Gängeviertel - Hamburg

Von Wahnsinnigen und Selbstausbeutern

Das Hamburger Gängeviertel feierte einjähriges Bestehen seiner Rettungsinitiative "Komm in die Gänge" und den Fortbestand des historischen Stadtteils. Was sich im letzten Jahr im Viertel getan hat und was noch kommen wird: Wir haben uns vor Ort umgeschaut.

"Wir sind Wahnsinnige und Selbstausbeuter und immer noch so verrückt wie vor einem Jahr." Christine Ebeling, 43, ist schlank, fast schmächtig, hat dünnes blondes, Haar und rotgemalte Lippen. Die Kunstschmiedin und Bildhauerin mit der lässigen Art und der Zigarette zwischen den Lippen ist Sprecherin der Initiative "Komm in die Gänge", die vor einem Jahr mit Hausbesetzungen und Protesten gegen den Abriss des historischen Hamburger Gängeviertels auch über Hamburgs Grenzen hinweg in den Medien bekannt wurde. Am letzen Wochenende feierte die Initiative ihr einjähriges Jubiläum mit großem Fest im Viertel.

Das Gängeviertel liegt mitten in der Hamburger Innenstadt, nicht weit entfernt vom belebten Gänsemarkt mit seinen Kleidungsketten und Fastfood-Läden und ist doch so leicht zu übersehen. Über wenige enge Zugänge erreicht man die Gebäudeansammlung zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Speckstraße und damit eine Welt für sich: Farbenfroh gestrichene und mit Blumentöpfen versehene Hauseingänge reihen sich an schäbige Wohnwagen, besprühte Hauswände und vernagelte Fenster. Als die denkmalwürdigen, Mitte des 19. Jahrhunderts erbauten Häuser 2008 an einen niederländischer Investor verkauft wurden und dann im Sommer 2009 abgerissen werden sollten, gingen die Künstler auf die Barrikaden. "Dass etwas passieren musste, war klar, nicht aber der Weg", sagt Ebeling. Und so kam es zur Besetzung der Häuser, nicht nur durch die tatsächliche Besetzung der Künstler selbst, so die Sprecherin der Initiative, sondern vor allem mit der Kunst.

Kampf gegen Gentrifizierung

Die Stimmung im Viertel ein Jahr nach der großen Einnahme ist gut: Die ehemaligen Besetzer sind geschäftig dabei, das Viertel herauszuputzen für ein Wochenende voll Kunst und Kultur und vor allem für die Öffentlichkeit. Denn zum Jubiläum will die Initiative sich und ihr Revier von der besten Seite zeigen und präsentieren, was aus dem Gängeviertel geworden ist und noch werden kann.

Auch Jonas beteiligt sich an den Aufräumarbeiten. Der 23-Jährige studiert an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Illustration, ist aber "nicht mehr so oft in der Uni", sondern viel öfter im Gängeviertel. Vor gut zwei Jahren hat ihm eine Freundin erzählt, im sogenannten "Kutscherhaus" am Valentinskamp 28a seien noch Räume frei, und so hat er im Herbst 2008 dort ein kleines Atelier bezogen. Es sind größtenteils alte Wohnungen in den Hinterhöfen, in die, nach langjährigem Leerstand und zunehmendem Verfall, nach und nach die Kreativen eingezogen sind. Und diese Räumlichkeiten sind es, welche die Maler und Bildhauer, Zeichner, Kunstschmiede und Theatermacher nicht aufgeben wollten. Denn beim Kampf ums Gängeviertel geht es nicht nur um den Erhalt eines historisch wertvollen Stadtteils, sondern auch um die Forderung nach mehr und vor allem bezahlbarem Atelierraum in der Stadt und um die Verhinderung der so viel zitierten und ebenso verhassten Gentrifizierung.

"Der Winter hat zusammengeschweißt"

Im Dezember 2009 hat die Stadt Hamburg das Gängeviertel vom Investor zurück gekauft, die Künstler können vorerst bleiben. Ob der Gentrifizierung damit jedoch auf lange Sicht Einhalt geboten ist, oder eine solche nur aufgeschoben wurde, bleibt dabei fraglich. Seit der Besetzung finden nun regelmäßig Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und andere kunst- und kulturverwandte Veranstaltungen in diesem ehemaligen Arbeiterquartier statt. Zum Beispiel auch in der Galerie KunstLeben am Valentinskamp 38. Dort werden nun junge Nachwuchskünstler gezeigt, und auch die Künstler des Gängeviertels haben die Möglichkeit, ihre Arbeiten hier zu präsentieren. Melanie Klapper, 33, Kuratorin der kleinen Galerie, blickt kritisch auf das letzte Jahr zurück und erzählt, dass vor allem der Winter die Leute des Viertels zusammengeschweißt habe: Sämtliche Gebäude haben dort keine Heizung, so dass sich in den kalten Monaten herausgestellt habe, wer tatsächlich mit Herz dabei ist, berichtet Klapper. "Die, die letztes Jahr bei der Besetzung nur dabei waren, weil sie die Aktion spannend fanden, sind weggeblieben." Und auch solche, die auf Teufel komm raus ihre eigenen Vorstellungen durchbringen wollten, haben sich langsam verabschiedet. Geblieben ist ein Gemeinschaftsprojekt. Dies betont auch Christine Ebeling ständig, wenn sie von der "Familie" spricht, zu der die Kreativen des Gängeviertels gewachsen seien.

Stadt sagt Sanierungsgelder zu

Im April 2010 hat die Gängeviertel-Initiative der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt schließlich ein Nutzungskonzept für das Quartier vorgelegt. Gemeinsam mit der Stadt arbeiten die Künstler nun an der Entwicklung des Viertels, die Stadt hat die Gelder für eine Sanierung bereits zugesagt. Im Oktober soll dann eine Senatsentscheidung über das neue Entwicklungskonzept herbeigeführt werden, um endlich mit der Instandsetzung der Gebäude beginnen zu können. Diese soll dann nicht auf einen Schlag geschehen, sondern nach und nach in Teilen erfolgen, damit das künstlerische Leben im Gängeviertel nicht abebbt und auch während der Sanierungsarbeiten bestehen bleibt. Was entstehen soll, ist ein Nutzungsgemisch aus Ateliers, Wohnraum sowie Platz für soziokulturelle Projekte und Veranstaltungen.
Und so haben sich der Einsatz, die schlaflosen Nächte, der Wahnsinn und die Selbstausbeutung letztlich doch noch gelohnt.

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