Bilbao Art District - Bilbao

Aufbruchstimmung am Nervión

Ein neues Kunstviertel in Bilbao soll den Guggenheim-Effekt nun auch auf krisengeschüttelte Galerien und Ateliers übertragen, berichtet art-Autor Manuel Meyer von der Eröffnung des "Bilbao Art District".
Eröffnung:Der Art-District von Bilbao

Das Guggenheim Museum Bilbao

Auch nach 16 Jahren hat der Guggenheim-Effekt in Bilbao nicht nachgelassen.

Ganz im Gegenteil: Im vergangenen Jahr lockte der spektakuläre Kulturtempel aus Titan und Stahl erneut über eine Million Besucher in die nordspanische Kunstmetropole. Neben dem Guggenheim-Museum selber profitieren vor allem die umliegenden Hotels, Restaurants und Geschäfte vom Tourismusboom, den das avantgardistische Gebäude von Architekt Frank O. Gehry am Fluss Nervión seit 1997 ausgelöst hat.

Nun aber wollen auch die hart von der spanischen Wirtschaftskrise getroffenen Galeristen, Künstler und andere Kultureinrichtungen mehr vom Guggenheim-Effekt profitieren und eröffneten deshalb am Wochenende den "Bilbao Art District". In der unmittelbaren Umgebung des Guggenheim-Museums befinden sich die wichtigsten Galerien der Stadt, viele andere Museen, Ateliers und Kultureinrichtungen. Doch nur wenige Touristen und potentielle Kunstkäufer nehmen dies überhaupt wahr. "Mit unserer Initiative wollen wir sichtbarer werden", erklärt Galerist Michel Mejuto, einer der Mitbegründer der Initiative.

Die Idee funktioniert: Seine Galerie, in der Werke des baskischen Malers Aurelio Arteta (1879 bis 1940) gezeigt werden, ist heute besser besucht als sonst. Das Straßenfest, das die zahlreichen Galeristen in der Calle Juan de Ajuriaguerra gemeinsam zur Eröffnung des "Kunstviertels" organisiert haben, zieht Hunderte von Schaulustigen an. Einige Galeristen zeigen Werke in der Straße. Für Kinder werden Malworkshops veranstaltet. Im Stadtviertel ansässige Künstler öffnen ihre Ateliers für interessierte Besucher. Modenshows, Performances und Konzerte füllen die Straßen. Sogar der baskische Aquarell-Kunstverein lädt das ganze Wochenende zum Zuschauen ein.

Die an Mejuto angrenzende Windsor-Galerie engagierte die Provokations-Künstler Fausto, Carlos Llavata und Ramón Churruca, um mit ihrer Performance und dem "Desinformations-Kiosk" die Bilbaínos anzulocken. Rechts neben Mejuto platzt die "Photo Gallery 20" von Javier Jimenez aus allen Nähten. Dass die meisten wegen des Live-Konzerts und nicht wegen der Photoarbeiten von Ruth Peche gekommen sind, stört ihn nicht. "Es geht darum, dass die Leute uns erst einmal kennenlernen. Immer noch trauen sich viele Leute nicht in eine Galerie, weil sie denken, man erwarte von ihnen automatisch, dass sie etwas kaufen", sagt Jimenez. Neben seinen Ausstellungsräumen drängeln sich Besuchermassen durch die Rembrandt-Galerie, in der Jorge Urizar Urrazas´ etwas düsteren, aber durchaus interessanten Gemälde-Visionen von Bilbao gezeigt werden.

"Bilbao hat kulturinteressierten Touristen und Kunstfans weitaus mehr zu bieten als nur das Guggenheim-Museum", versichert Galeristin Petra Pérez Marzo. Schließlich wurde das Guggenheim-Museum nicht ohne Grund in Bilbao errichtet. "Aus dem Baskenland stammen viele bekannte spanische Künstler, und durch die industrielle Vorreiterrolle des Baskenlandes gab es vor allem in Bilbao schon immer finanzkräftige Kunstsammler", versichert auch Javier Viar, Direktor des Museum der Schönen Künste. Sein bereits 1908 gegründetes Museum, dessen Kollektion von Kirchenkunst aus dem 12. Jahrhundert bis hin zur zeitgenössischen Kunst reicht, gehört zu den wichtigsten des Landes. Rund 10 000 Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen von Künstlern wie El Greco, Murillo, Zurbarán, Goya, Soralla, Gauguin, Bacon, Chillida, Tàpies, Barceló und Picasso sind hier zu bewundern. Derzeit zeigt das Museum eine Sonderausstellung mit 200 Werken des baskischen Künstlers Néstor Basterretxea.

