10 Jahre Berghain - Berlin

Berghain bleibt sich treu

Der legendäre Berliner Club feiert sein zehnjähriges Jubiläum mit einer Ausstellung.

Das Berghain ist eine Techno-Kathedrale. Ein weltweit bekanntes, Mythen umwobenes Pilgerzentrum für Fans elektronischer Musik.

Seit zehn Jahren existiert der Club nun und lässt die Nächte Berlins noch länger werden. Jetzt feiert das Berghain mit der Ausstellung “10” öffentlich sein Jubiläum

Es ist nicht der Club selbst, der zur Kulisse dieser Ausstellung wird, sondern ein bislang nur selten der Öffentlichkeit zugänglicher Hintersaal. Es ist die andere, noch dunklere Hälfte des umgebauten Heizkraftwerks am Berliner Ostbahnhof, das 1954 im Zuge der Konstruktionen um die Stalinallee im neoklassizistischen Stil errichtet wurde.

Seit ein paar Jahren aber öffnet das Berghain diesen hinteren Saal immer wieder für einzelne Veranstaltungen. 2013 etwa führte das Staatsballett Berlin das Stück “Masse” hier auf. Norbert Bisky gestaltete damals das Bühnenbild. Jetzt zeigt Bisky in der Ausstellung “10” ein Relikt dieser Aufführung. "Tanzteppich" heißt seine Installation, in der er zwei Meter lange Planen seines damaligen Bühnenbildes, hoch von der Decke hängend, im Kreis wirbeln lässt. Unweit ist ein Gemälde von ihm angebracht. Eines seiner typischen, heroischen Männerporträts, umgeben von einem bunt-poppigen Sternschnuppen-Blitz.

Männer, männliche Genitalien oder Männerklos tauchen zu Hauf in dieser Ausstellung auf. Das Berghain, das immer schon ein Zentrum der Berliner Schwulenszene war, bleibt sich treu. Alle hier vertretenen Künstler sind entweder Teil der Berghain-Crew, sie sind Türsteher, Thekenmitarbeiter, Freunde oder haben bereits künstlerisch an dem Programm des Clubs mitgewirkt, wie Bisky oder der Medienkünstler Carsten Nicolai, der hier bereits als Elektroproduzent Alva Noto aufgetreten ist. In dem dunklen Betonkubus mit seinen massiven, über zehn Meter reichenden Säulen und der schmiedeeisernen Treppe, wo Nathan Piotrs Gemälde eines masturbierenden Herkules und Ali Kepeneks Diptychon eines Ostberliner Homosexuellen und einer Istanbuler Transgender-Frau die dunkel sexualisierte Ästhetik des Berghain bestätigen, stellt Nicolais minimale Installation “Thermic” den Nullpunkt aller Kunst in diesem Raum dar: ein Scheinwerfer, eine rechteckige Projektionsfläche. Licht auf weißer Fläche, sonst nichts.

Friederike von Rauch greift mit ihrer Arbeit “Kubus” der Stunde Null sogar voraus: Was auf der großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografie wie eine Wüstenlandschaft ausschaut, ist eigentlich eine Aufnahme vom Club, bevor er zum Club wurde. Der Boden des Kraftwerks muss jahrelang mit einer großen Plane überdeckt gewesen sein, die Rauch hier 2004 so unerkennbar abgelichtet hat. Auch Viron Erol Vert verweist mit einer Installation auf das, was hier mal war. Hoch oben am Sturz des rohen Betonkubus befindet sich eine große Zeichnung von einem Auge. Irgendwann, lang vor dem Berghain, hat ein Unbekannter sie angefertigt. Nun hat Vert, auf das muslimische Nazar-Motiv Bezug nehmend, also jenem vor Unheil schützenden Auge, das man von türkischen Amuletten und Perlen kennt, unter dieser Zeichnung viele kleine, in silberne Rahmen gefasste Vitrinen installiert, und lässt große, schwarze Tücher von der Decke hängen. Auf die Kaaba in Mekka sollen die Tücher anspielen, die zugleich die Hülle einer multiplen Schaufensterarchitektur sind.

Mythos und Voyeurismus, mit diesen Schlagwörtern spielt Viron Erol Vert. Sie treffen den Club selbst, den Tempel des Underground, von den einen zum spirituellen Ort der wochenendlichen Selbsterkenntnis erhoben, von den anderen neugierig beäugt. Sven Marquardt, der gepiercte und gesichtstätowierte Türsteher des Berghain, lässt in seiner Fotoserie “Lost Highway” ein Urgefühl für eine Szene aufkommen, aus der später das Berghain hervorgehen sollte: Andere Türsteher des Clubs lässt er in einer verlassenen urbanen Szenerie posieren. Die äußere Gefangenheit der trashigen Umgebung und die innere Flucht ins Abseitige, die sich in den verlebten, melancholischen Gesichtern der Porträtierten widerspiegeln, verweisen auf ein Ostberlin der Vorwendezeit. Künstlerin Sarah Schönfeld hingegen geht kriminologisch vor. Sie sammelte Urin der Berghain-Gäste. In einer vier Meter langen, dunkel beleuchteten Vitrine ist es nun das literweise Dokument einer herausgespülten Wochendekstase.

Um Avantgarde geht es in dieser Ausstellung nicht. Den aktuellen Zeitgeist der Kunst kann man hier, unter Nathans Herkules, Marquardts neuromantischen Porträts oder Marc Brandenburgs Pissoir-Tatoos am Kioskhäuschen nicht aufspüren. Kurator Christoph Tannert möchte vielmehr eine geistige Haltung dieses Ortes aufzeigen. Die dicken Bässe des Ostgut-Sounds, die Darkrooms, die strikte Türpolitik, die roughe Architektur, die gesamte dunkle Ästhetik dieses Techno-Tempels fängt er hier ein. Eine Ästhetik, die immer schon von einer Künstler-Community geprägt wurde, ob sie nun feiern, Einlass gewähren oder ausschenken.

Zehn Jahre Berghain

Ausstellung in der Halle am Berghain
bis 31. August 2014
Dienstag – Sonntag, 16 – 23 Uhr
http://berghain.de/events/