Joseph Beuys - Brief entdeckt

Zeige deine Wunde

Das Magazin "Der Spiegel" hat einen Kondolenzbrief von 1944 ausgegraben, den der damalige Unteroffizier Joseph Beuys an die Eltern eines gefallenen Soldaten geschrieben hatte. Er soll einen alten Beuys-Mythos erschüttern – doch der steht längst nicht mehr im Zentrum der Beuys-Rezeption.
Zeige deine Wunde:Neuer Brief von Beuys entdeckt

Sein Werk braucht den Mythos längst nicht mehr: Joseph Beuys, 1979

Dies sind die Fakten: Am 16. März 1944 stürzt ein Kampfflugzeug der deutschen Luftwaffe über der russischen Krim-Halbinsel ab. An Bord befindet sich der damals 22-jährige Unteroffizier Joseph Beuys. Er wird verletzt, aber er überlebt. Um diesen Absturz haben sich zahlreiche Legenden gebildet, die hartnäckigste Legende stammt von Beuys selbst: Er sei halbtot von Krim-Tataren aus dem Flugzeugwrack geborgen und über mehrere Tage hinweg gepflegt worden. Aus diesem Erlebnis leitete Beuys später seine Liebe zu "lebensspendenden" Materialien wie Filz und Fett oder zur naturnahen Lebensweise der Nomaden ab.

Schon 1996 wiesen Frank Gieseke und Albert Markert in ihrer Beuys-Biografie nach, dass diese Darstellung nicht stimmt. In Wirklichkeit wurde Beuys bereits am Tag nach dem Absturz in ein Feldlazarett eingeliefert und von deutschen Sanitätern in eine Bettdecke aus Filz gehüllt. Auch an anderen, teils selbst- und teils fremdgestrickten Beuys-Legenden herrscht kein Mangel, weshalb der 1986 verstorbene Künstler zum gefundenen Fressen für die kunsthistorische Kriminalistik geworden ist. 2008 rügte der Kunsthistoriker Beat Wyss den schöpferischen Umgang Beuys' mit der eigenen Biografie und unterstellte ihm, sich nie wirklich vom völkischen Gedankengut seiner Zeit als Hitlerjunge gelöst zu haben. Diesem Tenor folgt auch die im Mai dieses Jahres erschienene und im "Spiegel" ausführlich gewürdigte Enthüllungsbiografie von Hans Peter Riegel; der Autor hat Fotos ausgegraben, die Beuys im Kreise alter Kriegskameraden oder in Gesellschaft ehemaliger Nazis zeigen. Doch besagt dies eigentlich nur, dass Beuys im Gegensatz zu vielen Mitgliedern der sogenannten Flakhelfer-Generation keine Berührungsängste vor seiner Vergangenheit in der Wehrmacht hatte.

In seiner aktuellen Ausgabe hat der "Spiegel" nun über fünf Seiten nachgelegt. Er zitiert aus einem Kondolenzbrief, den Beuys an die Eltern des mit ihm abgestürzten und dabei umgekommenen Piloten Hans Laurinck schrieb. Schon in diesem ausführlichen Brief erscheinen das Geschehen und auch Beuys selbst in einem aus heutiger Sicht wenig glaubwürdigen heroischen Licht. Er ist also ein weiteres Indiz dafür, dass Beuys einen freien Umgang mit seinen Kriegserlebnissen pflegte. Doch was sagt das über seine Kunst?

In der großen Düsseldorfer Beuys-Retrospektive von 2011 taten die Kuratorinnen etwas geradezu Unerhörtes: Sie behandelten den Menschfischer Beuys, um den zuvor stets quasi-religiöse Glaubenskämpfe gefochten worden waren, wie jeden anderen Künstler und stellten keinen Mythos, sondern Werke aus. Es war nicht zu seinem Schaden: Zwar erschien Beuys' Spektrum als Zeichner, Bildhauer und Performance-Künstler relativ eng und ließ sich im Wesentlichen mit dem Werktitel "Zeige deine Wunde" beschreiben. Innerhalb dieser Grenzen erwies sich Beuys aber als virtuoser Gestalter entlegener Materialien.

Beuys lebenslanges Thema war die leibliche und seelische Verletzlichkeit des Menschen. Seine Medizin war das "Zurück zur Natur", zu den einfachen, urwüchsigen Stoffen, die er mit esoterischen Lehren zusätzlich mit Bedeutung auflud. Offensichtlich konnte Beuys dabei der Versuchung nicht widerstehen, seinem ästhetischen Programm einen Gründungsmythos zu verleihen. Aber sein Werk braucht diesen Mythos längst nicht mehr, hat ihn im Grunde nie gebraucht. Das Leiden, das Beuys inszeniert, ist größer als er, es zielt auf das Kreatürliche, auf die existentielle Verlorenheit des Menschen. Für diese alten Motive der Kunstgeschichte hat Beuys neue und ungewöhnliche Ausdrucksformen gefunden. Welcher Art seine persönlichen Wunden, seine Kriegs- und Nachkriegserlebnisse, waren, spielt letztlich keine Rolle mehr. Sie sind in seinen Werken präsent und nicht in seinen Erzählungen.