Robert Fleck - Bundeskunsthalle Bonn

Wieder in die internationale Liga

Der 51-jährige Österreicher Robert Fleck, bisher Direktor der Hamburger Deichtorhallen, wird neuer Indendant der Bundeskunsthalle – und löst damit Christoph Vitali ab, der im Sommer 2007 als Interimsintendant nach Bonn gekommen war. Im großen art-Interview spricht Fleck zum ersten Mal über die Zukunft der Hamburger Deichtorhallen, die Probleme in Bonn und seine ersten Ausstellungsprojekte.
Das große art-Interview:Robert Fleck über seine Bonner Pläne

Dr. Robert Fleck, Direktor der Deichtorhallen Hamburg – und ab Januar 2009 neuer Indendant der Bundeskunsthalle in Bonn

Herr Fleck, Sie treten in Bonn ein schwieriges Erbe an – aber Sie sind ja schwierige Situationen bereits gewöhnt. Ich nehme mal an, Sie hatten die Nase voll von den ständigen Finanzierungsproblemen der Deichtorhallen?

Robert Fleck: Nein, wir sind immer gut mit dem Geld ausgekommen. Wir hatten auch in diesem Jahr ein ausgeglichenes Budget. Erst gestern haben wir in der Aufsichtsratsitzung die Haushaltssituation besprochen. Im Vorjahr hatten wir noch ein leichtes Defizit, dies haben wir nun aber fast ganz ausgeglichen. Es ist natürlich sehr eng, aber es ging schon.

Aber ohne private Galerien, die Ausstellungen mitfinanzierten, wie zum Beispiel die Galerie Contemporary Fine Arts bei der Meese-Ausstellung, wären viele ambitionierte Schauen überhaupt nicht realisierbar gewesen.

Ja, klar. Bei Fischli & Weiss waren es die Künstler selbst, die die Ausstellung durch eine neue Edition finanziert haben. Auch bei Stephan Balkenhol war das so. Und bei Georg Baselitz wurde der Transport kofinanziert. Wenn der Kunstmarkt in der Krise steckt, wird dies natürlich alles schwieriger.

Finden Sie das nicht problematisch? Ein Haus komplett für private Sammler, Unternehmen und Galerien zur Verfügung zu stellen sei "Wahnsinn", kritisierte vor kurzem noch Chris Dercon, Direktor am Haus der Kunst in München.

Wir hatten das schon immer alles in der Hand. Bei Fischli & Weiss gab es zum Beispiel gar keinen Kontakt mit Galerien und auch bei Baselitz kaum. Wir wählten stets den direkten Weg über die Künstler. Aber natürlich haben wir eine private Unterstützung schon immer gebraucht. Ohne die wird es auch in den nächsten Jahren in den Deichtorhallen nicht gehen.

Bei den Deichtorhallen gab es rund 1,4 Millionen Euro Zuschuss vom Staat – bei der Bundeskunsthalle sind es 16 Millionen. Da können Sie ja nun endlich aus dem Vollen schöpfen.

Finanziell stimmt das. Wir haben bei der Pressekonferenz auch darüber gesprochen, dass es gerade heute enorm wichtig ist, nicht von Sponsorgeldern abhängig zu sein.

Das muss doch eine Erholung sein. Jetzt können Sie sich mehr auf die Kunst statt auf die Finanzierung konzentrieren.

Bei der Bundeskunsthalle gibt es natürlich ganz andere Probleme. Es erscheint mir eigentlich schwieriger. Das große Problem bei der Bundeskunsthalle ist: Das Haus ist sehr gespalten, es gibt einen sehr hohen Personalstand und ein in sich verstrittenes Team. Aber ich glaube, wenn man wieder nach vorne denkt, dann kann man auch das Team motivieren.

Trotzdem: Das Haus steckt in der Krise. Ausstellungen wie "Ägyptens versunkene Schätze" waren ein Besucherflop, statt der angepeilten eine Million Besucher kamen nur 340 000. Wie wollen Sie das angeschlagene Flagschiff wieder auf Vordermann bringen?

Ich habe mich bereits im Vorfeld bei den traditionellen Partnerhäusern wie dem Museum of Modern Art (MoMA) und dem Guggenheim Museum erkundigt und auch Kollegen direkt vor Ort befragt, ob sie wieder bei der Bundeskunsthalle mitmachen würden. Und alle haben zugesagt. Wir haben uns sogar schon zusammengesetzt und konkret an Projekten gearbeitet. Das sind Häuser, die unglaubliche Möglichkeiten haben. Für dieses Niveau gibt es in ganz Europa nur wenige Partner – und die Bundeskunsthalle ist ein solcher potenzieller Partner.

Aber was wird von Ihnen erwartet? Gibt es konkrete Vorgaben?

Die Verbindung zu diesen großen Partnern war mein Ziel – und zudem glaube ich, dass die kulturhistorischen Ausstellungen sehr wichtig sind. Denn das heutige Publikum kommt von diesen Ausstellungen, und diese Besucher darf man nicht verlieren, das wäre fürchterlich. Ich bin ja ein studierter Historiker und habe deshalb auch eine Ader für solche kulturhistorischen Themen. Und die Verbindung dieser beiden Publikumskreise herzustellen, war ja auch die ursprüngliche Idee der Bundeskunsthalle. Aber vor allem ist mir wichtig, das Haus wieder in die erste internationale Liga zu bringen.

