl wird sowohl den Menschen nicht gerecht, die in öffentlichen Sammlungen, Bibliotheken Verantwortung für die Bewahrung des ihnen anvertrauten Kulturguts tragen, als auch jenen, die berechtigte Ansprüche auf die Herausgabe solcher Gegenstände vorbringen. Restitution ist kein freudiger Akt des Ver- oder Beschenkens. Museen, Bibliotheken und Archive haben sei jeher die Aufgabe und den gesellschaftlichen Auftrag, Kulturgut als Zeugnisse vergangener Epochen für die nachfolgenden Generationen zu bewahren. Werke aus einem Zusammenhang zu reißen, der möglicherweise über einen Zeitraum von 50, 60, oder 70 Jahren bestanden hat, ist für jede Sammlung ein einschneidendes Ereignis. Ein solcher einschneidender Schritt ist nur in Ausnahmefällen zu rechtfertigen. Die Herausgabe von Objekten, die auf eine nicht rechtmäßige Art und Weise in die Sammlung gelangten, da sich ihre Eigentümer nicht im Ergebnis einer freien Entscheidung von ihnen getrennt hatten, stellt einen solchen Ausnahmefall dar. Diejenigen, die heute in der Verantwortung stehen, tragen die Schuld der Generation von Museumsbeamten, Bibliothekaren und Archivaren ab, die maßgeblich die bestehende Situation mit herbeigeführt haben. Wenn Museumsmitarbeiter über Jahrzehnte herausragende Objekte präsentieren konnten, Forschungen hierzu geleistet haben oder die Substanz sicherten, ist eine Restitution gerade dann um so schmerzlicher, wenn in den Jahren zuvor keine Hinweise auf einen Eigentumsverlust infolge der nationalsozialistischen Herrschaft vorlagen. Ich denke, dass auch bei den Nachfahren und Erben der Sammler, die als Verfolgte der Nationalsozialisten ihr Eigentum verloren hatten, im Falle einer Restitution von Sammlungsbeständen eher das Gefühl der Genugtuung als das der Freude vorherrscht. Die Restitution eines Objekts bedeutet zugleich die Anerkennung des zugefügten Unrechts und erinnert an tragische Schicksale. Das sind keine freudigen Momente. Die schwierigsten Augenblicke für einen Provenienzforscher sind nach meiner Erfahrung die, wenn in Kenntnis des tragischen Schicksals eines Sammlers und seiner Familie den Nachfahren mitgeteilt werden muss, dass dieses oder jenes Werk zwar zum Eigentum dieses Sammlers gehörte, eine Veräußerung nach dem 30. Januar 1933 aber nachweisbar nicht im Zusammenhang mit nationalsozialistischer Verfolgung und dem damit verbundenen Schicksal stand.