Ein weiterer Beweis für die lange Kunstsammlertradition im Baskenlandland ist im 25. Stock des spanischen Energieriesen Iberdrola zu sehen, wo 80 Werke aus der beeindruckenden Sammlung des bilbaénischen Kunstsammlers Fernando Meana gezeigt werden. Unter den Werken befinden sich Arbeiten von Künstlern wie Juan Muñoz, Robert Rauschenberg, Merlin Carpenter oder Alighiero Boetti.

Das kulturelle Angebot in Bilbao geht weit über das Guggenheim-Museum hinaus wie das Kunstviertel im Stadtteil Ensanche zeigt. So gehören zum neuen Art District neben dem Guggenheim-Museum das Museum der Schönen Künste, das Meeresmuseum Ría de Bilbao, die Sala Rekalde, der Euskalduna-Palast sowie eine Vielzahl von Galerien, Künstlerateliers, Kunstbuch- und Designgeschäften. Auch Bilbaos zahlreiche Freiluft-Skulpturen von William Tucker, Markus Lüpertz, Salvador Dalí, Eduardo Chillida und Jeff Koons befinden sich allesamt im Stadtteil Ensanche.

Um das Besuchern sichtbar zu machen, werden Bilbaos Museen Karten des neuen Kunstviertels auslegen. Unterdessen werden Bilbaos Galeristen zukünftig nicht nur gemeinsame Projekte und Ausstellungen ins Leben rufen, sondern diese auch zeitlich mit den wichtigsten Expositionen der großen Museen abstimmen. "Den Galerien und Künstlern geht es im Zuge der spanischen Wirtschaftskrise sehr schlecht. Wir hoffen, die Initiative gibt uns wieder etwas Schwung", sagt Petra Pérez Marzo, die in ihrer Galerie Vanguardia Arbeiten des spanischen Fotografen José Manuel Ballester ausstellt.

Gerade in Krisenzeiten, in denen die Menschen sparen wollen, böte es sich doch an, vermehrt Galerien zu besuchen, die keinen Eintritt dafür nehmen, Kunst zu bewundern, erklärt auch Ballester. Er beschreibt die Idee des Art District als logische Folge des Guggenheim-Effekts. Ballester lernte Bilbao vor über 20 Jahren als "triste, deprimierende Industriestadt" kennen und sah, was nach der Eröffnung des Guggenheim-Museums aus Bilbao wurde – "eine grüne, moderne und wunderschöne Stadt mit viel Kultur und Kunst".

Der Träger des Nationalen Fotografiepreises 2010 ist vom Erfolg des neuen Kunstviertels überzeugt, Guggenheim-Direktor Juan Ignacio Vidarte ebenfalls, denn der Guggenheim-Effekt liege nicht im Gebäude begründet, wie viele Nachahmer denken, so Vidarte. Wie in anderen Ländern so haben auch in Spanien viele Städte versucht, mit einem architektonisch spektakulären Museumsbau internationale Touristenscharen anzulocken – und sind gescheitert. Das Oscar Niemeyer Kulturzentrum in Avilés ist bereits wieder geschlossen, Peter Eisenmans "Stadt der Kulturen" in Santiago de Compostela wird nicht einmal zu Ende gebaut.

"Die haben unser Konzept einfach nicht verstanden. Es reicht nicht allein, ein architektonisch interessantes Museum zu bauen. Es kommt auch auf den Inhalt, auf die Ausstellungen an", sagt Vidarte. Das Erfolgsrezept liege zudem darin, dass es sich nicht um ein isoliertes Projekt handelte, so der Museumsdirektor. "Unser Museum war der Katalysator für die wichtige Modernisierung vieler anderer Museen und der gesamten Stadt. Das hat man in anderen Städten anscheinend nicht verstanden", vermutet Vidarte.

So wurde der alte Hafen zur grünen Freizeitanlage, die Industriestadt zur Dienstleistungsmetropole. Gewerbegebiete verwandelten sich zu attraktiven Wohn- und Freizeitgebieten. Sir Norman Foster baute eine U-Bahn, Santiago Calatrava errichtete einen neuen Flughafen und zog Brücken über den Nervión. Eine Fotoausstellung im Kreativzentrum- und Architektenbüro Vivero Creativo von Asier Barredo stellt die Verwandlung der gesamten Stadt anschaulich dar. "Das war und ist das Geheimnis unseres Erfolgs", erklärt der Direktor des Guggenheim-Museums.

Der Bilbao Art District


http://www.bilbaoartdistrict.com