Robert Fleck über Spektakel und Vetternwirtschaft

Ihre erfolgreichsten Ausstellungen in den Deichtorhallen – Erwin Wurm und Fischli & Weiss – waren leicht konsumierbare Konsenskunst. Werden Sie in Bonn auch auf das "nette Spektakel" setzen?

Fischli & Weiss ist schon eine zentrale Position, das lässt sich nicht so einfach als Konsens abtun. Aber das Vorbild für künftige Schauen in der Bundeskunsthalle sind sicher die großen monografischen Ausstellungen, die damals mit einer großen Wirkung stattgefunden haben. Zum Beispiel die Ausstellung von Gerhard Richter im Jahr 1993/94, die bis heute Richters Stellung begründet. Das war auch für Sigmar Polke im Jahr 1997 der Fall oder für Georg Baselitz 2004. Und zudem gibt es bis heute keine Ausstellungen, die das frühe 21. Jahrhundert wirklich definieren. In der Bundeskunsthalle kann man wirklich alles zeigen, was man zeigen will. Man kann einen großen Bogen spannen und trotzdem ganz aktuell sein – aber das klare Vorbild ist die Richter-Retrospektive von 1993/94.

Und was war nun eigentlich der Grund, der Sie zum Wechsel bewogen hat?

Es gab keinen Grund, warum ich Hamburg verlassen wollte. Aber die Bundeskunsthalle hat mich immer interessiert. Ich habe bereits 1990 den Gründungsintendanten, Pontus Hultén, und den Wiener Architekten Gustav Peichl kennen gelernt – und wir haben eine Woche zusammen verbracht. Hinzu kommt, dass die Bundeskunsthalle den Deichtorhallen sehr ähnelt. Es ist ein Haus, das von einem Ausstellungsmacher geleitet wird und kein Museum. Und es bietet ganz andere Möglichkeiten, weil eben der Haushalt viel besser ist. Auch die restauratorischen Bedingungen sind perfekt – so etwas findet man kaum noch. Die Deichtorhallen sind quasi so etwas wie ein Modellversuch gewesen.

Und haben Sie keine Angst vor der Bonner Vetternwirtschaft und Parteien-Proporz?

Wenn man das Vertrauen der Künstler hat und den Künstlern nahe ist, dann kommt man irgendwie immer durch. Und ich hatte ja schon politische Aufgaben inne, wie zum Beispiel als Biennale-Kommissar für den Österreichischen Pavillon. Wenn man sich da richtig verhält, dann arbeiten wieder alle nach vorne. Ich denke, dass es in der Politik vor allem darum geht, dass alles gut funktioniert.

Aber noch ist die Schlammschlacht nicht vorbei – Jacob Wenzel gewann seinen Prozess in zweiter Instanz und die Bundeskunsthalle muss ihn in einer "vergleichbaren leitenden Stellung weiter beschäftigen". Bedeutet dies eine Doppelspitze?

Nein. Ich habe ja nichts mit den alten Problemen zu tun. Und man hat mir sehr deutlich gesagt, dass man mich mit diesen Problemen nicht behelligen wird.

Noch einmal kurz zu Hamburg: Was halten Sie von dem Gerücht, dass der Leiter der Kunsthalle, Hubertus Gassner, jetzt die Deichtorhallen übernehmen wird?

Da gibt es viele Gerüchte. Und ich kenne die genauen Details auch nicht. Aber es gibt eine sehr gute Aussschreibung, die dem künftigen Direktor noch mehr künstlerische Möglichkeiten bietet. Und es gibt jetzt eine hochkarätige Findungskommision.

Bereits im letzten Jahr schlug eine Expertenkommission zur Entwicklung der Hamburger Museumsstiftungen vor, die Deichtorhallen in die Kunsthalle zu integrieren.

Und das konnten wir schon damals erfolgreich abwehren. Hubertus Gassner meinte schon damals: "Warum sollte ich mir 500 Meter von meinem Stammhaus selbst eine Konkurrenz schaffen?" Dies würde ja der Kunsthalle schaden. Aber es gab interessante Gespräche mit dem Sammler Harald Falckenberg über eine Art Verbund zwischen seiner Phönix-Stiftung, den Deichtorhallen und der Kunsthalle. Falckenberg hat sehr deutlich gesagt, dass er aufhören möchte – und er sich eine dauerhafte Regelung innerhalb Hamburgs wünschen würde. Und er könnte sich vorstellen, dass das Phönix-Programm auch in den Deichtorhallen gemacht wird. Aber das waren nur erste Gespräche.

Und wer wäre Ihrer Meinung nach ein idealer Nachfolger für Sie?

Den idealen Nachfolger kennt man besser nicht – denn dann wäre er ja nicht ideal. Es geht ja auch immer um neue Ideen. Aber es werden sich sicherlich sehr gute, internationale Kuratoren bewerben – gerade auch, weil die Situation aufgrund der Finanzkrise in den USA so schwierig geworden ist.

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